TV

"Hart aber fair" Erdogan darf auch bei Plasberg spalten

HAF_01_10_18_048.jpg

Plasbergs Gäste: Mustafa Yeneroglu, Jürgen Hardt, Fritz Schramma, Tugba Tekkal und Cem Özdemir (v.l.)

Am Montag nach dem Besuch von Staatspräsident Erdogan herrscht Katerstimmung: Wie soll man mit der politischen Türkei umgehen, ohne die Spannungen in der deutsch-türkischen Community noch zu verschärfen?

Einer gegen alle, das ist selten eine gute Grundlage für eine Diskussion auf Augenhöhe. Bei einem sensiblen Thema wie dem des Umgangs der deutschen Politik mit einer Türkei unter Präsident Erdogan gilt das umso stärker - und doch tappen die öffentlich-rechtlichen Polit-Talkshows immer wieder in dieselbe Falle. Diesmal ist es die "Hart aber fair"-Redaktion, die wissen möchte, welche Konsequenzen der Besuch des türkischen Staatspräsidenten für die Beziehungen der beiden Länder hat. "Spalten oder einen?" will Moderator Frank Plasberg wissen - und könnte sich die Frage beim Blick auf die geladenen Gäste eigentlich direkt selbst beantworten.

Unter denen ist nämlich auch Mustafa Yeneroglu: Der in Köln geborene Politiker gehört zwar unter anderem dem Präsidium der türkischen Regierungspartei AKP an, ist aber vor allem Erdogans Sprachrohr in Deutschland - und als solches eine durchaus kluge Besetzung, weil es der Mann wie kein Zweiter schafft, eine konstruktive Debatte durch Ablenkung, Hinhaltemanöver und schwer überprüfbare Behauptungen schon im Keim zu ersticken. An ihm abarbeiten dürfen sich an diesem Montagabend der Grünen-Politiker Cem Özdemir, der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion Jürgen Hardt (CDU), der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma sowie die ehemalige Fußball-Bundesliga-Spielerin Tugba Tekkal. Später in der Sendung schildert Zeynep Potente das Schicksal ihres Vaters, der seit mehr als einem Jahr ohne Anklage in einem türkischen Gefängnis sitzt.

Faktencheck erst ab Dienstagmittag

Die Frage ist nur, wie viele Zuschauer es überhaupt so lange ausgehalten haben. Nach einem kurzen Vorgeplänkel, in dem die kurdischstämmige Tekkal über ihr Integrationsprojekt "Scoring Girls" erzählt und davon berichtet, dass die Eltern der Kinder anders als vor zehn Jahren mittlerweile oft das Gefühl hätten, sich zwischen ihrer türkischen und ihrer deutschen Identität entscheiden zu müssen, startet ohne weitere Umschweife die große Yeneroglu-Show - und die ist schwer zu ertragen.

Das Prinzip ist denkbar einfach: Moderator Plasberg stellt eine Frage á la "Warum sitzen in der Türkei immer noch so viele Menschen ohne Anklage in Haft?", woraufhin der türkische Politiker sich zunächst verbal durch die Gegend windet, dann behauptet, dass das überall auf der Welt das Gleiche sei, um schließlich laut Respekt für die Souveränität seiner Heimat zu fordern. Alternativ stellt Yeneroglu Behauptungen auf, wohl wissend, dass die "Hart aber fair"-Redaktion ihren Faktencheck erst ab Dienstagmittag nachreichen kann - oder geht direkt zum Gegenangriff über: "Wir haben nach wie vor täglich Terroropfer in der Türkei, aber das ist den Leuten hier egal. Herr Özdemir sagt nur, dass Menschen in den Gefängnissen sitzen, aber nicht, warum sie dort sitzen."

"Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung" heißt es wie so oft auch im Fall der Familie Potente. Die Ärztin hat ihren Vater seit 14 Monaten nicht gesehen, seitdem wartet der Mann ohne weitere Begründung in türkischer Isolationshaft. "Wir mussten nach dem Putschversuch viele Justizbeamte entlassen", sagt Yeneroglu mit einem Schulterzucken. "Sie nehmen also eine Säuberungsaktion als Begründung, dass die Justiz nicht vorankommt?", ruft Özdemir ungläubig.

"Wenn Erdogan lange vergessen ist ..."

Auf den Vorwurf, die Türkei nutze Interpol, um systemkritische Türken im Ausland zu verfolgen - wie im Sommer in Spanien geschehen - antwortet Yeneroglu nur: "Die Türkei nutzt Interpol wie jedes andere europäische Land auch." Da kann sogar der schon alleine wegen seines Amtes um größtmögliche Diplomatie bemühte Hardt nur ungläubig mit dem Kopf schütteln: "Man muss lernen, dass es im Interpol-System Mitglieder gibt, die das System missbräuchlich gebrauchen", sagt der außenpolitische Sprecher von CDU/CSU. Direkter kann man das in seiner Position wohl kaum formulieren.

Das Enervierende an dieser Art von Diskussion: Die Abwehrtaktik des türkischen Politikers liegt ganz offen auf dem Tisch, Yeneroglu macht auch kaum einen Hehl um seine Bemühungen, die Diskussion aus der Spur zu werfen. Und trotzdem bekommt den Mann niemand zu greifen. Was auch kein Wunder ist, schließlich kann sich Yeneroglu im Fall der Fälle immer darauf zurückziehen, dass in der Runde alle gegen einen sind. So schwer es auch sein mag, Menschen wie dem AKP-Mann Sprechzeit einzuräumen - wer eine Debatte wie diese führen möchte, muss dann auch darauf achten, ein Gleichgewicht bei der Auswahl der Gäste zu halten, und damit die Flucht nach vorn in eine Opferrolle direkt ausschließen zu können.

Wer es bis zum Schluss durch die Yeneroglu-Show schafft, wird dann doch noch ein bisschen für die Leidenszeit entschädigt, weil Fritz Schramma zum Ende ein paar Worte findet, die Mut für die Zukunft machen: "Diese Moschee ist ein so gelungenes Beispiel der Integration, dass dieses Haus auch den Herrn Erdogan überlebt", sagt der ehemalige Kölner Oberbürgermeister, der sich in seiner Amtszeit intensiv für den Bau der neuen Kölner Zentralmoschee eingesetzt hatte - und endet: "Wenn Erdogan lange vergessen ist, wird sich auch eine neue Form des Miteinanders entwickelt haben." Man könnte auch sagen: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema