Aus der Schmoll-EckeDie total geniale Frau Klein schreibt schneller, als Herr Merz sein Kabinett umbaut
Eine Kolumne von Thomas Schmoll
Unser Kolumnist hadert bekanntlich mit seinem Beruf. Aber womit soll er sonst sein Geld verdienen? Sein Frust wurde noch größer, als er im Internet auf Caro Klein stieß, die in zehn Tagen 20 Bücher zu sehr unterschiedlichen Themen rausbrachte. Das wird er nie schaffen. Doch dafür klaut er nicht.
Freundinnen und Freunde der Schmoll-Ecke, willkommen auf meiner kleinen Insel wunderbarerer Gedanken gegen den Strom. Ich mache unverdrossen weiter, solange ich noch Strom habe, jetzt, wo die Atomkraftwerke abgeschaltet sind und die Energiewende noch keine 180 Grad geschafft hat, eher 360.
Sie werden es vielleicht noch nicht gemerkt haben, weshalb ich es Ihnen hier offenbare, als wäre ich der Messias: Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kolumnismus.
Lachen Sie nicht! Es ist, wie ich diese Woche erfahren musste, kreuzgefährlich, was ich so schreibe, ich bin, so muss man es sehen, ein Wegbereiter nicht der Diktatur des Proletariats, sondern übler Nazis. So jedenfalls stellte es ein Leser fest, weil ich hier bei ntv.de beherzt meine Ansicht offenlegte, Friedrich Merz befinde sich in der Kanzlerdämmerung. "Sie sind mit schuld wenn Höcke in 20 Jahren noch immer regiert, kriege führt, leute umbringt, bespitzelt, mundtot macht und in Deutschland keiner mehr was dagegen unternehmen kann wie bei Honecker oder wie in Russland bei putin." Kurzum: "Sie läuten unseren Untergang ein." Und: "Sie sind für mich das allerletzte."
Auf den Gedanken wäre ich wirklich nicht gekommen, dass meine Kritik an einem Kanzler, der erkennbar Murks produziert, von dem die Alternative für Durchgeknallte, die Deutschland erst wieder "normal" und dann great again machen will, erheblich profitiert, direkt in ein Viertes Reich führt. Meine Intention war eine andere: das Gegenteil. Die AfD zu halbieren, ist politisch kaum noch möglich, falls man nicht dem Ruf von Danger Dan und seinem Pianisten folgt und die Mitglieder der AfD plus ihre Wähler gewaltsam beseitigt. Zu stark sind Irrationalität und der Traum von einem Leben wie früher, als man noch ungeniert ein Zigeunerschnitzel bestellen durfte und auf den Feldern nur Weizenhalme gen Himmel ragten. Make Germany frei von Windrädern again!
Der Pianist ist übrigens Träger des Bundesverdienstkreuzes. Begründung: "Bei ihm sind künstlerisches Wirken, gesellschaftspolitisches Engagement und Solidarität mit anderen untrennbar verbunden." Messe ich mein Verhalten daran, müsste ich längst auch solch einen Orden in Schloss Bellevue erhalten haben. Alle drei Kriterien treffen auf mich zu. Auch wenn manch Leser meiner Kommentare und Kolumnen anderer Meinung ist. "Wir kennen uns nicht, wenn ich einen Blick auf ihr Profilbild werfe, kommen wir (sic!) Gedanken wie Selbstgefälligkeit und Sucht nach Aufmerksamkeit einer sehr oberflächlichen Art", schrieb mir ein Herr mit seltsamen Vornamen. Anrede: "Sehr geehrter Herr Scholl". Heißt die Kolumne Scholl- oder Schmoll-Ecke? So viel zum Thema Oberflächlichkeit.
Auch unter Merz-Fans gibt es Wutbürger
Mails in der Art wie die ganz oben zitierte habe ich vormals zuhauf von SPD-Anhängern bekommen, nachdem ich über das baldige Ende von Olaf Scholz als Bundeskanzler orakelte. "Damit helfen Sie der AfD", ließ man mich wissen. Als bräuchte die mich, um ihre Müllkübel auszuschütten und Kotzbeutel zu füllen. Als gelte das Prinzip von Ursache und Wirkung nicht für die SPD. Und nicht für die CDU. Dass unter Merz-Fans auch verbal-aggressive Wutbürger sind, hätte ich nicht gedacht. Aber warum eigentlich nicht? Ich dachte, konservativ heißt so was wie Festhalten an bewährten Regeln und Traditionen, zu denen Anstand und Respekt gehören.
Sie können sich vorstellen, dass das keinen Spaß macht. Ich hadere schon länger sowie mehr und mehr mit meinem Beruf - nur was könnte ich anderes tun, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen? Ich kann nur schreiben und Leuten helfen, Bücher zu konzipieren. Zum Umsatteln ist es zu spät, ich möchte kein Taxi- und kein Uber-Fahrer werden. Klempner auch nicht. Wieder als Drechsler arbeiten? Mein Rücken! Vielleicht noch auf meine alten Tage die schiefe Bahn betreten und Bankräuber oder Schlepper werden? Das könnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, auch wenn die Bilder aus Ceuta belegen, dass es in dem Gewerbe nach wie vor einiges zu holen gibt.
Lieber schreibe ich weiter und nehme mir die großartige Caro Klein zum Vorbild, eine geniale, da unfassbar kluge oder gar allwissende Autorin mit einem Ausstoß an Büchern, der mich erblassen lässt. Zwischen dem 10. und 19. Juni veröffentlichte sie sage und schreibe 20 Bücher, alle etwas mehr als 60 bis knapp 100 Seiten lang. Beeindruckend ist nicht allein ihr Tempo beim Schreiben, sondern auch ihre monströse Geschwindigkeit beim Recherchieren, falls sie die Inhalte nicht sowieso komplett im Kopf hat. Ihre Vielseitigkeit ist atemberaubend, dass ich mir wie ein Idiot vorkomme, der stundenlang an einer einzigen Kolumne fummelt, während sie, die grandiose Autorin, ein Buch nach dem anderen der Öffentlichkeit vorlegt - und das alles viel schneller, als Friedrich Merz sein Kabinett umbaut.
"Verlagsempfehlung: ab 1 Jahr(en)". Großartig!
Hier einmal zusammengefasst, zu welchen Themen die fantastische Caro Klein Bücher innerhalb von zehn Tagen rausgebracht hat: Pilates, E-Bikes, proteinreiche Ernährung, Cortisol Detox, Abnehmspritzen, Fasten, "die 5 Zutaten Airfryer Diät", Hämopyrrollaktamurie (die "versteckte" Stoffwechselstörung), Nähen, Esoterik, Cannabisanbau, Angst vorm Fliegen, Angst vorm Zahnarzt, bipolare Störung, was für werdende Väter "wirklich wichtig ist", Mini-Haus-Bau, "Gestaltungstricks" für Balkon, Terrasse und Vorgarten, wie man "raus aus dem Hamsterrad" kommt und "erfolgreich Auswandern" funktioniert. All das ist meist aufbereitet "für Berufstätige", "für Einsteiger", "für Anfänger", "für absolute Anfänger" oder "für Angehörige". Und alles so verständlich, dass es schon Babys begreifen können. Zum Alter steht bei Amazon: "Verlagsempfehlung: ab 1 Jahr(en)". Großartig!
Nichts ist diesem Genie fremd. Wenn ich so umfassend gebildet wäre wie Caro Klein, würde ich in meiner Selbstbeschreibung mächtig auf den Putz hauen. Aber sie gibt sich auch noch ziemlich bescheiden. Hier die offizielle Beschreibung ihrer Person, wie sie auf Thalia.de zu lesen ist: "Caro Klein ist eine erfahrene Autorin, Speakerin und Expertin für ganzheitliche Gesundheit, Lebensberatung und Sport. Mit ihrer klaren, einfühlsamen Art verbindet sie medizinisches Grundlagenwissen mit praktischer Alltagstauglichkeit und psychologischem Feingefühl. Im Fokus ihrer Arbeit steht der Mensch als Ganzes - körperlich, mental und emotional." Der Mensch ist für Caro Klein nicht etwa was Halbes oder ein sonst wie geteiltes Wesen. Nein! Sie, die umfassend gebildete Humanistin, sieht ihn "als Ganzes". Toll. Echt toll.
Natürlich habe ich gegoogelt. Doch diese Frau ist auch noch bescheiden. Sie hat nichts im Internet hinterlassen über sich, keine eigene Webseite. Ihr Name taucht bei keiner Agentur auf, die sie als "Speakerin" vermittelt für Vorträge etwa "über medizinisches Grundlagenwissen mit praktischer Alltagstauglichkeit und psychologischem Feingefühl". Oder vielleicht eine Keynote zum Thema: Wie schlachtet man mittels KI gnadenlos das Wissen anderer aus, die studiert haben und monatelang an Büchern sitzen? Und das für Berufstätige, Einsteiger, Anfänger, absolute Anfänger und Angehörige - es wäre ein grandioser Beitrag zu den Herausforderungen der Gegenwart, eben typisch Caro Klein.