Panorama

Corona-Risiko vom Balkan Europa fürchtet Virus-Importe

Deutschland kann das Coronavirus eindämmen, in vielen EU-Ländern gehen die Fallzahlen zurück. In einzelnen Nachbarstaaten jedoch flackern neue Ansteckungsherde auf. Droht eine neue Infektionswelle vom Balkan?

Mitten in der Urlaubssaison und dem anschwellenden Reiseverkehr blicken Epidemiologen besorgt ins europäische Ausland. Während das Fallaufkommen in Ländern wie Deutschland, Italien oder Frankreich weiter zurückgeht, zeichnen sich am Balkan neue Probleme ab. Dort - jenseits der EU-Außengrenze - steigt die Zahl der bekannten Coronavirus-Fälle wieder rapide an.

In Serbien zum Beispiel verzeichnen die Behörden bereits wieder fast so viele neue Ansteckungen wie während des Höhepunkts der ersten Pandemie-Welle im April. Um die Ausbreitung des Erregers aufzuhalten, sah sich die Regierung in Belgrad dazu gezwungen, den Ausnahmezustand über die Hauptstadt und weitere schwer betroffene Regionen zu verhängen.

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Der Rückhalt in der Bevölkerung für solche Maßnahmen schwindet: In der Belgrader Innenstadt und anderen Ballungsräumen wie Novi Sad, Nis oder Kragujevac kam es zu teilweise gewaltsamen Protesten gegen die Corona-Auflagen der Regierung. Das neu aufgeflammte Infektionsgeschehen hat längst auch überregionale Auswirkungen. In Österreich seien bereits Anfang Juli vermehrt Coronavirus-Fälle aufgetreten, die auf Reisende vom Westbalkan zurückgeführt werden konnten, hieß es aus Wien.

Das österreichische Außenministerium gab vor diesem Hintergrund schon Anfang Juli eine neuerliche Reisewarnung für die Region heraus. Anrainerstaaten wie Kroatien, Slowenien und Ungarn verschärften die Auflagen für Reisende. An den Grenzübergängen wird wieder verstärkt kontrolliert.

Wer etwa aus Serbien kommt und auf dem Landweg nach Deutschland will, wird spätestens an der österreichischen Grenze aufgehalten und nach einem aktuellen Gesundheitszeugnis befragt. Slowenien selbst verlangt im Zweifelsfall oder bei fehlenden Nachweisen eine 14-tägige Quarantäne. Griechenland schottete seine Landgrenze zur Balkanregion fast komplett ab.

Dabei gibt es Hinweise, dass Serbien bei Weitem nicht alleiniger Ausgangspunkt der jüngsten Ansteckungswelle sein kann. Ein anschwellendes Fallaufkommen verzeichnen auch Bosnien-Herzegowina, Montenegro, das Kosovo und Nordmazedonien. In diesen kleineren Ländern breitet sich das Virus derzeit sogar sehr viel stärker aus. Gemessen an der in Deutschland geltenden Obergrenze von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohnern liegen diese Balkanstaaten mit Werten von bis zu 63,2 (Kosovo) klar über der kritischen Marke.

Für die sechs am schwersten betroffenen Länder jenseits der EU-Außengrenze gilt derzeit auch eine Reisewarnung des deutschen Auswärtigen Amtes. Generell rät die Bundesregierung derzeit noch von nicht notwendigen, touristischen Reisen in diese Staaten ab. Die Lage vor Ort könne sich jederzeit ändern, heißt es. Mit Blick auf die Lage im Kosovo gilt zudem ein besonderer Hinweis: "Sollten die Infektionszahlen (...) stark ansteigen, ist nicht auszuschließen, dass Landgrenzen und der Flughafen sehr kurzfristig wieder geschlossen werden."

Droht jetzt neue Gefahr eingeschleppter Coronavirus-Fälle? Mit dem Wiederaufflammen der Infektionsdynamik in europäischen Nachbarstaaten und dem zunehmenden Grenzverkehr steigt natürlich auch in Deutschland die Wahrscheinlichkeit, dass Reisende, Touristen oder Saisonarbeiter den Erreger aus Risikogebieten zurück in jene Regionen tragen, in denen das Virus bereits weitgehend eingedämmt werden konnte.

Tatsächlich beobachtet das Robert-Koch-Institut (RKI) seit Beginn der Grenzöffnungen in Europa wieder einen steigenden Anteil derjenigen Fälle, die mutmaßlich auf eine Ansteckung im Ausland zurückgehen. In den Daten des Instituts zeigt sich jedoch eine klare Verteilung: In den zurückliegenden Wochen steckte sich die überwiegende Mehrheit der Fälle im Inland an. Von den rund 8900 Infektionen aus diesem Zeitraum, zu denen Angaben zum wahrscheinlichen Infektionsland vorliegen, betraf das mehr als 8400 Fälle.

Die neuen Krisenherde am Balkan tauchen in der RKI-Aufstellung der wichtigsten Expositionsländer zwar ganz oben auf. Die Zahlen bewegen sich jedoch insgesamt auf sehr viel niedrigerem Niveau. In Serbien steckten sich den Erkenntnissen der Virenwächter zufolge zuletzt mutmaßlich nur 190 Personen mit Sars-CoV-2 an. Im Kosovo waren es 55, in Bosnien-Herzegowina 33. Zum Vergleich: Im Nachbarland Luxemburg, das mit seinen Neuinfektionen derzeit ebenfalls über der deutschen Obergrenze liegt, infizierten sich im gleichen Zeitraum wohl nur drei Menschen.

Quelle: ntv.de