Musik

Neues Album "McCartney III" Paul - Allein zu Haus

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"Ich machte einfach nur das, worauf ich gerade Lust hatte", sagt McCartney. Das Ergebnis: Ein neus Album.

(Foto: imago images / PA Images)

Die einen sortieren Briefmarken, die anderen räumen auf, werden schwermütig oder trinken zu viel. Auch als Ex-Beatle stößt man im Lockdown an seine Grenzen. Paul McCartney löst es auf seine Art - und nimmt mit "McCartney III" ein durchweg großartiges Album auf. Ganz allein, im "Rockdown".

Wohl jeder ertappt sich mal bei der Frage, was eigentlich so ein Superstar macht, wenn er privat, oder vielmehr, wenn er oder sie ganz allein ist: Bestellt Taylor Swift auch mal eine Pizza? Steht Robbie Williams ebenso wie man selbst zuweilen minutenlang am Fenster, rollt einen Popel und vergisst dabei, was er eigentlich machen wollte? Trägt Sarah Connor auch mal drei Tage lang die Jogginghose, ohne sie einmal ausziehen? Bei einem wie Paul McCartney, so ist das wohl bei einem ehemaligen Mitglied der Fab Four, kann man sich derlei Profanes kaum vorstellen. Was man sich jedoch bestens vorstellen kann: Dass der Mann einfach das macht, was er von je her ein bisschen besser konnte als wir Normalsterblichen. Musik nämlich, oder besser gesagt: Songs schreiben. Dass die nun in Form eines regulären Albums, schlicht "McCartney III" betitelt, vorliegen, ist dann aber doch etwas überraschend.

"Ich lebte mit meiner Familie gerade im Lockdown-Modus auf meiner Farm, und ich ging jeden Tag ins Studio", berichtet der 78-Jährige über die Entstehung der Platte, die am heutigen Freitag erscheint. "Ich hatte ein paar Aufträge, Musik für einen Film, und daraus entstand dann der Eröffnungstitel. Als der jedoch im Kasten war, fragte ich mich, was mache ich nun? Ich hatte ein paar Ansätze, an denen ich im Laufe der Jahre immer mal wieder gearbeitet hatte, nur manchmal fehlt einem einfach die Zeit, um die Dinge zu beenden."

Die Dinge beenden, ein gutes Stichwort. Was hier im Titel als dritte Ausgabe deklariert ist, hat dementsprechend zwei Vorgänger, und den ersten davon meißelt McCartney aus den Ruinen seiner Band, deren Lebenszyklus 1970 ein Ende gefunden hat. Nur wenig später veröffentlicht McCartney "McCartney", sein Solodebüt. Von Fab Four zu Fab One - alle Instrumente hatte er im Alleingang eingespielt, lästigen Reporterfragen mit dem konstruierten Interview, das der Platte beigelegt war, gleich mal den Wind aus den Segeln genommen.

Meisterwerk des Avantgarde-Pop

Frage: "Planen sie ein neues Album oder eine Single mit den Beatles?" McCartney: "Nein." Frage: "Ist dieses Album eine Auszeit von den Beatles oder der Beginn einer Solokarriere?" McCartney: "Das muss die Zukunft zeigen. Da ich es allein gemacht habe, ist es wohl 'der Beginn einer Solokarriere', und es ohne die Beatles produziert zu haben, heißt, es ist nur eine Auszeit" - und so weiter, und so fort.

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Die Auszeit entpuppte sich als Aus, man ging seiner Wege. Wiederum eine Dekade später, an deren Anfang McCartney die Wings gründet, und an deren Ende, oder ein bisschen darüber hinaus, John Lennon erschossen wird, folgt "McCartney II", ein Meisterwerk des Avantgarde-Pop. Macca erfindet sich neu, experimentiert, jongliert mit Sounds, kennt in Sachen Handlungsspielraum keine Grenzen - und bleibt doch immer er selbst, ganz McCartney, und damit immer auch: ganz Beatle.

Fünf Dekaden nach dem ersten, vier nach dem zweiten, nun der dritte Teil. Und wieder stehen wir an einer Wegkreuzung, nicht nur kulturell, sondern global. Dabei war nicht nur kein Album geplant, das Jahr hatte für Paul McCartney, wie für die meisten von uns, einfach völlig anders verlaufen sollen. Der Headliner-Slot auf dem Glastonbury-Festival stand im Sommer an, Peter Jacksons lang erwartete Doku "The Beatles: Get Back" sollte ihre Premiere feiern. Pustekuchen.

Platte mischt Trademarks und Innovatives

Stattdessen Lockdown. Oder wie McCartney es nennt: Rockdown. "Jeden Tag begann ich die Arbeit mit dem Instrument, auf dem ich das jeweilige Stück geschrieben hatte, danach ergänzte ich dann die weiteren Spuren, was richtig Spaß gemacht hat", erzählt McCartney über den Entstehungsprozess. "Es ging eher darum, für mich selbst Musik zu machen - also nicht so sehr um Songs, die sonst irgendeine Bestimmung hatten oder irgendeinen Dienst erfüllen sollten. Ich machte einfach nur das, worauf ich gerade Lust hatte. Und so war mir auch gar nicht klar, dass daraus mal ein Album werden würde."

Und doch, das wurde es nun - und es nichts weniger als fantastisch geraten. Kaum zu glauben, wie sich hier Trademarks und Innovatives mischt, stille Einkehr mit Bombast abwechselt, man zuweilen sogar meint, die Wings oder, na klar, die Beatles um die Ecke lugen zu sehen. Zwei Jahre erst sind seit "Egypt Station" vergangen, mit "McCartney III" scheint der ewige Beatle nun noch einmal auf Warp-Geschwindigkeit geschaltet zu haben.

"Men And Wives" mit seinem fragilen Klavier, das kauzige "Lavator Lil", das an Farm und Gummistiefel-Zeiten gemahnende "The Kiss Of Venus" prägen die ruhigere Seite, "Find My Way" dagegen oder der Groover "Seize The Day" gehen klangtechnisch in die Breite. Ein Schmankerl zudem, dass einige der benutzten Vintage-Geräte bereits 1971 im Rude Studio für die ersten Wings-Sessions eingesetzt wurden, und mit "When Winter Comes" sich hier sogar ein Fragment findet, das bereits mit Produzent George Martin ersonnen wurde.

Der besungene Winter nun, er mag hart werden, härter, ungewohnter, ungewisser als in den Vorjahren. Paul McCartney liefert mit diesem durchweg großartigen Album nicht nur tolle Songs, sondern auch ein Stück Verlässlichkeit: Wo McCartney drauf steht, da ist auch McCartney drin. Groß, Paul!

Quelle: ntv.de