Panorama

Ein Streit, eine Anwaltskanzlei Der total skurrile Julian-Reichelt-Fall (für zwei)

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Für und gegen Reichelt, das geht in der juristischen Auseinandersetzung um den früheren "Bild"-Chef in einer Anwaltskanzlei.

Für und gegen Reichelt, das geht in der juristischen Auseinandersetzung um den früheren "Bild"-Chef in einer Anwaltskanzlei.

(Foto: IMAGO/Norbert Schmidt)

Es könnte aus einem frei erfundenen Roman sein: Der frühere "Bild"-Chefredakteur heuert einen Top-Anwalt für Medienrecht an. Dessen Kanzleipartner vertritt ein mutmaßliches Opfer Reichelts. Ein Interessenskonflikt? Nö, meinen die zwei Juristen.

Freundschaften, die auseinandergehen, können ins Gegenteil umschlagen. Aus Zu- wird Abneigung. Der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre und Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner waren mal Kumpels. So heißt es jedenfalls seit Jahren - von beiden unwidersprochen. Es kann aber auch ein Gerücht sein. Sicher ist indes, dass der Autor, der einst für die "Bild" schrieb, nichts mehr mit dem Verleger, der die "Bild" veröffentlicht, zu tun haben will.

In einem Artikel des "Manager Magazins" über die Pläne Döpfners für den US-Markt hieß es ursprünglich, dass Stuckrad-Barre und der Konzernführer gemeinsam im Berliner "Berghain" - bekannt für Sex & Drugs & Rock'n'Roll - gefeiert hätten. Das Medium veröffentlichte eine Richtigstellung, die da lautete: "Tatsächlich war Herr von Stuckrad-Barre zu keinem Zeitpunkt mit Herrn Döpfner im Berghain. Er hat dieses übrigens nach eigener Aussage auch nicht vor."

Man kann die Korrektur als Skurrilität oder Belanglosigkeit abtun. Tatsächlich ist sie aber Ausdruck einer bitteren Fehde zweier Männer, die demnächst an Schärfe gewinnen könnte. Am Mittwoch erscheint bei Kiepenheuer & Witsch der neue Roman von Stuckrad-Barre, über dessen Inhalt bisher nur Bruchstücke bekannt sind. Er spielt in Los Angeles sowie Berlin und ist angekündigt als "Sittengemälde unserer Zeit", in dem es von "Machtmissbrauch, Mut und menschlichen Abgründen" wimmelt. So weit, so normal in einer (mutmaßlich) fiktiven Story. Allerdings wird seit Wochen geraunt, dass es sich um einen literarisch fulminant aufgearbeiteten Abklatsch des Springer-Verlags und die MeToo-Fälle um Ex-"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt handeln soll.

"Kein machtmissbräuchliches Verhalten nachgewiesen"

Wie ernst der noch unbekannte Inhalt genommen wird, zeigte sich darin, dass Reichelt - flankiert von seinem neuen Medienanwalt Ben Irle - die Vorwürfe des Machtmissbrauchs weiblicher Untergebener als unhaltbar darstellte. "Es kann nun bewiesen werden, dass die Hauptzeugin im gegen mich gerichteten Compliance-Verfahren umfangreich gelogen und Sachverhalte frei erfunden hat", schrieb der Ex-"Bild"-Chefredakteur auf Twitter, wobei der Begriff der "Hauptzeugin" hier juristisch merkwürdig erscheint - Reichelt ist nicht vor Gericht angeklagt, sondern aus der Öffentlichkeit heraus. Auf ihm lastet der Verdacht, seine Position gegenüber Frauen, die in der Hierarchie bei Springer unter ihm waren, ausgenutzt zu haben, was er strikt zurückweist.

Rechtsanwalt Irle erklärte in einer Pressemitteilung, die sozusagen vorsorglich an Redaktionen verschickt und im Internet veröffentlicht wurde: "Sollten sich die nunmehr als frei erfunden und unwahr erweisenden Vorwürfe der Bild-Mitarbeiterin erkennbar in dem Roman wiederfinden", sei daran erinnert, dass "bis heute Herrn Julian Reichelt kein machtmissbräuchliches Verhalten nachgewiesen werden konnte". Er, Irle, sei beauftragt, "gegen jede Verletzung der Rechte" seines Klienten "entschieden vorzugehen".

Der Version vom völlig unschuldigen Mandanten widerspricht allerdings der Anwalt der Betroffenen, Oliver Moser, wie Irle ein Jurist auf dem Gebiet des Medien- und Urheberrechts mit exzellentem Ruf. Moser sprach von "systematischen Machtmissbrauch". Und auch die Darstellung einer "Hauptzeugin" teilt der Jurist offensichtlich nicht. In der NDR-Sendung "Reschke Fernsehen" hatte er gesagt, "dass wir hier tatsächlich über eine zweistellige Zahl von Frauen sprechen", die ihm "auch selber geschildert haben, was da passiert ist".

Jeder kämpft für sich

So weit, so normal in einer rechtlichen Auseinandersetzung. Wäre da nicht der Umstand, dass Irle und Moser nicht nur in ein und derselben Kanzlei arbeiten, sondern auch Partner sind, weshalb das Unternehmen "Irle Moser" heißt. Irle erklärte auf Anfrage von ntv.de für ihn und seinen Kompagnon, sie hätten eine "Chinese Wall" errichtet, was so viel wie eine "undurchdringliche Mauer" bedeutet. Sie stelle sicher, dass keiner der Partner "Zugang zu Akten- und Mandatsinhalten des anderen Mandats hat und auch untereinander keinerlei Informationstransfer erfolgt". Soll heißen: Jeder kämpft für sich, und es wird in der Kanzlei nicht über den Sachverhalt gesprochen.

Die Rechtsanwaltskammer Berlin macht keine konkreten Aussagen zum Agieren von "Irle Moser", sondern erklärt allgemein, dass eine "Vertretung widerstreitender Interessen" für "Rechtsanwälte einer Kanzlei grundsätzlich verboten" sei. Eine Ausnahme sei möglich, wenn die streitenden Parteien schriftlich über die Mandate informiert worden seien und zugestimmt hätten. Die von Moser vertretene Frau sagte laut "Tagesschau.de", sie sei mit Irles juristischem Beistand für Reichelt nicht einverstanden und darüber nicht vorab informiert worden.

Weder Irle noch Moser machen Angaben zu dieser Aussage der Frau. Was sie auch nicht müssen, weil das den Bereich der Schweigepflicht berühren dürfte. Eine Rolle in der juristischen Bewertung eines etwaigen Interessenkonflikts der zwei Partner spielt, dass Reichelt und Mosers Mandantin nicht direkt vor Gericht streiten, sondern "nur" öffentlich und mittelbar in anderen Verfahren. "Aufgrund der konkreten Ausgestaltung der jeweiligen Mandatsgegenstände liegt unserer Auffassung nach" kein Verstoß gegen die Bundesrechtsanwaltsordnung vor, teilte Irle, der Reichelts "Bild"-Vorgänger Kai Diekmann wegen des - unbewiesenen - Vorwurfs einer Vergewaltigung vertreten hatte, ntv.de mit.

Diametrale Rechtsauffassungen

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Moser erklärte "Tagesschau.de", er "stehe weiterhin zu 100 Prozent zu dem, was ich öffentlich zu dem Fall gesagt habe". Der "Spiegel" zitierte ihn ähnlich, aber noch um den Zusatz ergänzt, "insbesondere zu dem von mir formulierten Vorwurf des Machtmissbrauchs durch Julian Reichelt". Was bedeutet, dass er der Alles-frei-erfunden-Version seines Partners weiterhin klar widerspricht. Dass dieses Aufeinanderprallen zweier völlig diametraler Rechtsauffassungen trotz selbsterklärter "Chinese Wall" in der Kanzlei völlig reibungslos über die Bühne geht, ist schwer vorstellbar. Ob einer der beiden Anwälte nachgibt und das Mandat niederlegt, ist offen. Eine entsprechende Frage beantworteten Irle und Moser nicht.

Inzwischen schaut es danach aus, dass der Zoff auch für die Partner ein juristisches Nachspiel haben könnte. Dem "Spiegel" zufolge prüft die Kanzlei Schertz Bergmann, ebenfalls eine Topadresse für Medienrecht mit Sitz in Berlin, Schritte gegen Irle Moser: Schertz Bergmann vertritt sowohl Stuckrad-Barre als auch jene ehemalige "Bild"-Redakteurin, die in den USA eine Klage gegen Springer angestrebt hatte und die laut Irle gelogen haben soll. Sie lebt in Los Angeles - dort, wo ein Teil des Romans von Stuckrad-Barre spielt.

(Dieser Artikel wurde am Dienstag, 18. April 2023 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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