Musik

Paul Wellers "More Modern Classics" "Ohne Band wäre ich jetzt beim Bau"

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Ist selbst ein moderner Klassiker: Paul Weller.

(Foto: dpa)

Nur wenige haben in den Geschichtsbüchern der britischen Popmusik derart viele Seiten gefüllt wie Paul Weller. Im n-tv.de Interview spricht der Modfather über seine politische Vergangenheit, das Britpop-Jubiläum und seine erste Modekollektion.

n-tv.de: Paul Weller, vor wenigen Wochen wurde der Sieg im Eurovision Song Contest zu einem Polit-Happening hochgekocht. Erzkonservative geiferten, die Gay Community jubelte: eine Lady mit Bart. Pop und Politik - hat das noch etwas miteinander zu tun?

Paul Weller: Warum nicht? Politik als solches war schon immer ein Bestandteil von Popmusik. Schau dir alte Folksongs an, vor Urzeiten, die transportieren oft politische Inhalte.

Kann ein Popsong die Welt verändern?

Als Teil unserer Kultur gehört Musik zu unserem Leben. In ihren besten Momenten ist sie im Einklang mit den Menschen. Das kannst du von den meisten Politikern sicher nicht sagen. Musik hat keine hidden agenda. Sie sagt dir unmittelbar, was sie ist. Jedenfalls, wenn es sich um gute Musik handelt und sie nicht nur Umsatz zum Ziel hat.

Wie siehst du den politischen Aspekt deiner Karriere?

Ich bin Musiker, Politik ist mir egal.

Das war aber mal ganz anders, oder?

Es war früher auch eine andere Zeit. Damals in den 80ern etwa, in England jedenfalls. Mit Margaret Thatcher an der Macht. Die Feindbilder waren klarer definiert, die Zeiten waren extremer.

Mit der Initiative "Red Wedge" bist du explizit politisch aktiv gewesen. Unter der Leitung von Billy Bragg ging es darum, junge Leute für Labour zu begeistern, um die Eiserne Lady zu stürzen.

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Macht Musik, keine Politik: Paul Weller.

(Foto: imago/Future Image)

Die Formel war simpel, es gab nur zwei Seiten. Entweder du bist dafür oder du bist dagegen, die Konturen waren viel schärfer. Heutzutage in England ist das völlig anders. Politiker sind einander so ähnlich, du kannst sie oder ihre Inhalte kaum auseinanderhalten. Sie kommen von denselben Schulen, reiche Jungs aus der Middle Class.

Geht es heute früher um so etwas wie Karriere?

Das ist etwas, was sich nicht verändert hat: Es kommt immer darauf an, wo du herkommst. Ich komme aus der Working Class. Da ging es nicht um Karrieren und große Pläne. Meine Kumpels in der Schule hatten nur ein notwendiges Ziel: irgendwie einen Job bekommen. In der Fabrik, im Baugewerbe. Und ich bin nun mal in einer Band gelandet.

Welcher Job wäre es für dich geworden, hätte es damals The Jam nicht gegeben?

Ich wäre wohl zum Bau gegangen. Es gab gutes Geld zu verdienen, immer unterwegs. Diese Art des Losgelöstseins hätte mir gefallen.

Die Gallaghers gingen einst in der Downing Street ein und aus, Springsteen singt für Obama. Wäre so etwas heute für dich denkbar, einen Politiker mit einer Vision zu unterstützen?

Nein. Ganz klar nein. Ich wäre einfach viel zu skeptisch nach den Erfahrungen, die ich in den 80ern gemacht habe. Die Leute, die ich damals im Rahmen meines Engagements kennengelernt habe, waren selbstverliebte, egoistische Karrieristen und tickten völlig anders als ich. Es ist heute dasselbe: Sie durchlaufen Eton und fuckin' Oxford College, können sich auf die Kohle von Mami und Papi verlassen und Karriere machen. Und darum geht es ihnen letztlich: um ihre Laufbahn, nicht die politische Arbeit für Menschen. Es geht um ihren persönlichen Erfolg und das Instandhalten ihrer Klasse. Es geht nicht um Liebe, Hoffnung und Optimismus für das Land. Sie dienen einzig und allein sich selbst.

Stichwort Gallaghers und Oasis - in diesen Tagen beschäftigt ein Jubiläum die Musikmagazine, 20 Jahre Britpop werden abgefeiert. Wie siehst du diese Art popkultureller Revision?

Es ist mit dieser Szene genau wie mit jeder anderen aus irgendeiner Dekade. Es gibt immer ein paar großartige Platten, tolle Musiker, aber eben auch einen Riesenhaufen Mist. Popgewinnler, die sich dranhängen und nur kopieren. Das war immer schon so, ob nun in den 90ern oder etwa beim Psychedelic Sound in den Sixties.

Nachdem es zu Beginn der 90er in deiner Karriere düsterer aussah, bezog sich plötzlich jede Britband auf deine alte Band The Jam, auf dich als grundlegenden Einfluss.

Klar ist das cool, natürlich hat mir das gefallen. Es gab auch einiges an guter Musik. Ich hab es nur nie Britpop genannt, das war ein Marketinglabel, um es besser unter die Leute zu bringen. Davon abgesehen gab es zu Beginn der 90er auch tolle Hip-Hop-Sachen wie etwa A Tribe called Quest, coole Soulplatten. Ich habe diese Aufbruchstimmung damals sehr stark empfunden. Die Mauer war gefallen, Mandela wurde aus dem Gefängnis entlassen, der Kommunismus hatte sich erledigt. Es waren optimistische Zeiten.

Dein neues Album "More Modern Classics" ist eine Best-of-Sammlung. Wie ist die Arbeit daran für jemanden, der vornehmlich nach vorn schaut und kaum zurück?

Oh, das war ja meine eigene Idee. Irgendwann stellte ich fest, wie lange die letzte Songsammlung her ist.

Fünfzehn Jahre …

Genau. Und wie viel Material in dieser Zeit zusammengekommen ist.

Jimmy Page erzählte jüngst, wie er sich für die Remasters-Alben von Led Zeppelin durch Hunderte von Tapes gehört hat.

Allein der Gedanke ist für mich der Horror. Das hier sind einfach die A-Seiten, dazu ein paar Extra-Songs.

Schlummern von dir noch irgendwo alte Aufnahmen im Keller?

Nein, wenn irgendetwas halbwegs brauchbar war, dann habe ich es veröffentlicht. Wenn etwas nicht rausgekommen ist, dann hatte es seinen Grund. Nämlich den, dass es nichts taugte.

Was unterscheidet den "normalen" Song vom Klassiker?

Naja, "Classics" - das ist eher vorwitzig von mir gemeint. (grinst)

Hast du neue Favoriten entdeckt?

Meine Lieblingssongs sind immer die, an denen ich gerade arbeite oder die frisch rausgekommen sind.

Steckt in den alten Songs ein früherer Weller, der heute ein anderer ist?

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Weller sieht gern nach vorn.

(Foto: imago/Future Image)

Kann sein. Klar blicke ich auf diese oder jene Zeit zurück und denke, da hast du was versaut, aber ich denke nicht so sehr in diesen Dimensionen. Es ist gut, sich zu verändern. Ob nun Platten oder die Dinge des Lebens, das sind alles Schritte deines Wegs.

Schauen wir nach vorne. Was macht die neue Platte?

Ich habe sechs, sieben Songs komplett und hoffe, das Album im Herbst fertig zu haben, um es Anfang 2015 zu veröffentlichen. Es ist anders als das letzte, so viel kann ich sagen, aber die Richtung ist noch nicht ganz klar.

Wird Bruce Foxton wieder dabei sein?

Bislang nicht, aber wer weiß …

Einer deiner Helden, Wilko Johnson, hat kürzlich ein wunderbares Album zusammen mit Roger Daltrey veröffentlicht. Könntest du dir so ein Projekt vorstellen?

Auf jeden Fall.

Mit wem könnte das sein? Ich hörte von einer Zusammenarbeit mit Boy George.

In der Tat. Wir suchen nur noch nach dem richtigen Song. Aber für ein ganzes Album? Vielleicht mit Graham Coxon. Wir sprechen schon seit Jahren davon, haben es bislang aber noch nicht hinbekommen. Das wäre so einer.

Coxon, der als kleiner Junge und leidenschaftlicher Jam-Fan immer davon träumte, dir in der Carnaby Street über den Weg zu laufen, wenn er mit seinen Eltern mal nach London fuhr.

Ja, und dann ist es tatsächlich so passiert, aber da war er schon ein gestandener Musiker und nicht mehr mit den Eltern unterwegs. (lacht)

Was ist das Besondere an Coxon?

Ich mag sein Gitarrenspiel. Er hat eine unglaubliche musikalische Bandbreite.

Von Johnny Marr war immer mal wieder die Rede.

Das ist genauso einer. Wir laufen uns regelmäßig über den Weg und sprechen davon. Aber das ist natürlich auch eine Zeitfrage.

Du hast für Liam Gallaghers "Pretty Green"-Label designt und mit "Real Stars are Rare" kommt eine eigene Kollektion heraus. Wie sind die Erfahrungen mit der Modewelt?

Also vor allem, dass es unglaubliche harte Arbeit ist. Und einfach ewig dauert. Zweieinhalb Jahre hat das gedauert. Und jetzt hoffe ich ganz einfach, dass es auch jemand kauft.

Apropos kaufen - meine vierjährige Tochter gab mir die Frage mit auf den Weg, welche Schuhe du dir zuletzt gekauft hast …

(überlegt) Oh, sag' ihr bitte, das waren ein paar ziemlich coole Freizeitschuhe, so ähnlich wie Espadrilles.

Anno 2010 stand Mac, einer deiner Söhne, mit auf der Bühne der Royal Albert Hall. Was macht seine Karriere?

Er ist gerade von der Gitarre an die Drums gewechselt. Ich weiß nicht, wo es hinführt. Er ist halt noch sehr jung. Aber er hat den richtigen Haarschnitt und das ist schon mal ein guter Anfang.

Mit Paul Weller sprach Ingo Scheel.

Die Doppel-CD "More Modern Classics" ist bei Universal erschienen - hier bei Amazon bestellen

Paul Weller live:
3. Juni - Frankfurt, Batschkapp
4. Juni - München, Circus Krone Bau

Quelle: ntv.de

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