Panorama

Epsteins Frankreich-ConnectionsMädchenhandel, Justizversagen - was sagt das über unsere Gesellschaft aus?

29.05.2026, 16:33 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecVon Sabine Oelmann
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Karen Mulder (links) war ganz oben - bis sie gesagt hat, was hinter den Kulissen passiert. (1995 in Saint Tropez) (Foto: IMAGO/Bestimage)

Bereits 1995 bezeichnete ein Autor einen Model-Scout als "stillen Vergewaltiger". 2000 belastete eine BBC-Dokumentation einen Model-Agentur-Chef, 2001 sprach Karen Mulder über die Vergewaltigungen im Business. Jedes Mal wurden keine Ermittlungen aufgenommen. Ein Buch aus Frankreich rechnet mit dem Schweigen ab.

Die Super-Models der Achtziger- und Neunziger, Frauen, die nicht nur wunderschöne Gesichter und atemberaubende Körper hatten, sondern auch einen Namen - Linda Evangelista, Naomi Campbell, Claudia Schiffer, Cindy Crawford, Christy Turlington - waren die Spitze des Eisbergs. Sie standen vor den Kameras der besten Fotografen, reisten Erste Klasse und verließen für weniger als 20.000 Dollar gar nicht erst das Bett. Es waren, und sind, selbstbewusste, wunderschöne Frauen mit Köpfchen. Ein neues Buch des französischen Investigativjournalisten Frédéric Ploquin beschreibt die vermeintlich goldene Ära jedoch anders – in "Epstein, les secrets de la filière française" ("Epstein: Die Geheimnisse des französischen Netzwerks") klärt er auf, wie das 'System Epstein' in Frankreich entstand. Für Ploquin eine Zeit systematischer Mädchenjagd und sexueller Ausbeutung. Auch, und vor allem, von Models. Den Models, die nicht an der Spitze waren.

Noch sieben Jahre nach dem Tod Jeffrey Epsteins erschüttern immer neue, schockierende Enthüllungen. Im Mittelpunkt des Systems Jean-Luc Brunel, der, wie Epstein 2019, drei Jahre später tot in seiner Zelle gefunden wurde. Brunel und Epstein sollen zunächst gute Freunde, dann mutmaßliche Komplizen gewesen sein. Brunel, "Scout" für die berühmte Agentur "Elite Model Management" und Chef von "Karin Models", leitete später die von Epstein finanzierte US-Agentur "MC2". Im Dezember 2020 wurde er auf dem Pariser Flughafen Charles-de-Gaulle festgenommen, als er das Land verlassen wollte.

Aktuell ermittelt die Pariser Justiz wegen Menschenhandels und sexueller Ausbeutung, mehr als 20 mutmaßliche Opfer arbeiten mit den Ermittlern zusammen. Gesucht werden Mitwisser und Zeugen – auch unter den Supermodels von damals. Einige Frauen sind bereit, auszusagen. Nach Jahren und Jahrzehnten erst trauen sie sich, zu tief sind die Wunden, die ihnen als junge Frauen mit großen Träumen zugefügt wurden.

Linda Evangelista glaubt den Opfern

Wie brutal die Methoden der "Mädchen-Dealer" gewesen sein sollen, schildert ein niederländisches Model in Ploquins Buch: Brunel soll die damals 18-Jährige in ein abgelegenes Schloss gelockt und ihr die große Karriere versprochen haben. Er bedrängte sie: "Willst du Topmodel werden oder nicht?" Will sie, aber sie verweigert sich ihm. In der Nacht öffnet sich ein geheimer Wandschrank neben ihrem Bett, Brunel steht halb nackt vor ihr, erzählt das Model dem Autor, er zerrt sie in sein Zimmer. Am nächsten Morgen sitzt auch Gérald Marie, von 1987 bis 1993 verheiratet mit Linda Evangelista und Chef von "Elite Model Management Frankreich", beim Frühstück. Der Scout und der Chef der Agentur sind da, ihre Träume könnten wahr werden - die junge Frau entschließt sich dennoch, zu fliehen.

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Brunel im Privatjet mit Epstein und seiner Helferin Ghislaine Maxwell. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Gérald Marie weist bis heute alle Vorwürfe von sich. Bereits 2020 hatte sich seine Ex-Frau hinter die mutmaßlichen Opfer der sexuellen Übergriffe gestellt. Linda Evangelista erzählte dem britischen "The Guardian": "Während meiner Beziehung zu Gérald Marie wusste ich nichts von den sexuellen Anschuldigungen gegen ihn, so dass ich nicht in der Lage war, diesen Frauen zu helfen. Wenn ich sie jetzt höre, und aufgrund meiner eigenen Erfahrungen, glaube ich, dass sie die Wahrheit sagen."

Moderner Sklavenhandel

Ploquin stellt in seinem Buch Paris als den Dreh- und Angelpunkt des Menschenhandels dar. Während die Top-Riege der Super-Models von einem Termin zum nächsten jettete, wurde in den nicht ganz so lichten Höhen des Modelbusiness sexuelle Ausbeutung und eine Art moderner Sklavenhandel perfektioniert. Die Mädchen, oft mittellos und ihrer Familie entrissen, "wurden von Brunel und anderen 'getestet', drogenabhängig gemacht und dann an einen Zirkel mächtiger Männer weitergegeben, der sich völlig unantastbar fühlte", so Ploquin.

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Niemand wunderte sich damals, wenn Männer wie Fürst Albert von Monaco immer wieder mit neuen, jungen, schönen Frauen gesehen wurden. In Ploquins Buch erfahren wir, dass der umtriebige Fürst ein guter Freund von Brunel, dem Model-Scout, gewesen sein soll. Dieser wiederum ein guter Bekannter von Jean-Yves Le Fur, einem Medien- und Modeunternehmer. Le Fur war 1990 kurzzeitig mit Alberts Schwester, Stéphanie von Monaco, verlobt. Denn was ist noch begehrenswerter als ein Model? Eine echte Prinzessin!! Nachdem die Prinzessin nicht mehr wollte, war Le Fur unter anderem mit dem niederländischen Supermodel Karen Mulder zusammen.

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Mulder gilt als die erste große Whistleblowerin des Modelbusiness. (Foto: IMAGO/Bestimage)

In der Talkshow "Tout le monde on parle" ("Alle reden darüber") sprach Karen Mulder bereits 2001 von sexuellem Missbrauch durch mächtige Männer. Darunter auch Albert II., und ihre Aussagen erschütterten die Branche. Dennoch geschah nichts. Schließlich wurde Mulder von ihrer Agentur in eine psychiatrische Klinik eingewiesen - das Ende ihrer Karriere. 2002 versuchte sie, sich das Leben zu nehmen. Der damalige Moderator Thierry Ardisson entschuldigte sich noch auf dem Sterbebett 2025 bei Mulder, dass er sich nicht getraut habe, ihre Aussagen auszustrahlen. Frédéric Ploquin dazu: "Die Namen, die sie nannte, wurden aus der Sendung herausgeschnitten. Zuschauer im Studio hatten den entfernten Teil der Aussagen allerdings mitbekommen und kurz nach der Ausstrahlung weiterverbreitet."

"Wenn du berühmt werden willst, musst du dich hingeben"

Dabei haben mehrere Ex-Models vor Jahren schon die französische Justiz zu Ermittlungen aufgefordert. Sie wollten per E-Mails und weiteren Dokumenten die Zusammenarbeit zwischen Marie, Brunel und Epstein belegen. Stellvertretend übergaben das schwedische Ex-Model Ebba Karlsson und Lisa Brinkworth ein Schreiben an die Pariser Staatsanwaltschaft. Brinkworth recherchierte als Journalistin der BBC verdeckt zu sexueller Gewalt in der Model-Branche, als sie 1998 nach eigenen Angaben von Marie in Mailand sexuell missbraucht wurde. 2020 reichte sie Klage ein. Auch Karlsson schilderte sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen durch Marie: "Wenn du berühmt werden willst, musst du dich hingeben", habe der Agentur-Chef gesagt. "Während er das sagte, schob er seine Hand unter meinen Rock und penetrierte meine Vagina mit seinen Fingern." Die französische Justiz stellte die Ermittlungen vor drei Jahren jedoch wegen Verjährung ein. Brinkworth hat gegen diese Entscheidung Beschwerde eingelegt.

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Carré Otis appelliert mit fünf anderen Ex-Models an die Solidarität anderer Frauen: "Schließt euch uns an!" (Foto: picture alliance / John Palmer/MediaPunch)

Eine, die auch nicht mehr schweigt, ist Carré Otis: In New York hat das Ex-Model, das zeitweise mit Schauspieler Mickey Rourke verheiratet war, Gérald Marie vorgeworfen, sie "unzählige Male" vergewaltigt zu haben, als sie 17 Jahre alt war. Er habe sie mit Essen, einem Apartment, Jobs und Kokain abhängig gemacht, alles unter dem Vorwand, sie würde dadurch Aufträge als Model erhalten: "Ich saß in der Falle, denn ich wollte weiterarbeiten." Sie hofft, dass sich ein Opfer meldet, in dessen Fall die Vergehen noch nicht verjährt sind, um die Mittäterschaft derjenigen, die den Zugang zu den Opfern ermöglichten, zu beweisen.

Ihr ist klar, "dass es eine Zeit gab, in der manche Menschen das Ausmaß dieser organisierten kriminellen Netzwerke nicht erfassten", doch diesen Punkt habe man mittlerweile hinter sich gelassen. Otis: "Falls Sie unwissentlich mitschuldig waren, ist jetzt Ihr Moment. Stellen Sie sich an die Seite der Überlebenden, um Gerechtigkeit einzufordern." Und denen, die ihre eigene Beteiligung nach wie vor abtun, sagt sie: "Schweigen und Leugnen angesichts eines Schadensausmaßes dieser Größenordnung sind keine Neutralität, sie sind eine Parteinahme. Und zwar die falsche."

Es dauerte bis zum Epstein-Skandal 2021 ehe die französische Justiz den Fall Brunel aufgriff. Dazu bedurfte es der Anzeigen des Vereins "Innocence in Danger" in den Jahren 2019 und 2026. Homayra Sellier, Gründerin der Kinderschutzorganisation gegen sexuellen Missbrauch und Ausbeutung, sagt bei einem Treffen in Berlin gegenüber ntv.de: "Angesichts der Schwere der begangenen Taten, der Anzahl der Opfer, des Schweigens und der Mittäterschaft, die vier Jahrzehnte andauerten, erfüllt es mich mit großer Genugtuung, die akribische Ermittlungsarbeit einiger weniger, mutiger Einzelpersonen ins Licht zu rücken."

Sellier fragt: "Was sagt diese Untätigkeit, die seit den 1980er Jahren vor aller Augen geduldet wurde, über die französische Gesellschaft aus?" Aber nicht nur die französische Gesellschaft hat den Tätern mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den Opfern - die typische Täter-Opfer-Umkehr ist allgegenwärtig. Auch in Deutschland funktioniert das System der Frauenverachtung weiterhin wie geschmiert. Im Fall von Collien Fernandes und Christian Ulmen wird ihr vorgeworfen, seine Karriere durch ihre Aussagen zu zerstören - dabei hätte er fast ihr ganzes Leben zerstört. Homayra Sellier sagt: "Es kann nicht sein, dass wir den Tätern mehr Aufmerksamkeit schenken als den Opfern." Auch, wenn Frauen irgendwann und ganz sicher unter Druck eine Schweigevereinbarung unterschrieben haben: "Genau wie die Täter, die reklamieren, dass die Taten - die sie ja nicht begangen haben wollen - verjährt sind, sind es eben auch diese Vereinbarungen. Zumindest in Frankreich."

Über die Jahre haben sich unzählige Opfer bei "Innocence en Danger" gemeldet, anonym. Inzwischen trauen immer mehr Frauen sich, an die Öffentlichkeit zu gehen. Weil sie wissen, dass es keine bloße "Entgleisung" war, was ihnen passiert ist - sondern ein System. Diese Zeit ist hoffentlich vorbei.

Quelle: ntv.de

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