Panorama

Notlage in London und andernorts Fehlender Sauerstoff führt zu Corona-Horror

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Manchen Krankenhäusern geht in der Corona-Krise der Sauerstoff aus.

(Foto: picture alliance/dpa/LaPresse via ZUMA Press)

Wer schwer an Covid-19 erkrankt, muss meist künstlich beatmet werden. Dafür wird medizinischer Sauerstoff benötigt. Doch der wird in vielen Krankenhäusern knapp. London und Los Angeles sind betroffen, auch in Ägypten und Brasilien kommt es zu Engpässen mit teils dramatischen Folgen.

Wenige Städte trifft die Corona-Pandemie so hart wie London. Die Straßen der Millionenmetropole sind nahezu verwaist, die Krankenhäuser überfüllt. Die britische Hauptstadt und das ganze Land sind nicht wiederzuerkennen. Großbritannien hangelt sich genau wie Deutschland von Lockdown zu Lockdown. Die Infektionszahlen verringern sich langsam, aber nicht so schnell wie gewünscht. Die Zahl der Toten liegt mittlerweile bei knapp 100.000.

"Die Situation ist dramatischer als in Deutschland. Das Gesundheitssystem war hier schon vor der Pandemie überlastet. Auf dem Höhepunkt der ersten Welle waren die Krankenhäuser komplett überfüllt. Jetzt haben wir noch mehr Fälle und noch mehr Tote", berichtet Katharina Delling, die für RTL in Großbritannien arbeitet und in ihrem Podcast "English Breakfast" von der Lage auf der Insel berichtet.

Für die rasante Ausbreitung des Virus in Großbritannien ist die Corona-Mutation B.1.1.7 verantwortlich, die zuerst im Süden Englands aufgetreten ist. Ersten Studien zufolge ist diese Virusvariante bis zu 70 Prozent ansteckender als die bislang bekannten Virusstämme. Das sorgt für die komplette Überforderung des britischen Gesundheitsdienstes NHS. "Es heißt, dass es bereits Krankenhäuser gibt, die entscheiden müssen, wen sie zuerst beatmen, weil sie nicht mehr genügend Equipment haben", beschreibt Delling im ntv-Podcast "Wieder was gelernt" die Situation in britischen Kliniken.

In Großbritannien arbeiten Intensivkräfte, Pflegerinnen und Pfleger wie in Deutschland seit Monaten am Limit. Allerdings mit noch viel mehr Patienten und noch viel mehr schweren Fällen. Das zeigt sich an dramatischen Berichten, wonach Kliniken vereinzelt der Sauerstoff für die Beatmungsgeräte ausgeht. Eine Notlage, die der britische Premier Boris Johnson bestätigt hat. Während der zweiten und dritten Welle der Pandemie ist der Bedarf an medizinischem Sauerstoff so sehr gestiegen, dass es zu Engpässen kommt.

Krankenhäuser weisen Patienten ab

"Es ist so wie bei allen anderen technischen Systemen auch. Es gibt eine Dimensionierung, die setzt irgendwelche Bedarfe voraus, darauf sind die technischen Systeme ausgelegt", erklärt Thomas Woldt, Abteilungsleiter Gebäudetechnik am Universitätsklinikum Dresden, bei "Wieder was gelernt", wie es zu einem solchen Problem kommen kann. "Wenn der Bedarf höher ist, fährt man so ein System natürlich an seine Grenzen. Und je weniger Reserven im System sind, desto schwieriger wird es, so ein System konstant am Laufen zu halten."

London ist nicht die einzige Stadt, die betroffen ist. Derartige Zustände treten auch in Los Angeles auf. Die kalifornische Metropole ist einer der größten Corona-Hotspots der USA. Fast alle Intensivbetten sind belegt, Krankenpflegerinnen und Pfleger müssen teilweise bis zu sechs Patienten gleichzeitig betreuen. Krankenwagen mit Covid-19-Patienten sind oft stundenlang unterwegs, bevor sie endlich eine Klinik mit freien Betten finden.

Noch dramatischer ist die Situation in der brasilianischen Amazonas-Hauptstadt Manaus. Dort wollen Krankenhäuser gar keine Patienten mehr aufnehmen, weil sie fürchten, jeder könnte einer zu viel sein, schreibt der "Guardian". Viele Kliniken hätten seit einiger Zeit keine Sauerstofflieferungen mehr bekommen. Berichten zufolge sind sie so verzweifelt, dass sogar Sauerstofftanks aus dem kollabierten Nachbarland Venezuela ins Land gebracht werden. Auch in einem Krankenhaus in der Nähe der ägyptischen Hauptstadt Kairo sind laut Recherchen der "New York Times" mindestens drei Menschen gestorben, weil der Sauerstoff ausgegangen ist. Der Tanklaster mit Nachschub kam drei Stunden zu spät, das Backup-System hat nicht funktioniert.

Ein logistisches Problem mit fatalen Folgen: Je mehr Covid-19-Patienten beatmet werden müssen, desto häufiger muss nachgetankt werden, erklärt Thomas Woldt. "Sauerstoff wird hergestellt durch sogenannte Luftzerlegeanlagen. Da wird ganz normale Umgebungsluft zuerst komprimiert und dann über verschiedene Verfahren gereinigt und abgekühlt. Bei diesem Abkühlen entsteht kalter Sauerstoff, der geht in eine flüssige Form über. Und so werden über die verschiedenen Siedepunkte die Bestandteile der normalen Umgebungsluft getrennt."

Sauerstoffbedarf fast verdoppelt

Zwischen medizinischem Sauerstoff und der normalen Umgebungsluft gebe es grundsätzlich keine Unterschiede in der Zusammensetzung. "Die gibt es später nur durch das Zertifikat der Reinheit. Das bedeutet, man passt auf, dass dieser Sauerstoff mit nichts anderem in Kontakt kommt", sagt Woldt.

In der Uniklinik Dresden habe es vor der Corona-Pandemie gereicht, die Sauerstoffanlage einmal pro Woche zu betanken. Der Bedarf lag bei etwa 950 Kubikmetern täglich. "Jetzt brauchen wir 1750 Kubikmeter pro Tag", verweist Woldt auf den fast doppelt so hohen Bedarf. Das Krankenhaus tankt deshalb zwei- oder sogar dreimal pro Woche neuen Sauerstoff. "Wir tanken auch am Wochenende, damit wir immer genügend Reserven haben innerhalb der Tankanlage."

Außerdem gebe es Möglichkeiten für einen Notbetrieb, erzählt der Abteilungsleiter. "Wir haben Flaschenbatterien, die in zwei verschiedene System unterteilt sind und uns erlauben, 24 Stunden lang einen Notbetrieb aufrechtzuerhalten, wenn die normale Tankanlage komplett leer ist."

Das heißt, erst wenn es zu einer Fehlerkette kommt, geht den Kliniken der Sauerstoff aus. Ist der Sauerstoffvorrat so niedrig, dass auf Notbetrieb geschaltet werden muss, muss der Tanklaster innerhalb eines Tages zum Nachfüllen kommen. Das ist in Deutschland gewährleistet, sagt Thomas Woldt. "Wir sind weit davon entfernt, Panik haben zu müssen."

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Quelle: ntv.de