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Hamburger BKA-"Tatort" Feierabend auf der Reeperbahn

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Kann mit Kiez-Romantik gar nichts anfangen: Kommissarin Grosz (Franziska Weisz, l.).

(Foto: NDR/Christine Schroeder)

Früher waren die Zuhälter auf dem Kiez hart, aber herzlich, die Huren stolz und selbstbestimmt. Und heute? Heute ist die "sündigste Meile der Welt" nur noch eine billige Ballermann-Kopie, während brutale Clans im Hintergrund die Fäden ziehen. "Die goldene Zeit" will zeigen, was wirklich ist und scheut auch nicht davor zurück, Legenden zu entzaubern.

Alte Menschen erzählen gerne von vergangenen Zeiten. Das war schon immer so und wird vermutlich auch immer so bleiben - irgendwohin müssen sie ja, diese ganzen Lebensgeschichten. Dass es sich in diesen vergangenen Zeiten verdächtig oft besser gelebt haben soll als heute, ob nun in Bautzen oder in Bamberg - Schwamm drüber. Ganz besonders anfällig für nostalgische Verklärung ist aber eine andere Stadt oder besser gesagt ein ganz bestimmter Stadtteil: St. Pauli, Heimat der berühmt-berüchtigten Reeperbahn, einstmals als "sündigste Meile der Welt" bekannt.

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Die Kommissare werden vor allem mit den düsteren Seiten des Kiez-Lebens konfrontiert.

(Foto: NDR/Christine Schroeder)

Der Kiez war im gängigen Narrativ seit jeher ein Sehnsuchtsort für alle, die der Kleinbürgerlichkeit entkommen und in eine andere Welt eintauchen wollten: aufregend, rau, schmutzig. Wenn Kiezlegenden wie Karate-Tommy, Inkasso-Henry oder Der schöne Klaus von früher erzählten und erzählen, dann klingt es häufig so, als wäre die Reeperbahn in ihren "goldenen Zeiten" in den 70ern und 80ern eine Erwachsenenversion von Bullerbü gewesen: ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene, in dem die Huren stolz und selbstbestimmt waren, die Zuhälter hart, aber herzlich, und auf dem am Ende doch alle irgendwie zusammenhielten wie eine große Familie.

Dass diese Selbstdarstellung zumindest in Teilen angezweifelt werden muss, ist nichts Neues. Dass sie sich aber weiterhin so großer Beliebtheit erfreut, hat wohl vor allem zwei Gründe: Einerseits lebt die Reeperbahn von ihrem sündigen Image, auch wenn davon wegen der seit Jahren grassierenden "Ballermannisierung" kaum noch etwas zu spüren ist. Andererseits lassen die brutalen Verteilungskämpfe der 80er und 90er, als ausländische Banden sich ein Stück vom Kuchen sichern wollten und das mit Waffengewalt auch taten, die früheren Kiezkönige in einem schmeichelhafteren Licht erscheinen. Und genau hier setzt der neue BKA-"Tatort" aus Hamburg an.

Dekonstruktion der "goldenen" Zeiten

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Haben ihre besten Zeiten lange hinter sich: Kiez-Baron Pohl (Christian Redl) und Eisen-Lübke (Michael Thomas, v.l.).

(Foto: NDR/Christine Schroeder)

Wir erfahren in "Die goldene Zeit" viel über die Vergangenheit von Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring), der vor seiner Zeit bei der Polizei als Türsteher auf St. Pauli arbeitete - und auch 30 Jahre später noch eine gewisse Ehrfurcht vor der alten Ordnung hat. Das äußert sich ganz konkret im Umgang mit seinem früheren Mentor Eisen-Lübke (Michael Thomas), der in früheren Zeiten als "Sicherheitschef" des größten Luden am Ort arbeitete, heute aber nur noch ein Schatten seiner selbst ist - übrigens genau wie sein Boss Egon Pohl (Christian Redl), der mit fortgeschrittener Demenz im Pflegeheim hockt. Dessen Sohn wurde mit mehreren Bauchstichen getötet: Eisen-Lübke wittert einen Anschlag der albanischen Zuhälter-Konkurrenz dahinter und schwört Rache.

In diesem "Tatort" ist die Frage nach dem Mörder uninteressant: Der Täter, ein gerade mal 13 oder 14 Jahre alter Junge aus Rumänien, stellt sich bei dem Mord so ungeschickt an, dass neben den Zuschauern bald auch alle Protagonisten wissen, nach wem sie Ausschau halten müssen. Alle, die beim Sonntagskrimi vor allem raten wollen, können sich fortan auf die Frage konzentrieren, wer tatsächlich hinter dem Auftragsmord steckt - das Hauptaugenmerk von Drehbuchautor Georg Lippert und Regisseurin Mia liegt allerdings ohnehin in der Dekonstruktion sowohl der "goldenen" als auch der heutigen Zeiten.

Und das machen die beiden sehr geschickt, indem sie ihre Protagonisten für sich selbst sprechen lassen: Wenn der abgewrackte Eisen-Lübke in einer heruntergekommenen Kiez-Spelunke von den alten Zeiten schwärmt, der schmierige Manager eines sterilen Reeperbahn-Etablissements von "familiärem Zusammenhalt" schwafelt oder die geschniegelten albanischen Zuhälter selbstgefällig im Shisha-Rauch auf der Dachterrasse sitzen und auf den von Junggesellenabschieden verseuchten Kiez hinabschauen, dann braucht man keine Erklärung, um zu verstehen: Es ist nicht alles Gold, was neonfarben glänzt.

Übrigens auch nicht in "Die goldene Zeit": Während Spengler die Kiez-Atmosphäre mit einer Mischung aus nervöser Kameraführung und schmutzigen Lichtstimmungen perfekt einfängt, wirkt eines der zentralen Motive, die Beziehung zwischen dem "alten Kiez-Köter" Lübke und dem rumänischen Jungen, etwas aufgesetzt. Das liegt gar nicht an den beiden Darstellern, die spielen ihre Parts sehr überzeugend - sie haben schlicht zu wenig Kamerazeit, um wirklich plausibel darlegen zu können, warum sie später zu einem Team á la "Leon, der Profi" verschmelzen. Das bleibt allerdings Jammern auf hohem Niveau, eine beinahe uneingeschränkte Sehempfehlung bleibt dieser "Tatort" so oder so.

Quelle: ntv.de