Musik

Im falschen Jahrhundert geboren Ulrich Tukur benimmt sich daneben

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"Tatort"-Kommissar Tukur kann nicht nur Verbrecher jagen, sondern auch gute Musik machen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ulrich Tukur gehört zweifellos zu den besten Schauspielern Deutschlands. Seine wahre Leidenschaft war allerdings schon immer die Musik. Gemeinsam mit seiner Tanzkapelle "Die Rhythmus Boys" geht er im Oktober deshalb auf Deutschlandtour. Im Interview spricht der 57-Jährige über den Reiz des Musizierens und seine Vorliebe für vergangene Zeiten, aber natürlich auch über seine kommenden Filme. Am 1. Oktober ist er in der ARD in "Die Auserwählten" zu sehen, ein Drama über den Missbrauch-Skandal an der Odenwaldschule, am 12. Oktober dann im "Tatort".

Herr Tukur, Ihr neues Programm, mit dem Sie ab Oktober auf Tour sind, trägt den Titel "Let’s Misbehave". Wann haben Sie sich das letzte Mal so richtig danebenbenommen?

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Auf ihrem Album lassen die "Rhytmus Boys" die goldenen Zwanziger wieder aufleben.

(Foto: Amazon)

Ulrich Tukur: Ich habe mich in meinem Leben noch nie danebenbenommen. Ästhetisch, hygienisch und moralisch bin ich einwandfrei. Fragen Sie meine Mutter. Weil ich aber immer schon mal gerne wissen wollte, wie es sich anfühlt, wenn man so richtig im Saft der Peinlichkeit schmort, bohren wir uns jetzt auf der Bühne in der Nase.

Dazu interpretieren Sie alte Jazz- und Swing-Standards neu. Woher kommt Ihre Liebe für Musik aus den Zwanzigern?

Die war auf einmal da. Als Jugendlicher habe ich das gehört, was man eben so hörte: Beatles, Stones, Creedence Clearwater Revival. Zu meiner Konfirmation bekam ich dann ein paar alte Schellackplatten geschenkt. Duke Ellington, Tommy Dorsey, englische und deutsche Tanzmusik und einige Aufnahmen des amerikanischen Jazzpianisten Fats Waller. Als ich seine Musik das erste Mal hörte, bin ich vor Bewunderung erstarrt und habe mir sofort Noten gekauft. Das elegante Lebensgefühl und die Freude, die diese Musik umgeben, haben mir immer viel bedeutet. Das ist einfach meine Passion.

Sind Sie im falschen Jahrzehnt geboren?

Im falschen Jahrhundert. Ich war nie am Puls der Zeit und hätte darum auch nie etwas Neues, Griffiges entwickeln können. Oft ist die Seele ja nicht gleichauf mit der Zeit, in die sie hineingeboren ist. Sie hängt in anderen Schichten.

Was war damals besser?

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Bei den Konzerten geht es auch gerne mal humoristisch zu.

(Foto: imago stock&people)

Es war nicht besser, es war anders. Die zwanziger Jahre waren fiebrig und innovativ, die dreißiger elegant, aber politisch katastrophal. Als Europa in die schlimmste Katastrophe seiner Geschichte rutschte, war die Mode so geschmackvoll wie nie zuvor und die Musik herrlich leicht und beschwingt.

Profitiert die Kunst also davon, wenn es den Menschen schlecht geht?

Das ist wohl immer wieder so gewesen. Menschen, die in bedrängenden oder armen Zeiten leben, suchen ihre verlorene Freiheit in der Kunst, dort können sie ausdrücken, was sie in der Wirklichkeit nicht dürfen. Die Energie unterdrückter Menschen ist enorm und ihre Fantasie grenzenlos.

Sie selbst sind als nächstes in dem Drama "Die Auserwählten" zu sehen, in dem es um die Odenwaldschule geht, an der mindestens 132 Kinder missbraucht wurden. Sie spielen den Schulleiter Simon Pistorius, angelehnt an den ehemaligen Rektor Gerold Becker. Hat dieser Charakter Sie nicht angewidert?

Natürlich war Herr Pistorius, wie er bei uns heißt, ein ekelhafter Charakter, aber als Schauspieler entscheide ich mich, eine Rolle zu spielen, weil ich sie spannend finde und weil sie etwas über den Abgrund der Menschen erzählt. Ich habe nicht zu werten, ich führe vor, wie es kommt, dass ein Mensch moralisch untergeht. Becker war kein Monster und kein Geisteskranker, keine dämonische Ausnahme. Er ist ein Teil von uns, ob es uns nun passt oder nicht. Sexueller Missbrauch ist allgegenwärtig und es ist besser, man dämonisiert das nicht, sondern guckt genau hin und schreitet ein, sobald sich erste Anzeichen ergeben. Weil eben das niemand an der Odenwaldschule getan hat, konnte Becker dieses perfide System von Abhängigkeiten und Unterdrückung installieren.

Zur Vorbereitung haben Sie mit einigen ehemaligen Schülern gesprochen. Es heißt, einige hätten von Gerold Becker trotz allem noch geschwärmt?

Das stimmt. Auch für Adolf Hitler haben Millionen geschwärmt. Beide sind klassische Hochstapler, beide hatten ein großes Charisma und das Talent, die Menschen für sich einzunehmen, sie zu verwirren und abhängig zu machen, und beide waren unfähig, sich in das Leid anderer hinein zu versetzen. Das ist typisch für diese Leute. Innere Leere, hohe Intelligenz, totale Mitleidslosigkeit.

Nationalsozialismus und Deutschlands Geschichte waren das Thema vieler Ihrer Filme. Warum reizt es Sie, wahre Begebenheiten nachzuspielen?

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Tukurs große Leidenschaft ist nicht die Schauspielerei, sondern seine Tanzkapelle.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ich habe Geschichte studiert, ich finde das spannend. Wie sind die Generationen vor uns mit den Anwerfungen ihrer Zeit umgegangen? Wie haben sie gekämpft, wie gewonnen oder verloren? Welche Fehler haben sie gemacht und warum? Wenn ich dann noch das Gefühl habe, die Rolle bringt mir etwas Neues, etwas Überraschendes, ist das großartig.

Neben Ihrer Arbeit als Schauspieler und Musiker haben Sie mittlerweile drei Bücher geschrieben, Hörbücher aufgenommen und zuletzt den Jacob-Grimm-Preis bekommen, einen der höchstdotierten deutschen Sprachpreise. Welche künstlerische Ausdruckform macht Ihnen eigentlich am meisten Spaß?

Musizieren ist mir das Angenehmste und Beglückendste. Vielleicht auch deshalb, weil ich nicht davon abhängig bin. Ich verdiene mein Geld mit der Schauspielerei, und das kann mitunter sehr anstrengen. Aber es sind natürlich alles wunderbare Möglichkeiten, dieses fließende und schwer zu begreifende Leben abzubilden. Zum Glück kann ich nicht malen, und als Tänzer habe ich es auch nicht weit gebracht.

Es gibt also tatsächlich etwas, das Sie nicht können?

Ja. Und auch Kochen. Ich koche zwar leidenschaftlich gerne, aber es schmeckt am Ende alles gleich.

Mit Ulrich Tukur sprach Nadine Lischick.

Das Album "So wirds nie wieder sein: Lebendig im Konzert" bei iTunes kaufen oder bei Amazon bestellen.

Die "Rhythmus Boys" auf "Let's Misbehave"-Tour 2014:

28.09. Elmshorn, Stadttheater
01.10. Hamburg, St.Pauli-Theater
02.10. Hamburg, St.Pauli-Theater
03.10. Hamburg, St.Pauli-Theater
04.10. Hamburg, St.Pauli-Theater
05.10. Hamburg, St.Pauli-Theater
10.10. Uelzen, Jabelmann Halle
11.10. Münster, Kongresssaal
15.10. Köln, Gloria-Theater
17.10. Bensheim, Parktheater
18.10. Rüsselsheim, Theater
19.10. Mannheim, Capitol
20.10. Oberhausen, Ebertbad
21.10. Oberhausen, Ebertbad
24.10. Reutlingen, Stadthalle
25.10. Erlangen, Markgrafentheater
27.10. Würzburg, Mainfrankentheater
29.10. Düsseldorf, Savoy Theater
30.10. Gütersloh, Theater

Quelle: ntv.de

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