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"Ein Kitzler wie 'ne Bratwurst" "Queen of Drags" - King of Trash?

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Willkommen zur Primetime im Mainstream-Fernsehen: Jury und Teilnehmer bei "Queen of Drags".

(Foto: ProSieben / Martin Ehleben)

Die neue Pro7-Show "Queen of Drags" sorgt schon im Vorfeld für Wirbel. Jedoch nicht wegen der Männer mit viel Schminke und in Frauenfummeln, sondern wegen Heten-Heidi. Nun feiert das Format Premiere, abermals mit großem Pomp. Kreisch!

Es gibt für diese Sendung ein Vorbild. "RuPaul's Drag Race" heißt es, ein Reality-TV-Format, das in den USA schon seit zehn Jahren läuft. Und das mit großem Erfolg, mehrere Emmy-Awards inklusive. Worum es geht? Staffel für Staffel lässt Dragqueen-Ikone RuPaul eine Schar ihrer Epigonen, die sich verschiedenen Herausforderungen stellen müssen, um den Sieg wetteifern. Unterstützt wird sie dabei von wechselnden Mitgliedern in der Jury.

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Die Stamm-Jury bei "Queen of Drags": Heidi Klum, Bill Kaulitz (M.), Conchita/Wurst.

(Foto: ProSieben / Martin Ehleben)

Das klingt nicht nur nach "Germany's Next Topmodel" (GNTM). Das ist es auch - mit eben jenem kleinen Unterschied, den man in der Show selbstredend nie zu sehen bekommt. Insofern mutet es doch eigentlich ganz plausibel an, dass nun, nachdem mit "Queen of Drags" die Adaption fürs deutsche Fernsehen über die Mattscheiben flimmert, Heidi Klum ein Gesicht der Sendung ist. Doch Pustekuchen mit ganz viel Glitter oben drauf! Die Verpflichtung von Heten-Heidi sorgte erst einmal für reichlich Ärger. Schließlich warfen ihr viele mangelnde Szene-Affinität vor.

Klum schüttet ihr Herz aus

Da ist es gut, dass Klum zwei eher mit dem Milieu vertraute Mit-Juroren zur Seite gestellt wurden, auch wenn einer von ihnen seine sexuelle Orientierung nach wie vor nicht frei offenbart. Stattdessen sagt Tokio-Hotel-Sänger und Klum-Schwager Bill Kaulitz lieber Sätze wie, er wisse aufgrund seiner extravaganten Erscheinung selbst, wie schwierig Andersartigkeit sei, während an seinen Ohren die "Cha"- und "Nel"-Ohrringe funkeln. Anders ist das selbstredend bei Conchita Wurst, die inzwischen nur noch Conchita oder Wurst sein will und bürgerlich auf den Namen Thomas Neuwirth hört. Die Österreicherin ist seit ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest quasi so etwas wie die deutschsprachige RuPaul mit Haaren im Gesicht.

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Fährt die Krallen aus: Katy Bähm.

(Foto: ProSieben / Boris Breuer)

So ist der Wirbel um Klum zum Auftakt von "Queen of Drags" auch gleich mal Thema. Sowohl bei der pompösen Premiere der ersten Serienfolge, für die ProSieben am Montagabend extra den Berliner "Zoo Palast" angemietet hatte, als auch in der Sendung selbst. Und - oh Wunder - zumindest die Protagonisten der Show springen der hauptberuflichen Foto-Fee für gepiesackte Möchtegern-Model-Mädchen samt und sonders zur Seite. Es werfe schon ein bedenkliches Licht auf die Community, wenn sie stets von Inklusion spreche, Klum aber ausschließen wolle, sinniert etwa Conchita/Wurst auf der "Zoo Palast"-Bühne. Und als die Gescholtene in der ersten Episode ihr Herz über die ihr widerfahrene Ungerechtigkeit ausschüttet, klopfen ihr selbstredend all die Nachwuchs-Drags um sie herum tröstend und verständnisvoll auf die Schulter. Was sie ohne laufende Kameras hinter Klums Rücken sagen, wissen wir nicht.

Von der Ober-Bitch bis Bambi

Genauso wenig wissen wir, ob das nun von Anfang an so geplant war oder doch eine Konsequenz aus dem ganzen Heidi-Hassel ist. Fest steht jedoch: Zumindest zum Auftakt von "Queen of Drags" fungiert Klum eher als Randfigur denn als Aushängeschild. Nicht nur bei der Premiere in Berlin glänzt sie als Einzige durch Abwesenheit - wegen Dreharbeiten für GNTM auf Costa Rica. Auch in der Sendung selbst sind es eher Kaulitz und insbesondere Conchita/Wurst, die die Moderationsakzente setzen. So um ihre sonst angestammten Drillmaster-Befugnisse beraubt, wird Klum zurechtgestutzt auf das, was sie eigentlich ist: ein Fashion-Girlie im Erwachsenenalter aus Bergisch Gladbach, das vor allem viele Belanglosigkeiten von sich gibt.

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Mit 48 die älteste Teilnehmerin: Catherrine Leclery.

(Foto: ProSieben / Boris Breuer)

Doch die eigentlichen Stars der Show sind natürlich die Kandidatinnen, darunter etwa die Ober-Bitch Katy Bähm, die Stammesälteste Catherrine Leclery oder die bärtige Bambi Mercury, die nicht nur der Missing Link zwischen Disneys Rehkitz und dem früheren Queen-Sänger zu sein scheint, sondern auch der zwischen Conchita/Wurst und Harald Glööckler. "Es wird so richtig gay", raunt es durch die Villa in Los Angeles, in der die insgesamt zehn Teilnehmerinnen einquartiert sind. Und tatsächlich tobt schon allergrößter Zickenterror, als es um die Frage der Zimmerbelegung geht. "Voll schwul" lassen es die Drags auch an Grillmeister-Qualitäten missen und essen deshalb verkohlte Maiskolben. Und ein weiteres Mal "stutenbissig" wird es, als Madame Bähm Bähm Bähm fremde Schminktische mit nahezu ihrem gesamten Glitzer-Vorrat einsaut. Ohne jedes Unrechtsbewusstsein, versteht sich. Nur wenn Kaulitz sich nähert, herrscht allerorten eitel Sonnenschein, denn Bill hat ja "so sanfte Haut".

"Geisterbahn meets Muppetshow"

"The Art of Drag" lautet das erste Motto, zu dem sich die Kandidatinnen eine Performance einfallen lassen müssen. Und um die Fachkompetenz der Jury noch ein wenig zu steigern, gibt es mit Olivia Jones eine in Drag-Dingen nun wirklich beschlagene Gastjurorin. Eine, die seit über zehn Jahren zu St. Paulis Kiezgrößen gehört. Eine, die mit Samantha Gold einen persönlichen Schützling, der sonst in den Jones-Etablissements auf der Reeperbahn zugegen ist, in der Sendung am Start hat. Und eine, die die Show mit Humor und nicht zuletzt selbstironischem Blick auf die Szene aufmischt.

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Harald Glööckler? Nein, Bambi Mercury.

(Foto: ProSieben / Boris Breuer)

"Ein Kitzler wie 'ne Bratwurst", entfährt es Jones so zum Beispiel, als das Kostüm einer Teilnehmerin bei ihrem Auftritt nur bedingt den Zweck erfüllt, den schnöden Schein zu wahren. "Geisterbahn meets Muppetshow", lautet ein anderes Mal ihr Kommentar. Und gemeint ist damit nicht etwa Klum, die sich mit ganz viel blauer Schminke im Gesicht zwar redlich müht, den Drags das Wasser zu reichen, im Pomp von Roben, Perücken und viel nackter Männerhaut aber untergeht, als sei sie nie ein "Victoria's Secret"-Engel gewesen.

Drag-Königinnen und GNTM-Vasallinnen

Kritisch wird es lediglich, wenn Jones Humor und Selbstironie beiseite wischt. Dann fallen von ihr Sätze wie "Drag ist große Kunst" und "Drag ist auch politisch". Nun ja, viel von dem, was da zu sehen ist, ist nun auch nicht so viel größere Kunst als eine bessere Karnevalssitzung oder der eine oder andere Auftritt beim "Supertalent". Und politisch ist es nur dann, wenn es um grundsätzliche Fragen wie Toleranz, Inklusion, sexuelle Freiheit und den Kampf gegen Homophobie geht. Klar, Fragen, die sich heute leider immer noch stellen, auch wenn sie für jeden Menschen mit einem IQ über Primaten-Niveau längst abgehakt sein sollten. Aber darüber hinaus?

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In der ersten Sendung gab es Unterstützung von Gastjurorin Olivia Jones (2.v.r.).

(Foto: ProSieben / Martin Ehleben)

Darüber hinaus ist an der Szene und der Szenerie, die sich in "Queen of Drags" bietet, so gut wie gar nichts politisch. Es geht um Hedonismus, Materialismus, Ellenbogen und das Höchstmaß an Oberflächlichkeit, nicht nur wenn Lady Bumm-Bähm ihre Konkurrentin Leclery wegen ihres Alters (48) disst. In dieser Hinsicht nehmen sich die männlichen Drag-Königinnen nicht viel mit den weiblichen GNTM-Vasallinnen. Was gibt es zu gewinnen? Ein Cover auf der deutschen "Cosmopolitan". Kreisch! Eine Reise nach New York. Kreisch! Einen Vertrag mit einem Kosmetikkonzern. Kreisch! 100.000 Euro. Kreiiiiisch!

"Queen of Drags" ist unterhaltsam, keine Frage. Schließlich mutet es phasenweise beinahe wie ein Comedy-Programm der Marke "King of Trash" an, sodass sich mit den Teilnehmerinnen auch das nächste "Sommerhaus" gut und gerne komplett bestücken ließe. Ob nun genau das dem hehren Anliegen der Inklusion dienlich ist, sei einmal dahingestellt. Es mag in jedem Fall ein gutes Zeichen sein, dass die Drags den Einzug ins Mainstream-Fernsehen zur Hauptsendezeit geschafft haben. Doch - darüber sollte sich keiner einer Illusion hingeben - ein Zeichen, das auch nur so lange währt, wie die Einschaltquote stimmt.

Quelle: n-tv.de