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"'Santa Maria' war ein Scherz" Roland Kaiser will alles oder dich

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Sein Glas ist immer halbvoll: Roland Kaiser.

(Foto: Paul Schirnhofer / Sony Music)

Seit 45 Jahren singt Roland Kaiser schon über "Joana", die "schöne Nachbarin" oder das "Fieber, das wie Feuer brennt". Doch nicht nur das und sein neues Album "Alles oder dich" sind Thema im n-tv.de Interview. Es geht auch um die "Hitparade", Schlagerkollegen, James Bond, Barbara Schöneberger - und die SPD.

n-tv.de: Herr Kaiser, Udo Jürgens hat gesungen: "Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an." Ich glaube, man darf sagen, dass Sie jetzt genau 66 sind. Hatte Udo Jürgens recht?

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Roland Kaiser: Ich glaube, Michael Kunze, der ja den Text zu dem Song geschrieben hat, hat da eher eine beliebige Zahl eingesetzt. Es hätte auch "Mit 65 Jahren fängt das Leben an" heißen können. Ich persönlich denke: Das Leben fängt immer dann an, wenn man positiv denkt. Man muss sich nur immer wieder neue Anfänge setzen.

Ziemlich genau 45 der 66 Jahre sind Sie mittlerweile im Musikgeschäft tätig. Was war für Sie persönlich die bisher beste Zeit in diesen 45 Jahren? Irgendwann früher oder jetzt?

Morgen. Ich gucke nicht zurück, sondern immer nur nach vorn. Im Moment habe ich mit Blick auf meine Arbeit aber auf jeden Fall eine sehr angenehme Zeit. Denn alles das, was jetzt passiert, freut mich natürlich, aber für mich gilt inzwischen: Ich kann, muss aber nicht mehr.

Mitte Januar war der 50. Jahrestag der ersten Sendung der "Hitparade". Viele denken nostalgisch an die große Zeit der ZDF-Show zurück. Sie auch?

Nein, gar nicht. Das war die richtige Sendung zur richtigen Zeit. Aber heute wäre das ein Format, das völlig aus der Zeit gefallen wäre. Irgendwann haben die Menschen das abgewählt. Es bringt nichts, etwas nachzutrauern, was heute nicht mehr funktionieren würde. Heute ist eine andere Zeit, mit anderen Helden und anderen Sendungen.

Gleichwohl sind Sie insgesamt 67-mal in der "Hitparade" aufgetreten. So oft wie kein anderer. Was verdanken Sie der Sendung?

Sie war natürlich ein wichtiger Wegbegleiter. Und ich verdanke ihr einen Teil meines Erfolges, keine Frage.

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67-mal beehrte er die "Hitparade" - öfter als jeder andere.

(Foto: Paul Schirnhofer / Sony Music)

Gerade in den letzten Jahren sind viele Ihrer einstigen Mitstreiter aus dieser Zeit gestorben: Chris Roberts, Jürgen Marcus, Gunter Gabriel, Andrea Jürgens oder zuletzt natürlich auch Dieter Thomas Heck. Geht Ihnen das nahe?

Nun, ich habe ja alle mehr oder weniger gut gekannt. Und bei Menschen, die man kennt und zu denen man ein gutes Verhältnis pflegt, tut es einem natürlich schon leid.

Sie sind ja, wenn man so will, nach Ihrer Lungenkrankheit und Ihrer Lungentransplantation dem Tod selbst schon von der Schippe gesprungen. Jürgen Marcus hatte dieselbe Krankheit wie Sie. Hat Sie das nochmal dankbarer fürs Leben gemacht?

Es hat mir vor allem extrem leidgetan, weil er eben diesen Weg der Transplantation nicht geschafft hat. Warum das so war, weiß ich nicht. Aber die Chance hätte ja vielleicht bestanden.

Einige Ihrer Kollegen, darunter auch Jürgen Marcus oder aber Gunter Gabriel, sind nach ihrer großen "Hitparaden"-Zeit verarmt. Das ist Ihnen nicht passiert. Was haben Sie anders oder besser gemacht?

Es hängt halt davon ab, wie man mit dem Erreichten umgeht. Ich gehe sehr vorsichtig damit um. Ich habe eine intakte Familie, mit der ich auf normalem Fuß lebe.

Einige Stars aus der Zeit sind sogar ins Dschungelcamp gegangen: Gunter Gabriel zum Beispiel, Tina York oder gerade erst Peter Orloff. Sind Sie froh, dass Ihnen das erspart geblieben ist?

Ja.

Das Dschungelcamp ist das eine. Andere Kollegen wie Heino, Dieter Bohlen oder auch Marianne Rosenberg sind wiederum andere Wege gegangen und haben sich etwa als Juroren in Castingshows versucht. Und wieder andere, wie Jürgen Drews, haben eine zweite Karriere am Ballermann gemacht. Auch das haben Sie beides nie angestrebt. Warum?

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Zunächst mal wurde ich nicht gefragt, ob ich mich in eine Jury setzen würde. Ich würde es allerdings auch ablehnen, weil ich mich nicht für den richtigen Mann hielte, um über andere zu entscheiden. Was wiederum den Ballermann angeht: Ich habe nicht die passende Musik dafür. Aber auch hier gilt wieder: Wenn andere das machen, ist das völlig in Ordnung.

Heute ist sicher eine ganz andere Zeit als damals in den 70ern und 80ern. Trotzdem ist der Schlager wieder extrem en vogue mit Künstlern wie Andrea Berg, Helene Fischer oder auch Florian Silbereisen. Wie erklären Sie sich das?

Wir haben mittlerweile wieder eine unverkrampftere Einstellung zur eigenen Sprache. Wir hatten nach dem Zweiten Weltkrieg einfach ein Kulturloch, das zu einem Missverhältnis zur eigenen Sprache geführt hat. Das gibt es so nicht mehr. Die jungen Leute heute hören deutsche Musik, ob es jetzt um Mark Forster, Max Giesinger oder Revolverheld geht oder um den sogenannten klassischen Schlager einer Helene Fischer oder Andrea Berg. Wenn es gut gemacht ist, wird es heute angenommen - Feierabend.

War es Ihnen je unangenehm, Deutsch zu singen?

Nein, nie! Ich lebe in der Sprache, träume in ihr, fluche in ihr, lache in ihr - und singe in ihr.

Hatten Sie je die Idee, auf Englisch zu singen?

Nein, gar nicht.

Das heißt, vielleicht international erfolgreich zu sein, hat Sie nie interessiert ...

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Ein Problem damit, auf Deutsch zu singen, hatte er nie.

(Foto: Paul Schirnhofer / Sony Music)

Schauen Sie sich den amerikanischen Musikmarkt an. Dort gibt es so viele großartige Künstler, da wird man sicher nicht auf mich warten.

Auch auf Ihrem neuen Album singen Sie natürlich nicht auf Englisch, sondern auf Deutsch. Es trägt den Titel "Alles oder Dich", so wie auch ein Song auf dem Album. Was sagt das aus?

Es bedeutet: "Ich würde alles gegen dich eintauschen." Der Titel erinnert ja inhaltlich und vom Arrangement her ganz bewusst an James Bond und ruft die Assoziation zu "Die Welt ist nicht genug" hervor. Der Mann, der den Song gemischt hat, Michael Ilbert, hat auch schon Adele gemischt. Zwar nicht ihren Bond-Song "Skyfall", aber ich habe mit ihm darüber gesprochen, in diese Richtung zu gehen.

Wie kam die Idee dazu?

Der Song wurde mir so angeboten - und ich fand das reizvoll. Zumal ich alle Bond-Filme zu Hause habe. (lacht)

Wer war oder ist denn für Sie der ultimative 007?

Ganz klar: Roger Moore. Weil er der englischste aller Bonds war. Viele würden vermutlich Sean Connery nennen, den "Urkerl". Aber für mich war es dieser leicht versnobte, extrem britische Bond, den Roger Moore gegeben hat.

Ein zweiter Song auf dem Album, der besonders aufhorchen lässt, ist "Niemand". Den singen Sie im Duett mit Barbara Schöneberger. Haben Sie sie gefragt oder hat sie sich Ihnen aufgedrängt?

Ich habe sie gefragt! Der Liedtext erinnert ja an die Komödie "Mein Freund Harvey". Ich wollte schon immer mal mit Barbara Schöneberger arbeiten. Und da hat sich dieser Song natürlich angeboten. Ich dachte mir: "Der ist so schräg, sie wird ihn lieben." Und genau so war es dann auch.

Sie wirken eher wie ein in sich ruhender Mensch, Barbara Schöneberger dagegen wie ein sprudelnder Vulkan ...

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Er lebt nach dem Motto: "Unterhaltung mit Haltung".

(Foto: Paul Schirnhofer / Sony Music)

Das weiß ich gar nicht. Ich denke, dass sie privat auch in sich ruht. Aber auf der Bühne nicht, das stimmt. Es war sehr angenehm, mit ihr zu arbeiten. Sie ist eine tolle Frau! Natürlich hat sie ein anderes Temperament, aber für die Bühne ist das ja auch nicht schlecht.

Nicht nur "Niemand", sondern das ganze Album sollte Ihren Worten nach optimistisch und positiv klingen. Sind Sie selbst auch so ein optimistischer und positiver Mensch?

Ja, das entspricht absolut meiner Seelenverfassung. Mein Glas ist immer halbvoll.

Der dritte Song auf dem Album, den ich hervorheben möchte, ist "Liebe kann uns retten". Ihn hat Peter Plate von Rosenstolz mitkomponiert. Und auch ihn würde man jetzt erst einmal nicht mit klassischem Schlager in Verbindung bringen ...

Er wollte tatsächlich immer gern etwas für mich schreiben. Er mochte meinen Song "Die Gefühle sind frei" und wollte in diese Richtung schreiben. Er hat mir dann den Titel "Liebe kann uns retten" angeboten. Ich fand ihn so gut, dass ich meinte: "Den muss ich jetzt wirklich dringend aufnehmen." (lacht)

Sie haben erklärt, "Liebe kann uns retten" sei für Sie in gewisser Weise ein politischer Song. Inwiefern?

Die Aussage des Liedes ist in etwa: "Seid vernünftig, es gibt genügend Möglichkeiten, umzukehren und Dinge richtig zu machen. Guckt euch die schönen Dinge in der Welt an und nicht nur die negativen." Das ist eine Aussage, die mir gut gefällt. Ich glaube letztendlich noch an die Vernunft der Menschen und daran, dass sie in der Lage sind, auf die Bremse zu treten und die Umkehr hinzukriegen.

Ansonsten halten Sie die Politik weitgehend aus Ihrer Musik heraus. Warum?

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Alles oder Dich - Limitierte Fanbox
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Das betrifft vor allem meine Konzerte. Ich habe mit dem Publikum eine Vereinbarung: Wenn ich ein Konzert spiele, wollen die Menschen dort einen Unterhaltungsabend genießen und keine Vorträge über Politik hören. Wenn ich Dinge von politischer Relevanz zu sagen habe, tue ich das gerne in Interviews. 

Auch das machen in der Schlager-Branche nicht viele. Warum ist Ihnen das wichtig?

Ich bin eine öffentliche Person. Und wenn ich zu bestimmten Themen meine Stimmen erheben möchte, weil ich damit vielleicht dazu beitragen kann, dass manche Menschen darüber nachdenken, tue ich das.

Viele rechnen Ihnen das hoch an. Würden Sie sich wünschen, dass auch Kollegen und Kolleginnen von Ihnen häufiger mal den Mund aufmachten?

Das kann man niemandem abverlangen. Wenn andere das nicht wollen, wollen sie das nicht - und müssen es auch nicht. Für mich persönlich halte ich es mit dem großen Udo Jürgens: "Unterhaltung mit Haltung". Den Satz versuche ich für mich zu leben.

Nach den Ereignissen in Chemnitz traten beim "Wir sind mehr"-Konzert in Chemnitz wieder mal die üblichen Verdächtigen wie etwa Die Toten Hosen oder Kraftklub auf. Warum kann es ein Konzert dieser Art nicht mit Schlager-Stars geben?

Sehen Sie: Da gibt es einen Veranstalter, der einen solchen Abend organisiert und die Künstler anspricht. Da ist die Frage, was für eine Mischung gewollt ist. Ich klopfe nicht an und sage: Ich möchte auch kommen! Aber ja, grundsätzlich fände ich so etwas auch denkbar. Allerdings finde ich Äußerungen in einem Gespräch wie zum Beispiel diesem genauso stark wie das Singen eines Liedes.

Sie sind SPD-Mitglied und haben sich in der Vergangenheit auch für die Partei engagiert. Wie sehr besorgt Sie der aktuelle Zustand der SPD?

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Kaiser tritt schon auch mal im Wahlkampf für die SPD auf.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ihnen ist sicher klar, dass ich jetzt keinen Freudensprung machen werde. Nur ich kenne die Lösung auch nicht. Das Problem der SPD war eigentlich schon immer, dass sie eine Partei der Visionen ist - der Visionen von sozialer Gerechtigkeit, annähernder Gleichstellung von Arbeit und Kapital oder der Ostpolitik. Da ist es schwierig, mit Pragmatismus klarzukommen, einer Politik der kleinen Schritte. Deshalb gab es dann Kanzler wie Helmut Schmidt, die gegen die eigene Partei und Fraktion regieren mussten. Jetzt müssen wir wieder nach einer Vision suchen, um starke Positionen zu formulieren und Gehör zu finden.

Die Frage der sozialen Gerechtigkeit ist sicher eine der aktuellen politischen Kernfragen ...

Ja, das geht aber über das Problem der Armut hinaus. Es geht auch um steuerliche Gerechtigkeit von Mittelständlern und Kleinunternehmern gegenüber Konzernen. Und um die Steuergerechtigkeit innerhalb Europas.

Finden Sie es gerecht, dass Sie als Sänger ein sehr privilegiertes Leben führen, während sich andere von ihrer Hände Arbeit kaum oder nicht mehr ernähren können?

Wir müssen uns nicht darüber unterhalten, dass jemand in meinem Beruf finanziell anders ausgestattet ist als jemand, der mit seinen Händen arbeitet. Aber die Frage ist eine andere: Warum haben wir eine Gesellschaft, die den Dienst am Menschen schlechter entlohnt als den Dienst an der Sache? Warum wird ein Kfz-Mechaniker deutlich besser entlohnt als ein Krankenpfleger? Haben wir das moralisch im Griff?

Nicht wenige in der SPD bereuen heute die Einführung von Hartz IV. Zu Recht?

Ich bin der Meinung, dass die SPD gerade versucht, das wieder umzukehren. Die Zeiten haben sich geändert. Ja, vielleicht muss man darüber neu nachdenken.

Wie ist das bei manchen Ihrer Texte von früher wie "Manchmal möchte ich schon mit dir" oder "Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben". Bereuen Sie die?

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Nein! Die sind doch originell. Was glauben Sie denn, wie viele Menschen auf der Welt in der Situation stecken, dass ihnen die Frau des Freundes gefällt? Und dann davon aber doch die Finger lassen. Das ist doch menschlich! 

Sie haben zugegeben, dass bei der Entstehung des Textes von "Santa Maria" Rotwein im Spiel war. Ist das hilfreich, wenn man Zeilen wie "Nachts an deinen schneeweißen Stränden hielt ich ihre Jugend in den Händen" texten will?

Nein. Das war so: Wir hatten damals eine erste Aufnahme des Songs fertig. In ihr ging es um die Geschichte des Schiffes "Santa Maria" von Christoph Columbus. Die haben wir dann bei der Plattenfirma abgegeben. Dort hieß es: "Nein, so geht das nicht. Wir brauchen einen richtig klassischen Text, in dem es um Strand, Liebe, Sonne geht. Macht das mal!" Ich bin daraufhin nach Hause gefahren und habe das meinem Kollegen Norbert Hammerschmidt erzählt. Da haben wir gesagt: "Komm, wir machen eine Flasche Wein auf und werden es ihnen mal so richtig besorgen!" Wir haben dann alles, was uns an Unsinnigkeiten eingefallen ist, in den Text gepackt. Eigentlich haben wir uns einen Jux gemacht.

Der Plattenfirma aber hat's gefallen ...

Ja, wir haben das abgegeben und es hieß: "Das ist riesig!" Ich sagte: "Das war nur ein Scherz!" Doch die Antwort war: "Den nehmen wir jetzt aber auf!" (lacht) So nahm das Schicksal seinen Lauf.

Insgesamt haben Sie drei Kinder, die inzwischen alle erwachsen sind. Was sagen sie über die Karriere und die Musik ihres Papas?

Sie sind nicht unglücklich darüber. Aber sie sind in dem Sinne auch keine Fans von mir. Sie kommen ab und zu mal zu Konzerten, aber hören jetzt nicht unentwegt meine Musik. Das wäre sicher auch nicht normal. (lacht)

Hat eines Ihrer Kinder Ambitionen, in Ihre Fußstapfen zu treten?

Nein. Meine Tochter studiert zwar in Berlin Musik- und Medienmanagement. Sie will dann aber hinter der Kamera oder am Schreibtisch in der Musikwelt die Strippen ziehen.

Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Mit 67 Jahren beginnt das Rentenalter. Denken Sie an Ruhestand?

Nein! Solange ich gesund und fit bin und solange die Menschen in meine Konzerte kommen, denke ich nicht ans Aufhören. Wichtig ist nur, dass alles in Würde passiert.

Mit Roland Kaiser sprach Volker Probst.

 

Quelle: n-tv.de

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