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Gekürt par ordre du mufti Deutschlands ESC-Kandidat steht fest

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Barbara Schöneberger bei der ESC-Party 2019 in Hamburg. Sie moderiert auch die deutsche ESC-Show 2020 - die Fans bleiben außen vor.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Fans des Eurovision Song Contest müssen jetzt ganz stark sein: Sie haben in diesem Jahr kein Recht, den deutschen Teilnehmer bei dem Wettbewerb mitzubestimmen. Wer Deutschland in Rotterdam vertritt, ist bereits beschlossene Sache - festgelegt von "Expertinnen und Experten".

Ob sich die Verantwortlichen für den deutschen Beitrag beim Eurovision Song Contest (ESC) damit einen Gefallen tun? Die Erfahrungen aus der Vergangenheit sprechen eigentlich eindeutig dagegen.

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Seine Nominierung für den ESC 2016 sorgte für einen Eklat: Xavier Naidoo.

(Foto: imago images/Kadir Caliskan)

Als etwa Stefan Raab im Rausche seines Triumphs mit Lena 2010 in Oslo selbstherrlich entschied, die "Satellite"-Sängerin im darauffolgenden Jahr noch einmal zur "Titelverteidigung" antreten zu lassen, sorgte das längst nicht überall für Begeisterung. Noch drastischer fielen die Reaktionen aus, als der formal für den deutschen ESC-Beitrag zuständige Norddeutsche Rundfunk (NDR) 2016 Xavier Naidoo eigenmächtig zum Wettbewerb nach Stockholm entsenden wollte. Ja, daraus resultierte sogar ein richtiger Eklat. Zum einen wegen Naidoos kontroverser politischer Aussagen in der Vergangenheit und der Frage, ob er damit wirklich als Repräsentant geeignet ist. Zum anderen aber auch, weil sich viele der um ihre Mitbestimmungsmöglichkeit beraubten ESC-Fans auf den Schlips getreten fühlten. Am Ende zog der NDR Naidoo zurück.

Experten und Musikprofis

Doch den Machern scheint das entfallen zu sein. Oder es ist ihnen egal. Oder sie glauben, nach der Pleite mit dem Duo S!sters im vergangenen Jahr in Tel Aviv helfe nun wirklich nur noch ein autoritäres Machtwort. Oder - ganz profan - sie möchten beim Vorentscheid diesmal ein paar Euro sparen.

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Sie gingen in Tel Aviv 2019 leider unter: S!sters.

(Foto: imago/Future Image)

Jedenfalls hat der NDR nun bekannt gegeben, dass der deutsche ESC-Beitrag in diesem Jahr bereits feststeht. Sowohl der Interpret als auch der Song, mit dem es am 16. Mai beim Finale in Rotterdam mit einer guten Platzierung klappen soll, seien fix. Auch wie es dazu gekommen ist, teilte der öffentlich-rechtliche Sender mit: "Zwei unabhängige Jurys haben ausgewählt, wer für Deutschland in Rotterdam auftritt: eine 'Eurovisions-Jury' mit 100 Menschen aus ganz Deutschland und eine internationale Expertenjury aus 20 Musikprofis."

Nun ist es ja nicht so, dass sogenannte Expertinnen und Experten bei den Vorentscheiden in den zurückliegenden Jahren nichts zu sagen gehabt hätten. Auch bei der Entsendung der S!sters nach Israel redeten bereits zwei Jurys mit - das Votum der TV-Zuschauer floss lediglich zu einem Drittel in die Gesamtabstimmung mit ein. Gebracht hat das jedoch nullkommanix, wenn man allein das Abschneiden in Tel Aviv zugrundelegt.

Gerupft und eingedampft

Fast scheint es so, als hätte man sich in diesem Jahr am liebsten am öffentlichen Interesse am deutschen ESC-Beitrag vorbeigeschlichen. Wurde in den Jahren zuvor gerne lautstark hinausposaunt, wie viele Workshops, Seminare oder Songwriting-Camps doch abgehalten werden, um das optimale Verfahren, die talentiertesten Kandidaten und die erfolgversprechendsten Lieder zu finden, herrschte diesmal eisernes Schweigen. Erst als vor rund zwei Wochen einige Medien mal zu thematisieren wagten, was denn eigentlich mit dem Vorentscheid in diesem Jahr sei, sah sich der NDR zu einer kurzen Stellungnahme genötigt. Noch wolle man dazu nichts sagen, hieß es da. Erste Informationen werde es aber Ende Januar geben.

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Übt sich in Zuversicht: ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber.

(Foto: imago/Sven Simon)

Na gut, jetzt ist es doch fast Mitte Februar geworden. Dafür allerdings ist die Katze nun endlich aus dem Sack. Oder sagen wir es so: Sie lugt aus dem Sack hervor. Denn wer genau mit welchem konkreten Song für Deutschland nach Rotterdam fährt, ist noch immer ein Geheimnis. Das soll erst am 27. Februar in einer speziellen Enthüllungsshow verkündet werden. Einzig der Name der Sendung "Unser Lied für Rotterdam" und die Moderatorin Barbara Schöneberger erinnern dabei an die Vorentscheide der jüngsten Vergangenheit. Ansonsten aber wird das Format kräftig gerupft: Die Länge wird auf 45 Minuten eingedampft, die Ausstrahlung erfolgt lediglich auf dem ARD-Spartenkanal One. Und die Zuschauer? Die dürfen sich über ihre neue Rolle als reine Claqueure mehr oder weniger freuen.

Mutige Prämissen

"Wir sind zuversichtlich, dass die Wahl auch bei den ESC-Fans auf sehr breite Zustimmung und - wie wir hoffen - auf Begeisterung stoßen wird", sagt ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber. Und: "Mit der Platzierung in Tel Aviv sind wir selbstverständlich nicht zufrieden. In Rotterdam wollen wir wieder an den Erfolg von 2018 anknüpfen." 2018 holte Michael Schulte mit "You Let Me Walk Alone" beim ESC in Lissabon den vierten Platz.

Zwei mutige Prämissen, die Schreiber da aufstellt. Die Chancen, statt Zustimmung und Begeisterung einen Shitstorm zu ernten, dürften jedenfalls ungefähr genauso groß sein. Und die Gefahr, trotz der angeblich geradezu seherischen Fähigkeiten der Expertinnen und Experten in Rotterdam erneut Schiffbruch zu erleiden, ist ebenfalls durchaus gegeben. Und dann, liebe ESC-Entscheidungsträger? Probieren wir es 2021 dann doch noch mit Xavier Naidoo?

Quelle: ntv.de