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Umstrittene Castle-Doktrin Direns Tod ist vom Gesetz gedeckt

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Auch in Direns Hamburger Fußballverein verstehen die Jugendlichen den Tod ihres Freundes nicht.

(Foto: dpa)

Wer sich auf seinem eigenen Grund und Boden bedroht fühlt, darf schießen. So einfach sind die Regeln im US-Bundesstaat Montana. Während der Tod eines Austauschschülers Deutschland bewegt, fühlt sich der Schütze schon wieder bedroht.

Ein puppenhaftes Häuschen inmitten von puppenhaften Häuschen; davor ein riesiger Vorgarten mit penibel gestutzten Rasenflächen, auf dem sich ein paar akkurat getrimmte Hecken verlieren; und, natürlich, zwei gewaltige Pickups in der Einfahrt: 2607 Deer Canyon Court, Missoula, könnte eins zu eins aus einem Werbeprospekt für den American Dream stammen. Vorstadthölle und suburbanes Paradies in Personalunion, je nachdem, wen man fragt. Nur einen Zaun gibt es nicht. Wozu auch: Die Menschen hier in Montana wissen, was Eindringlingen blühen kann, die unbefugt die "Festungen" Fremder betreten. Nur Diren D., der wusste das nicht - und musste sterben.

Festung. Was für ein merkwürdiges Synonym für Grundstück. Und dann auch wieder nicht: Denn die Castle-Doktrin erlaubt es Hausbesitzern, tödliche Gewalt gegen Eindringlinge allein aufgrund eines Gefühls der Bedrohung anzuwenden. Und genau dieses Gefühl der Bedrohung empfand Markus Kaarma, als gegen Mitternacht die von ihm installierten Sensoren und Kameras einen Eindringling in der Garage meldeten. Kaarma schaltete den Fernseher auf lautlos, schnappte sich Freundin und Schrotflinte und feuerte vier Schüsse in das schwarze Loch der offenen Garageneinfahrt – in dem beruhigenden Wissen, im Rahmen bestehender Gesetze zu handeln.

Während der Tod des Austauschschülers hierzulande große Wellen schlägt, ist für die amerikanischen Medien vor allem die Nationalität des Toten ein Thema. Die Tat selbst lockt in einem Land, in dem Waffengewalt alltäglich ist, kaum jemanden hinter dem Ofen hervor - nur zwei Stunden vor den tödlichen Schüssen von Missoula hielt ein Hausbesitzer im nur wenige hundert Kilometer entfernten Billings einen Gast für einen Einbrecher und verletzte ihn schwer.

Allein Ellie Hill, die für die Demokraten im Repräsentantenhaus von Montana sitzt, forderte direkt nach der Tat eine Änderung der Castle-Doktrin. "Der Einsatz von Waffen in unserem Land ist außer Kontrolle", sagte Hill. "Die Castle-Doktrin fördert die Kultur, die zur jüngsten Tragödie führte." Das Gesetz über das Recht zur Selbstverteidigung gegen Einbrecher war 2009 auf Betreiben der US-Waffenlobby in Montana und anderen Bundesstaaten verschärft worden. Wer auf einen Eindringling schießt, gilt seither prinzipiell als unschuldig, wenn er plausibel machen kann, dass er sich an Leib und Leben bedroht fühlte. Hill brachte einen Gesetzentwurf ins Landesparlament ein, der diese Verschärfung der Castle-Doktrin zurücknehmen soll.

Morddrohungen gegen den Todesschützen

Die bittere Ironie des Schicksals ist, dass Kaarma nach den tödlichen Schüssen nun wohl tatsächlich einen berechtigten Grund hat, sich bedroht zu fühlen: Nach Angaben seines Strafverteidigers wird der Todesschütze mit Morddrohungen per Facebook oder anonymen Anrufen geradezu bombardiert. "Es ist eine sehr problematische Situation für sie. Sie verlassen ihr Haus nicht mehr. Sie machen sich Sorgen um ihr kleines Kind", sagte Paul Ryan.

Für die Angehörigen des erschossenen Schülers müssen sich solche Sätze anhören wie blanker Hohn. Zumal Direns Vater momentan die wohl schwierigste Aufgabe seines Lebens bewältigen muss: die Leiche seines Sohnes nach Hause holen. Wobei zuhause in diesem Fall nicht Hamburg heißt, sondern Bodrum im Südwesten der Türkei. "Die Stadt hat er immer so gerne gemocht", bestätigte Direns Fußballtrainer Garip Ercin und rief dazu auf, die Eltern finanziell zu unterstützen, um ihnen so wenigstens die Sorge um die Kosten für den Transport zu nehmen.

Wenn überhaupt ist das natürlich nur ein schwacher Trost für die Angehörigen, die ihren Sohn, Bruder und Freund verloren haben. Weil ein Schrotflintenbesitzer sich von einem jungen Mann bedroht fühlte, der weder einen Zaun übersprang noch eine Tür aufbrach, sondern einfach nur die falsche Garage betrat. Jugendlicher Leichtsinn wird so etwas allgemeinhin genannt - in Montana kann er tödlich enden.

Quelle: n-tv.de, mit dpa, AFP

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