Musik

25 Jahre "Klitoris-Rock" Skunk Anansie, die Band für alle Außenseiter

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Feiern ihr 25-jähriges Bestehen: Skunk Anansie.

(Foto: Rob O'Connor)

25 Jahre ist es her, dass Deborah Anne Dyer, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Skin, zusammen mit Gitarrist Martin Ivor Kent, Bassist Richard Keith Lewis und Schlagzeuger Mark Richardson die Band Skunk Anansie gegründet hat. Großbritannien war damals komplett im Britpop-Fieber - und Skunk Anansie lieferten mit ihrem Debütalbum "Paranoid & Sunburnt" so etwas wie einen Gegenentwurf. Unabhängig von Trends und Szenen formte die Band nicht nur ihren eigenen Sound, sondern stand dank der feministischen, antirassistischen Texte ihrer kahlköpfigen, bisexuellen Frontfrau auch für Haltung.

Musikalische Trends kamen und gingen, doch Skunk Anansie blieben: 2018 war Skin nicht nur auf dem Cover der Sonderausgabe "She Rocks" des "Classic Rock"-Magazins zu sehen, sondern wurde auch bei den "Women In Music"-Awards der Music Week mit dem "Inspirational Artist Award" ausgezeichnet. Pünktlich zu ihrem Bandjubiläum veröffentlichten die Briten nun ihr erstes Live-Album "25LIVE@25". n-tv.de traf Sängerin Skin zum Interview.

n-tv.de: Im Vorfeld eures Live-Albums habt ihr die Singles "Weak", "Charlie Big Potato" und "Hedonism" veröffentlicht und für die dazugehörigen Musikvideos eure Archive nach alten Live- und Behind-The-Scenes-Aufnahmen durchstöbert. Was geht dir durch den Kopf, wenn du Bilder von damals siehst?

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Skin: Ich denke: "Verdammt, war ich damals dünn!" (lacht) Auch wenn daher mein Spitzname kommt - ich hatte keine Ahnung, dass ich so dünn war … Aber so geht es uns wohl allen, wenn wir alte Aufnahmen sehen. Wir hatten viel Spaß damals. Haben wir immer noch! Auch wenn wir jetzt älter, weiser und ein bisschen dicker sind. Die Leute halten Skunk Anansie oft für eine sehr ernste und politische Band, aber das sind wir gar nicht. Wir haben viel Spaß. Und wir sind heute wie damals ein bisschen frech und albern.

Du wirst dieses Jahr 52. Wie gehst du mit dem Älterwerden um?

Mein Motto war immer: "Vorbeugen ist besser als Heilen." Jetzt sehe ich die Resultate. Ich sehe, was passiert, wenn man auf sich aufpasst. Auch ich habe viel ausprobiert, aber nie bis zum Exzess. Ich habe meinen Körper nicht ruiniert. Freunde von mir haben ernste Krankheiten, fühlen sich nicht gut. Ich glaube, mein Motto hat mir eine Menge erspart. Ich fühle mich sehr gesund und wohl mit meinem Alter.

Pünktlich zum Bandjubiläum von Skunk Anansie erscheint nun euer erstes Live-Album "25LIVE@25". Warum ein Live-Album?

Wir sind keine besonders nostalgische Band, aber wir dachten zu unserem 25-jährigen Jubiläum können wir jetzt ruhig mal zurückblicken und etwas Besonderes machen. Es gibt zwei Dinge, nach denen unsere Fans uns immer wieder fragen: Das eine ist eine B-Seiten-Compilation - aber dem stelle ich mich vehement in den Weg, denn warum sollten wir unsere schwächsten Songs noch einmal veröffentlichen? Das andere ist ein Live-Album. Also lief es auf ein Live-Album hinaus.

Wo sind die Aufnahmen entstanden?

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Die charismatische Frontfrau Skin ist Aushängeschild der Band.

(Foto: Rob O'Connor)

Wir haben tatsächlich unsere gesamte letzte Europa-Tournee aufgenommen und wollten ursprünglich die besten Songs auswählen, doch am Ende haben wir nur die Aufnahmen der letzten Show in Danzig verwendet. Manchmal spielt man ein Konzert, bei dem einfach alles richtig läuft, und an jenem Abend war das der Fall.

Ihr wart mit Skunk Anansie stets für eure Live-Präsenz bekannt. Was passiert, wenn du auf die Bühne gehst?

Ich glaube, wenn man auf der Bühne steht, kommt ein Teil aus einem heraus, den man sonst nicht wirklich auslebt. Man wird ein anderer Charakter, eine überspitzte Version von sich selbst. Das hat etwas sehr Reinigendes. Was immer einen an dem Tag bedrückt hat, kann man auf der Bühne rauslassen. Man kann aggressiv sein, verletzlich, brutal oder gechillt. Auf der Bühne zu stehen, ist wie ein Freifahrtschein.

Du hast Innendesign studiert, bevor ihr 1994 Skunk Anansie gegründet habt. Woher kam plötzlich der Wunsch, Sängerin zu werden?

Musik war immer da. Ich hatte früh die Idee, Sängerin zu werden, aber keine Ahnung, wie ich das umsetzen sollte - bis ich irgendwann von Leuten gefragt wurde, ob ich in ihrer Band singen wolle. An der Uni hat man ja all diese Möglichkeiten, sich auszudrücken: Man tritt dem Studentenwerk bei, interessiert sich für Politik und versucht irgendwie herauszufinden, was man im Leben machen will. Ich kam halt auf den Geschmack, wie es ist, auf der Bühne zu stehen, und dachte plötzlich: Kann ich das nicht beruflich machen?

Mitte der 90er, als ihr angefangen habt, war England voll im Britpop-Fieber. Wie war es damals in London?

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Britpop war definitiv in Camden zu Hause: Dort gingen die Journalisten aus und betranken sich mit den Künstlern. Wir hingegen kamen aus Kings Cross, dem völlig untrendigen, von Drogen und Prostitution beherrschten Arsch von London. Unsere Einflüsse waren amerikanische Bands wie Rage Against The Machine, Nirvana, Parliament-Funkadelic, Mother's Finest oder Jimi Hendrix. Wir waren komplett Anti-Britpop. In meinen Augen waren das weiße Jungs aus der Mittelklasse, die alle den gleichen Sound hatten. Am Anfang dachten wir: "Scheiße, wir wollen auch in diesen TV-Shows auftreten und Presse bekommen." Aber dann merkten wir, dass wir eine Art Gegenpol, eine Alternative darstellten. Wir waren die Band für alle Außenseiter.

Du hast euren Stil damals als "Clit-Rock" (zu Deutsch: Klitoris-Rock) bezeichnet …

Ich erlaubte mir einen Spaß, als man mich fragte, was ich von Britpop halte. Die britische Presse dachte sich damals ständig irgendwelche albernen Szenen und Sounds aus. Also dachte ich mir: "Wenn du dir deine eigene Szene ausdenkst, dann kontrollierst du sie!"

War es schwer, als farbige, bisexuelle Sängerin einer Rockband akzeptiert zu werden?

Absolut. Dem Establishment und der Musikpresse passte das so gar nicht, weil sie es nicht kontrollieren konnten und nicht verstanden. Aber unsere Fans liebten es. Denn wir versuchten nicht, uns zu verstellen. Wir waren echt.

In der Musiklandschaft hat sich in den letzten 25 Jahren viel verändert. Inwiefern hat sich die Rolle der Frauen darin verändert?

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Die meisten erfolgreichen Frauen sind immer noch da, weil sie schön und sexy sind - aber diese Attitüde ändert sich langsam. Frauen werden zunehmend dafür akzeptiert, anders zu sein. Sie werden dafür gelobt, dass sie ein bisschen dicker oder transsexuell sind. Es ist wundervoll zu sehen, wie die junge Generation einfach sie selbst ist.

Nach 25 Jahren im Geschäft bist du nach wie vor für viele ein Vorbild. 2018 wurdest du bei den "Women In Music"-Awards der Music Week mit dem "Inspirational Artist Award" ausgezeichnet und mit Standing Ovations geehrt. Was bedeutet dir dieser Preis?

Es ist immer schön, Preise zu bekommen, aber dieser war etwas Besonderes, weil er von Frauen an Frauen geht. Ich war wirklich überrascht, dass ich Standing Ovations bekam. Ich hatte keine Rede vorbereitet und sprach einfach aus dem Herzen. Es war ein wunderbarer Moment. Was mir an dem Abend wieder einmal klar wurde: Frauen sind toll! Ich bin so sehr von Männern umgeben - ich habe drei Brüder und spiele in einer Band voller Männer. Da vergisst man zwischendurch, wie wunderbar Frauen sind, wie viele intelligente und brillante Ideen, wie viel Produktivität und emotionale Stärke wir hervorbringen.

Welche Frauen hast du in deinem Leben besonders bewundert?

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Definitiv meine Managerin Leigh Johnson - sie ist die einflussreichste Frau in meinem Leben. Aber auch meine beste Freundin Susanne. Sie ist leider vor ein paar Jahren an Krebs gestorben. Ich traf sie, als ich 17 war, wir gingen zusammen zur Schule. Sie war etwas älter als ich und hat mir geholfen, mich nicht von anderen Leuten unterkriegen zu lassen. Ich wurde damals von diesem Typen angegraben. Ich wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen, aber ich hatte auch kein Interesse. Susanne hat mir beigebracht, dass ich nicht nett zu ihm sein muss, nur weil er mich anbaggert. Das war mir vorher nie in den Sinn gekommen, denn ich war immer recht schüchtern.

Schüchtern?

Oh ja! Als ich jung war, war ich super schüchtern und ruhig. Susanne half mir, diese Schüchternheit abzulegen. Man muss nicht leise sein, man muss nicht schüchtern sein. Und man muss nicht alles hinnehmen.

Was würdest du einer jungen Frau mit deinem heutigen Wissen mit auf den Weg geben?

Ich würde ihr sagen: Sei du selbst! Höre darauf, wer du bist und wie du sein willst. Ich halte es für sehr wichtig, sich selbst zu verstehen und authentisch zu sein. Man darf sich nicht dazu drängen lassen, jemand anders zu sein, nur weil man glaubt, es würde einen erfolgreicher machen. Einfach authentisch sein!

Mit Skin sprach Nadine Wenzlick

Quelle: n-tv.de