Panorama

Höhepunkt überschritten? Britische Corona-Inzidenz sinkt rasant

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Manchem Londoner genügte am "Freedom Day" auch ein wenig Nasenfreiheit in der Tube.

(Foto: KGC-254/STAR MAX/IPx)

Nachdem die Corona-Fallzahlen in Großbritannien rund einen Monat lang steil nach oben gehen, bricht der Anstieg plötzlich ab und seit zwei Wochen sinkt die Inzidenz ebenso rasant wie sie zuvor nach oben schoss. In den Niederlanden sieht es ähnlich aus. Ist das schon der Anfang vom Pandemie-Ende?

Als Großbritannien trotz bereits extrem hoher Inzidenz und weiter steil steigender Fallzahlen am 19. Juli nahezu alle Corona-Restriktionen fallen gelassen hatte, erwarteten alle Experten eine weitere starke Zunahme der Neuinfektionen. Doch verblüffenderweise ist das genaue Gegenteil der Fall: Seit der 7-Tage-Schnitt am 21. Juli mit täglich fast 48.000 Fällen einen Höhepunkt erreicht hatte, geht er nun fast senkrecht nach unten. Gestern lag der Wert bereits unter 33.000. War's das schon, hat Großbritannien das Gröbste überstanden und kann seine Freiheit ab sofort sorgenlos feiern?

Johnson bleibt vorsichtig

Die Regierung ist noch vorsichtig. Es sei noch "viel zu früh, um irgendwelche Schlüsse zu ziehen", sagte heute Premierminister Boris Johnson dem Radiosender LBC. "Das Virus ist immer noch da draußen, Menschen haben es. Es stellt immer noch ein erhebliches Risiko dar."

Tatsächlich ist auch für die britische Regierung die gegenwärtige Entwicklung eine große Überraschung. Die Modellierung der Scientific Advisory Group for Emergencies (SAGE) erwartet den Höhepunkt der jetzt frei rollenden dritten Corona-Welle frühestens Mitte August mit pro Tag 100.000 Neuinfektionen, 1000 bis 2000 Krankenhauseinweisungen und 100 bis 200 Toten.

In ihrer Modellierung benennen die SAGE-Wissenschaftler das Verhalten der Menschen als den größten Unsicherheitsfaktor. Sie gingen davon aus, dass sich deren Verhalten nicht schlagartig, sondern langsam im Laufe der Monate verändert. Das heißt, dass sie sich - wie immer noch vorgeschrieben - selbst isolieren, wenn sie Kontakt zu einem Infizierten hatten oder Symptome zeigen, freiwillig Masken tragen oder im Homeoffice arbeiten. Im schlimmsten Fall rechnet die Modellierung mit bis zu 4800 täglichen Hospitalisierungen.

Vernunft der Bevölkerung unterschätzt?

Möglicherweise haben die britischen Wissenschaftler ihre Mitbürger also unterschätzt. Dafür spricht unter anderem, dass eine Mehrheit der Briten den "Freedom Day" äußerst kritisch betrachtete. Einer Umfrage der britischen Statistikbehörde zufolge gaben 54 Prozent der Befragten an, sich deswegen Sorgen zu machen, 20 Prozent von ihnen sind sehr besorgt.

87 Prozent der erwachsenen Engländer wollen sich an die Selbst-Isolation halten, rund zwei Drittel (64 Prozent) möchten beim Einkaufen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln weiter Masken tragen. 60 Prozent sagten, auch nach Aufhebung der Beschränkungen überfüllte Orte zu meiden.

Die Auswirkungen des "Freedom Day" könne man nicht vor Freitag in den Statistiken sehen, sagte Gesundheitsschutzexperte Paul Hunter der BBC. Trotzdem sähen die Daten bisher zumindest für den Sommer gut aus. "Müsste ich wetten, würde ich sagen, dass die Auswirkungen des 19. Juli nicht ausreichen werden, um die Fallzahlen wieder zu erhöhen, aber ich bin mir nicht sicher."

Virologe Stephen Griffin geht davon aus, dass sich in den vergangenen Wochen "sehr viele Menschen" nach einem Kontakt zu einem Infizierten selbst isoliert haben. Tatsächlich kommt das so häufig vor, dass die britische Wirtschaft unter den Arbeitsausfällen leidet. Die Presse dort nennt es "Pingdemy", da die Menschen mit einem Ping-Ton der britischen Corona-Warn-App zur Isolation aufgefordert werden. Die Pflicht zur Selbst-Isolation gilt noch bis zum 16. August sogar für zweifach Geimpfte.

Schulen spielen wichtige Rolle

Laut Griffith mussten vor allem auch viele Schüler zu Hause bleiben, nachdem es in ihrer Klasse einen Corona-Fall gegeben hatte. Außerdem haben in Großbritannien am 25. Juli die Schulferien begonnen. Das hat definitiv einen signifikanten Einfluss auf die Inzidenzen im Königreich. Denn laut Statistikbehörde stiegen vor allem bei den 16- bis 24-Jährigen die Fallzahlen steil an. Auch bei der Altersgruppe darunter ging die Inzidenz stark nach oben, flachte zuletzt aber ab - möglicherweise wegen Isolationen.

Die sinkenden Inzidenzen bei Schülern sind sicher auch darauf zurückzuführen, dass sie ohne Schulunterricht nicht regelmäßig getestet werden. Da Covid-19 bei jungen Menschen oft sehr harmlos oder gar ohne Symptome abläuft, bleiben aktuell so vermutlich viele Infektionen unbemerkt.

Eine weitere Rolle spielt das Ende der Fußball-Europameisterschaft, von der es zahlreiche Meldungen über infizierte Fans gab. Dass das Turnier einen relativ großen Anteil zum Infektionsgeschehen beitrug, zeigt das Beispiel Schottland. Dort sanken die Fallzahlen früher als in England kurz nach dem Ausscheiden der schottischen Nationalmannschaft.

Hohe Impfquote entscheidend

Positiv hat sich vermutlich auch das gute Wetter der vergangenen Wochen in Großbritannien auf die Inzidenzen ausgewirkt. Der wichtigste Faktor für den starken Rückgang dürfte aber der hohe Grad der Immunität sein, den die erwachsene britische Bevölkerung inzwischen erreicht hat. Er wird durch Blutproben auf Antikörper bei repräsentativen Bevölkerungsgruppen ermittelt. Laut Statistikbehörde liegt der Wert in Großbritannien bereits bei rund 92 Prozent. Am niedrigsten ist die Immunität in Schottland mit immer noch rund 89 Prozent, am höchsten ist sie in Wales mit knapp 93 Prozent.

Ein Großteil der Immunität geht auf eine hohe Impfquote zurück. Rund 71 Prozent der erwachsenen britischen Bevölkerung haben bereits den vollständigen Schutz, mehr als 88 Prozent wenigstens die erste Dosis erhalten. Die Impfbereitschaft im Königreich ist extrem hoch, laut Statistikbehörde beträgt sie auch bei den 16- bis 29-Jährigen 90 Prozent, insgesamt sind 96 Prozent der Briten bereit, sich impfen zu lassen oder haben bereits ein Vakzin erhalten.

Von den Ungeimpften sind die meisten Kinder und Jugendliche. Und diese Altersgruppen könnten für Großbritannien im Herbst ein Problem werden. Epidemiologe Neil Ferguson sagte "The Times", zusammen mit dem kälteren Wetter könnten mit dem Ende der Schulferien die Zahlen wieder nach oben gehen. Er sei aber optimistisch, dass man Ende September, Anfang Oktober auf den größten Teil der Pandemie zurückblicken könne.

Weiterhin wenig Schwerkranke und Tote

Dies liegt vor allem daran, dass hohe Inzidenzen bei den jüngeren Bevölkerungsgruppen nicht zu entsprechend mehr Hospitalisierungen führen. Sie steigen zwar proportional zu den Fallzahlen, sind also immer noch nicht entkoppelt, aber auf einem viel niedrigerem Niveau als zuletzt in der Winterwelle.

Aktuell werden rund 900 Menschen täglich wegen Covid-19 in Krankenhäuser eingeliefert, im Januar waren es über 4000. Derzeit sind etwa 800 Intensiv-Betten mit Corona-Patienten belegt, die beatmet werden müssen, auf dem Höhepunkt der Winterwelle waren es rund 4000. Noch deutlicher ist der Unterschied bei den Todesfällen, von aktuell etwa 60 pro Tag im Vergleich zu täglich 1300 Mitte Januar.

Großbritannien hat also gute Chancen auf einen relativ entspannten Herbst. Schwieriger ist dies für die Niederlande vorherzusehen, wo die 7-Tage-Inzidenz fast zeitgleich wie in Großbritannien plötzlich rasant abstürzte. Seit dem 19. Juli hat sich der Wert dort von rund 400 auf 200 halbiert.

Niederlande geben noch größeres Rätsel auf

Die Gründe für den Corona-Sinkflug in den Niederlanden dürften ähnlich denen in Großbritannien sein, offizielle Informationen gibt es dazu bisher aber nicht. Seit dem 26. Juli sind alle Regionen der Niederlande in den Schulferien, im Norden des Landes begannen sie am 12. Juli, in der Mitte sieben Tage später. Außerdem herrschte in unserem Nachbarland fast den gesamten Juli über freundliches Wetter.

Möglicherweise spielt auch eine mehr oder weniger erzwungene Verhaltensänderung der Bevölkerung eine Rolle. So stieg die 7-Tage-Inzidenz schlagartig an, nachdem Ende Juni die Regierung die Restriktionen weitgehend aufgehoben hatte. Nach mehreren Superspreader-Events im Nachtleben zog sie bereits am 10. Juli die Reißleine und machte die Clubs wieder dicht. Restaurants, Bars und Cafés müssen seitdem zwischen Mitternacht und 6 Uhr geschlossen bleiben.

Nicht so entspannt in den Herbst

Selbst wenn die Fallzahlen noch weiter zurückgehen, können die Niederlande dem Herbst nicht so entspannt entgegensehen, wie Großbritannien. Denn die Impfquote ist dafür noch zu niedrig. Doch es sieht in den Niederlanden etwas besser als in Deutschland aus. Zwar ist auch dort bisher nur die Hälfte der Bevölkerung vollständig geschützt, aber etwa 69 Prozent haben die erste Dosis erhalten.

Das sind 8 Prozent mehr als in Deutschland und ist wohl auf eine hohe Impfbereitschaft zurückzuführen. Laut Gesundheitsbehörde RIVM liegt diese landesweit bei 90 Prozent, selbst 81 Prozent der 16- bis 24-Jährigen wollen sich impfen lassen oder sind bereit dazu.

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Der Impffortschritt hat sich aber auch in den Niederlanden verlangsamt. Und die geringere Impfquote im Vergleich zu Großbritannien schlägt sich in einem stärkeren Anstieg der Hospitalisierungen nieder. So ist bei einer Gesamtbevölkerung von rund 17,5 Millionen Menschen der 7-Tage-Schnitt der Covid-19-Einweisungen von etwa sieben Anfang Juli auf jetzt rund 73 angestiegen, die Zahl der mit Corona-Patienten belegten Intensivbetten kletterte von 120 auf 465.

Aber auch das sind noch vertretbare Zahlen im Vergleich zu den Höchstständen im Herbst, Winter oder Frühjahr. Und weil auch in den Niederlanden die meisten sehr alten Menschen geimpft sind, haben die hohen Inzidenzen bisher nicht zu mehr Toten geführt. Der 7-Tage-Schnitt bewegt sich derzeit bei zwei bis drei Todesfällen, der Tiefstand lag am 10. Juli bei 1,3.

Quelle: ntv.de

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