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"Tatort" mit Tobler und Berg Heute kein König

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Der Schwarzwald-"Tatort" nimmt Anleihen bei dem Klassiker "Reifezeugnis".

(Foto: picture alliance/dpa)

Dritter Einsatz für das Schwarzwald-Team: Ein getöteter Motorroller-Fahrer. Und ein junges Mädchen, das seit zwei Jahren vermisst wird. Was für Tobler und Berg zunächst nach zwei unterschiedlichen Fällen aussieht, ist direkt miteinander verknüpft.

Das alles - und noch viel mehr - würde Martin Nussbaum (Andreas Lust) machen, wenn er König von Deutschland wär'. Die Sonne bricht sich in den ungeputzten Scheiben des Wagenfensters, alles schwitzt, an Nussbaums Oberarm prangt ein Spinnennetz-Tattoo, verblichenes Relikt aus längst vergangenen Tagen der Revolte. Die Musik aus dem Radio klingt auch schon ziemlich zerkratzt. Rio Reiser und seine Heute-ein-König-Schnurre aus den Tiefen der 80er-Jahre. Verbissen singt Nussbaum, trommelt auf dem Lenkrad. Dabei ist er nicht nur kein König, er ist vielmehr eine arme Sau. Und eine ganz miese Type dazu.

In einer Skihütte im Wald wartet die 15-jährige Emily (Meira Durand) auf Nussbaum, bei ihr nur Hund Luno, der treue Gefährte. Zwei Jahre zuvor ist Emily von zu Hause weggelaufen. Seit Monaten ist sie mit dem Jahrzehnte älteren Nussbaum auf der Flucht, campiert mal hier an einem See, mal dort in einer verlassenen Bude. Doch ist es nicht nur die verzweifelte Mutter von Emily, die latent überforderte Michaela Arnold (Kim Riedle), die ihre Tochter vermisst, auch Nussbaum wird gesucht. Nach einem Einbruch in seinen Wagen hatte er die Verfolgung der beiden Täter auf ihren Motorrollern aufgenommen, einen der beiden von der Straße gedrängt. Den Sturz einen Abhang hinunter überlebte der junge Mann schließlich nicht.

Für das Duo im Einsatzbereich Schwarzwald, Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner), sind das zunächst zwei Fälle, die nichts miteinander zu tun haben. Berg hatte sich in den Jahren zuvor schon an der Vermisstensache Emily Arnold abgearbeitet, schiebt der Kollegin die Akte rüber und kümmert sich stattdessen lieber um den Fall des Toten am Abhang - bis ihnen bewusst wird, dass beide Fälle direkt miteinander verbunden sind.

Drama, das einige Zeit nachhallt

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Aus zwei Fällen wird einer: Tobler und Berg begeben sich gemeinsam auf Spurensuche.

(Foto: SWR/Benoit Linder)

Älterer Typ, junges Mädchen - der Verweis auf Nabokovs "Lolita" lässt sich kaum vermeiden, der Fokus in dieser Geschichte liegt jedoch gar nicht einmal auf dem Verhältnis zwischen den beiden ungleichen Liebenden. Abgesehen von einer schwülen Montage zu Beginn des Falles, untermalt von Harry Styles' "Sign Of The Times", die andeutet, dass die beiden auch mal unbeschwertere Zeiten gehabt haben könnten, ist "Für immer und dich" vielmehr eine stimmungsvolle, zutiefst tragische Verliererballade. Mit einem egomanischen Träumer als Protagonist, der letztlich über Leichen geht. Einem jungen Mädchen, das sich danach sehnt, einfach nur mal in den Arm genommen zu werden. Und mit Franziska Tobler, einer Kommissarin, die sich nicht nur mit der Familie der Vermissten auseinandersetzen muss, sondern auch mit einer gewichtigen Nachricht in ihrem Privatleben.

Magnus Vattrodts Geschichte, gekonnt freischwebend inszeniert von Regisseurin Julia von Heinz, vollbringt ein Kunststück, das dem "Tatort" zuletzt nur selten gelang: Einen überschaubaren Fall zu erzählen, getragen von einem großartigen Ensemble, in dem besonders die junge Meira Durand mit ihrem natürlich-intensiven Spiel heraussticht, gekonnte Dialogführung und ein schlussendliches Zusammenführen der Stränge, das den Zuschauer erst versöhnt, dann noch einmal ganz arg durchrüttelt. Und dann doch wieder ein wenig versöhnt.

Ambitioniert, selbstbewusst inszeniert und gekonnt in der Balance gehalten, ist "Für immer und dich" kein klassisches Whodunit, sondern vielmehr ein Drama, das sich dezent auf den "Tatort"-Klassiker "Reifezeugnis" bezieht, in dem Nastassja Kinski und Christian Quadflieg einst in ähnlicher Konstellation verbandelt waren - und das dennoch genug Eigenständigkeit und Tiefe besitzt, um einige Zeit nachzuhallen.

Quelle: n-tv.de

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