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"Tatort: Querschläger" Ein Mann sieht rot

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Falke und Grosz haben es mit einem Gegenüber zu tun, das nichts zu verlieren hat.

(Foto: dpa)

Eigentlich sind Falke und Grosz nur zur Lkw-Kontrolle auf dem Autobahn-Parkplatz, plötzlich fallen Schüsse, eine Kugel trifft einen Außenstehenden. Was hat der Lkw-Fahrer mit dem Anschlag zu tun? Und was hat sein Bruder auf dem Kerbholz?

Die Sache mit dem Flirten, der Liebe, dem Sex - das kann im "Tatort" schon mal schwierig werden. Mal geht es, wie bei Kriminalhauptkommissarin Nina Rubin (Meret Becker) in Berlin, direktemang zur Sache. Dann wird sich, wie im Falle von Borowski (Axel Milberg) und Kriminalpsychologin Frieda Jung (Maren Eggert), etliche Folgen lang skurril umtänzelt. Auch bei den Hamburger LKA-Beamten britzelt es diesmal, und dass das angesichts der Konstellation vergleichsweise unaufgeregt inszeniert wird, ist direkt eine Wohltat. Dass Tine Geissler (Marie Rosa Tietjen) ein Auge auf die Kollegin Julia Grosz (Franziska Weisz)vom LKA geworfen hat, ist nicht zu übersehen. Eine hoffnungsvolle Abwechslung ist es, wie dieser quasi-romantische Nebenstrang der Geschichte nicht der Verlockung eines dicken Pinselstrichs erliegt.

Zudem gibt es genügend Schauplätze, an denen es brenzlig wird. Das Drama beginnt auf einem Parkplatz an der Autobahn. Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und seine Kollegin sind bei einem Routine-Check mit dabei, als ihnen plötzlich Kugeln um die Ohren fliegen. Während alles in Deckung geht und der Heckenschütze seelenruhig weiterfeuert, prallt eine Kugel von der Radkappe eines Trucks ab und erwischt einen Mann, der unbeteiligt danebensteht.

Ich hol' meinen großen Bruder!

Das Rätsel um den Schützen im Hinterhalt wird für den Zuschauer zügig aufgedeckt. Es handelt sich um Steffen Thewes (Milan Peschel), einen verzweifelten Vater, dessen Tochter unheilbar krank ist. Für die Operation, die nötig wäre, um ihr das Leben zu retten, fehlt das Geld. Thewes kennt in dieser Situation keinen anderen Ausweg, als es auf die erpresserische Tour zu versuchen. Falke und Grosz haben es da schwerer, es dauert, bis sie diesen Wissensvorsprung aufholen. Das ist auch dem Fahrer des beschossenen Lkw, Efe Aksoy (Deniz Arora), und seinem großen Bruder Cem, genannt Jimmy (Eray Egilmez), der die Spedition leitet, geschuldet. Die beiden haben ihr eigenes Ding am Laufen und es gibt gute Gründe, den Leuten vom LKA nicht alles zu erzählen.

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Milan Peschel überschreitet die Grenzen und ist großartig.

(Foto: NDR)

Vom Vater zum Heckenschützen, für Autor Oke Stielow liegt hier der Reiz der Geschichte: "Kinder zu haben, ist wie eine emotionale Achterbahnfahrt. Man weiß nicht genau, wann geht es hoch, wann geht es runter, wann nach links und wann nach rechts. Und wenn du ein krankes Kind hast, findet das Ganze noch dazu im Dunkeln statt. Dabei nicht zu wissen, ob das eigene Kind überlebt, ist zermürbend", so Stielow über das Motiv seines tragischen Antihelden. "Besonders wenn man glaubt, das Steuer nicht mehr in der Hand zu halten. Deswegen überschreitet Thewes die Grenze des Zulässigen. Er will sein Kind nicht aufgeben. Er will niemanden verletzen, aber als das sozusagen aus Versehen passiert, rutscht er Stück für Stück weiter ab."

Milch? Kekse?

Bei aller psychologischen Spannung kommt jedoch auch "Querschläger" nicht ohne dramaturgische Fußangeln aus. Dass die Kriminalen sich wieder einmal rein zufällig dort aufhalten, wo das Verbrechen seinen Anfang nimmt - geht das nicht anders? Dass der Titel sich auf eine Figur bezieht, die im ganzen Film - außer dahingerafft zu werden - keine Rolle spielt, ist nicht wirklich gelungen. Auch das Binnenverhältnis der Aksoy-Brüder ist vergleichsweise grob geschnitzt.

Es ist Milan Peschels darstellerische Leistung, wieder einmal, die über diese losen Nahtstellen zwischen den Plots hinwegsehen lässt. Ein Familienvater am Abgrund, irgendwo zwischen Michael Douglas in "Falling Down" und Charles Bronson in traurig, das schmerzt beim bloßen Zuschauen. Peschels Mienenspiel, der zunehmend hoffnungslose Blick, die tiefen Furchen in seinem Gesicht, die Tränen, wie sie hochsteigen - man möchte ihm die Knarre aus der Hand nehmen, ihm eine warme Milch und einen Teller Kekse hinstellen.

Fazit: Ein "Tatort" mit dezenten Schwächen, dabei jedoch auch ohne klassisches Täterrätsel spannend und unterhaltsam. Nicht zuletzt, weil neben Julia Grosz auch Falke, selbst Familienvater zwischen angemessener Coolness und Sorge um den Sohn, noch einmal an Kontur gewinnt.

Quelle: n-tv.de