Musik

"Ich hatte gleich so Fantasien" Udo Lindenberg, locker, lässig und lasziv

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Die Leute wollen Udopium - Lindi liefert!

(Foto: REUTERS)

Er bleibt sich treu, wettert unablässig gegen die miesen Zustände auf dieser Welt, will mit seiner Musik den Weltfrieden ankurbeln, legt es darauf an, in den Club der Hundertjährigen aufgenommen zu werden und steckt so voller Energie und Ideen, wie es einem Mannschaftsbus der ersten Fußball-Bundesliga oft zu wünschen wäre. In seinem neuen Programm kommt der eine oder andere Klassiker vor, so viel steht fest, klar ist aber auch, dass alles anders wird auf dieser Mammut-Tour. Dass es wieder jede Menge Freunde geben wird, die die Bühne mit Udo teilen, versteht sich von selbst. Dass es an Überraschungen visueller und akustischer Art nicht mangeln wird, ebenso. Mit n-tv.de trifft sich der Panikrocker, um über schöne Frauen (Maria Furtwängler), schlechte Angewohnheiten (das Rauchen), Idiotie in den Machtzentralen (hüben wie drüben) und Fortschritte in der Menschwerdung ganz allgemein zu sprechen.

Udo Lindenberg: Bist du in Eile, musst du gleich wieder weiter?

n-tv.de: Nee. Aber du bist in Eile, denke ich, du gibst ja noch mehr Interviews heute …

Ja, aber ich mach' das ganz locker (lacht). Sitzt du bequem? Noch einen Eierlikör?

Super Idee, aber ich bin mit dem Rad da, das wäre nicht so gut.

(singt) Mir san mit'm Radl da, Mir san mit'm Radl da …. Hast du Licht am Fahrrad?

Na logo, aber noch ist es ja hell …

Stimmt, ich lebe ja 'n bisschen andersrum, ich steh' ja manchmal so auf, dass ich gar nicht mehr viel Licht abbekomme (lacht). Ich bin ja der nachtaktive Typ. Da bin ich manchmal auch nur mit mir selber zusammen, dann gibt es keine Störfaktoren. Da kann ich über alles nachdenken und auch manchmal vordenken (lacht). Darüber, wo es mich so hinzieht …

Wo zieht es dich denn hin?

Eindeutig zu meiner nächsten Tournee, die nun ja zum Glück bald anfängt.

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Lass uns vorher noch über dein letztes Album "MTV Unplugged 2 - Live vom Atlantik" sprechen. Ist ja ein Riesending geworden …

Das kann man wohl sagen (lacht), ich bin sehr happy damit.

Es bestünde doch rein theoretisch die Möglichkeit, ein drittes "Unplugged"-Album aufzunehmen, oder? Material müsstest du ja genug haben …

Wenn das gewünscht wird, kann ich mir auch ein drittes Album vorstellen, warum nicht? Eine Trilogie, wie der Pate. Ich habe 700 Songs, aus denen ich auswählen kann, ich war sehr produktiv über die Jahrzehnte. Das macht ja auch süchtig, es ist wie Udopium, dieser Sound. Dieser intime Sound, transparent, ganz nah dran. Ich habe da noch ein paar Juwelen im Kästchen, die es auch verdient hätten, mal wieder gehoben zu werden.

Zum Beispiel?

Die mit den immer aktuellen Texten: "Bananenrepublik", "Kleiner Junge" zum Beispiel. Aber ich mache das wie zu Weihnachten - meine Freundinnen und Freunde dürfen mir Wunschzettel schreiben, die ganze Panikfamilie, und dann such' ich daraus aus.

Das Prinzip, sich Gäste zu einzuladen, hast du ja nicht nur auf deinen Alben, sondern auch auf deinen Konzerten …

Das ist toll, das sind Freundschaften, die schon lange bestehen. Aber auch neue. Wir treffen uns ja auch nicht nur auf der Bühne, sondern auch im restlichen Leben. Aber jede Connection hat so ihre Geschichte. Zum Beispiel Alice Cooper, den kenn' ich seit den 70er-Jahren, mit Lemmy und Slash hab' ich den kennengelernt, als Aktivist, du weißt schon, Whisky-Aktivist, aktiv am Glas, aber das waren andere Zeiten (lacht). Und jetzt hab' ich den Memory-Schalter mal wieder angeknipst, und dann seh' ich alles wieder, wie es früher war. Dann denk ich mir, dass wir beiden Schockrocker doch echt gut zusammen passen. Ich hab' ihn dann gesehen mit seinen Hollywood-Vampires …

… die bringen jetzt im Juni ihr neues Album "Rise" raus …

… ja, das sind ganz krasse Brothers, mit Joe Perry und Johnny Depp zusammen. Und dann hab' ich ihn angequatscht, ob wir was zusammen machen wollen.  

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"Die Maria und ich - das war schon immer ein großes Hallöchen."

(Foto: imago/Future Image)

Dann muss ich mich aber doch fragen, wie Maria Furtwängler auf dein Album gekommen ist … Was habt ihr so miteinander gemein?

Die Maria und ich, das ist immer schon großes Hallöchen gewesen, auf Events und so. Aber dann hab' ich sie mal im Hotel Atlantik getroffen, mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern glaub' ich, und sie wollten auf eine Geburtstagsparty, auf der man sich verkleiden sollte. Die anderen hatten was, wollten als ABBA gehen, und sie hatte noch nichts. Da hab' ich gesagt, sie soll mal mit hochkommen, in meine Hippiezentrale, und sich bei mir was Schönes aussuchen. Da hab' ich ihr dann einen Hut aufgesetzt und einen schönen Spenzer angezogen und einen Gürtel …

Und dann ist sie als Udo gegangen?

Ja, klar (lacht). Sah super aus, sie fühlte sich ganz geil, sie ist gleich ganz anders gegangen, locker-flockig in den Knien. Und dann haben alle gleich Späßchen, man redet sofort anders, wenn man Udo ist.

Sie ist ja Schauspielerin, dann kann sie natürlich auch Udo spielen …

Ja, locker, lässig und lasziv (lacht). Ich fand jedenfalls, das steht ihr ausgesprochen gut, und ich hatte gleich so Fantasien, wir beide als Agenten. Und ich frag sie: "Kannst du eigentlich singen?" und sie: "Ne, ich hab' noch nie gesungen, außer in der Schule". Jedenfalls hat sie mir dann ein Demo geschickt, aus der Küche auf'm Kassettenrekorder, und das war super, fast ein bisschen wie 'ne leisere Operndiva, also ob man im Liegen singt. Das war großartig, ich hatte so Marlene-Dietrich-Assoziationen, und das Publikum ist dann bei der Aufnahme auch gleich ausgerastet. So cool, sie hat echt Mut unterm Hut …

Was rauchst du da eigentlich, ist das eine E-Zigarette?

Ja, ich glaube …

Keine Zigarre mehr?

Doch doch, aber nicht den ganzen Tag, ich musste ein paar Leuten versprechen, dass ich dem Club der Hundertjährigen beitrete in 30 Jahren, da muss ich mich ja fit halten. 

Läufst du nachts noch um die Alster?

Ja, schon, aber ich mach' auch so Sachen mit Strom, EMS-Training …

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Rauchst du eigentlich noch?

(Foto: imago/Hartenfelser)

Du bist einer derjenigen, der sein ganzes Leben lang politisch gedacht und sich auch immer geäußert hat …

Ja, das geht auch gar nicht anders, wenn unsere Welt von so Schwachmaten wie Trump und Putin regiert wird, dann kann man da nicht still bleiben. Wir in Europa sitzen genau dazwischen, und ich finde nach wie vor, wir müssen reden reden reden. Statt aufzurüsten. Jeden Tag sterben Tausende Kinder, das ist ein Verbrechen, wofür alles Geld ausgegeben wird. Aber ich glaube an die große demokratische Gesellschaft, und die reagiert auch sehr sensibel und nervös, wenn an ihren Rändern braune Soße hochschwappt oder Terror, egal von welcher Seite. Die Mehrheit der Bunten Republik Deutschland hat richtig Bock auf Frieden und auf unser Land und die Freiheit. Und dafür gehen wir inzwischen ja auch wieder vermehrt auf die Straße, das ist eine tolle Entwicklung gerade. Das zeigt mir, dass das Gros Deutschlands auf Demokratie steht.

Wir sind auf einem guten Weg, oder?

Ja, und wir sind viele: Campino, Grönemeyer, Westernhagen, Feine Sahne Fischfilet, Marteria, Casper, es gibt eine richtige Rock- und HipHop-Family, die gegen Rechts steht. Wir wollen nicht nur entertainen, sondern wir beziehen auch Position.

Insofern ist das schon mal besser geworden, als vor zwei Jahren, als wir das letzte Mal miteinander geredet haben …

Ja, ich meine, selbst Helenchen ist jetzt eine von uns. Auch im Schlager gibt es Unterhaltung mit Haltung, das ist gut.

Machen Künstler manchmal die bessere Politik?

Wenn ich nach Amerika gucke, dann sehe ich da Pink, Bruce Springsteen, Lady Gaga, auch Schauspieler, die sich richtig engagieren. Ich wäre durchaus bereit, als Udo-Generalsekretär zu fungieren. Bei der UNO (lacht).

Wie packt man seine alten Lieder eigentlich in ein neues Gewand?

Das passiert im Kollektiv, gern mit meinen Producern, anderen Musikern, dann spinnen wir so rum. Ich meine, ich habe auch investiert in meine Stimme, das muss sich ja lohnen …

… das war nicht billig …

…also, was ich an Whisky da reingeballert habe, das verlangt schon nach einer Form der Rekapitalisierung (lacht). Und die Zigarren, auch nicht billg! Ich hab' ja gar nicht vor, dem Club 72 – in Anlehnung an den Club 27 – allzu schnell beizutreten. Ich meine, einige Freunde sind schon vorgereist, aber ich bleib noch hier.

Du bist fit wie ein Turnschuh … liegt das daran, dass du einfach nicht aufhörst, nicht in Rente gehst?

Ich denke, das ist es, ja. Und die Medizin geht auch so schnell nach vorne - wenn ich hundert bin, dann häng' ich nochmal dreißig Jahre ran. Es muss ja auch weiter gehen, auf der Bühne ist mein Eldorado, und ich weiß, dass meine Songs anderen auch helfen, in schweren Zeiten, da kann ich nicht aufhören.

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"Ich mach' auch so Sachen mit Strom ..."

(Foto: imago/Robert Michael)

Hättest du irgendwas auch mal anders machen sollen?

Bisschen weniger saufen vielleicht, aber ich war auch ein Erkenntnistrinker. Ich war auf der Suche. Und früher hat es mich auch nicht interessiert, was mit 60 oder 70 ist. Irgendwann muss man sich entscheiden: Sitzt man so auf 'nem Barhocker und trällert ein bisschen vor sich hin, oder macht man immer noch das ganz große Getöse?

Also ist Arbeit das Lebenselixier?

Ja, bloß nicht kürzer treten, eher längere Schuhe anziehen (lacht).

Bist du ein sentimentaler Typ?

Ja, manchmal schon. Wenn ich einen Song lange nicht gehört habe, kann es passieren, dass ich sentimental werde. 

Was ich nicht ganz verstehe, ist dein Faible für Kreuzfahrtschiffe …

Du meinst Reisen mit Greisen (lacht)? Da wurde ich mal angesprochen wegen meiner Malerei, so fing das an. Die standen einfach auf meinen Lindiismus. Und ich hatte schon immer Fernweh. Und dann habe ich vorgeschlagen, dass das ja auch ein Rockliner werden könnte, so mit Nina Hagen an Bord und Jan Delay. Die Fahrten sind ruckzuck ausverkauft.

Apropos ausverkauft - die anstehende Tour …

Ja, die wird ganz anders als die letzten, alles ist neu. Das wird eine Arena-Tour, neue Filme, neues Licht, neue Show. Ein Abenteuer!

Mit Udo Lindenberg sprach Sabine Oelmann

Die Tour "Udo Lindenberg: Live 2019" startet am 11. Mai mit einer öffentlichen musikalischen Probe in Timmendorfer Strand und endet am 13. Juli in der Dortmunder Westfalenhalle, es gibt nur noch wenige Tickets.

Quelle: n-tv.de

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