Panorama

Impfen, sonst Job weg! Geht Herdenimmunität auch ohne Peitsche?

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Eine Impfung zum Mitnehmen - da muss die Reise hingehen.

(Foto: imago images/Bihlmayerfotografie)

Mit einer kurzen TV-Ansprache löst der französische Präsident Macron einen neuen Ansturm auf die Corona-Impfung aus. Sind Impfpflichten und spürbare Nachteile für Ungeimpfte das Mittel der Wahl? Eine Ökonomin macht bei ntv.de zwei andere Vorschläge.

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat mit einer kurzen Ankündigung im Fernsehen einen neuen Ansturm auf die Corona-Impfung ausgelöst. In den ersten 48 Stunden nach seiner Ansprache haben mehr als 2,2 Millionen Franzosen einen Termin vereinbart.

Warum? Weil Macron eine Impfpflicht für alle Mitarbeiter von Krankenhäusern, Altenheimen oder Pflegeheimen angekündigt hat. Sie müssen sich spätestens bis zum 15. September impfen lassen, sonst ist im schlimmsten Fall der Job weg. Aber auch für alle anderen Franzosen, die älter als zwölf Jahre sind, wird das Leben spätestens ab August deutlich umständlicher. Ohne aktuellen Test oder Impfnachweis kommen sie nicht mehr ins Restaurant oder Café. Auch Reisebusse und Fernzüge können zum Sperrgebiet werden. Vor allem, da ungeimpfte Franzosen die teuren PCR-Tests künftig selbst bezahlen müssen.

Die Botschaft des französischen Präsidenten ist klar: Wer frei sein will, muss sich impfen lassen.

Bisher nur Motivierte abgeholt

Nora Szech sieht eine direkte oder indirekte Impfpflicht nach französischem Vorbild trotzdem nur als Ultima Ratio. Sie untersucht am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) die Themen Markt und Moral, also die Frage: Wie schaffen wir es, dass die Menschen in einer Gesellschaft das tun, was für alle am besten ist. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie steht vor allem die Impfbereitschaft der Menschen im Fokus.

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Nora Szech ist am Karlsruher Institut für Technologie Inhaberin des Lehrstuhls für Politische Ökonomie.

Ihre Forschungsergebnisse sind eindeutig, ihr Aufruf an die Politik ist es auch: Der Zugang zur Impfung muss einfacher werden. Denn das war die Impfkampagne in ihren Augen bisher nicht, im Gegenteil: Die Ökonomin spricht im ntv-Podcast "Wieder was gelernt" von einer "absoluten Zumutung". Sie habe das auch auf sich genommen, weil sie geimpft werden wollte, sagt sie. "Aber das war doch verrückt. Onlinesysteme sind zusammengebrochen, Leute haben Ärzte abtelefoniert, sind zum Impfzentrum gefahren, manchmal sogar in andere Städte, und dann gab es doch keinen Impfstoff."

Bisher hat die deutsche Impfkampagne vor allem eine Bevölkerungsgruppe abgeholt, sagt Nora Szech: die Motivierten. Jetzt müsse man an die herankommen, die den Aufwand scheuen.

Merkel folgt der Wissenschaft

Wie? Am besten ohne Zwang. Zu diesem Ergebnis sind Wissenschaftler der Universität Konstanz gekommen, die sich wie die Forscherin des KIT damit beschäftigt haben, wie man die Impfbereitschaft erhöht. Sie haben sogar herausgefunden, dass die Impfmotivation durch eine Pflicht noch sinken könnte. Ihre Testpersonen haben unter anderem das positive Gefühl vermisst, eine freiwillige Entscheidung getroffen zu haben. Deshalb plädieren die Forscher dafür, der Bevölkerung zu vertrauen. Je mehr geimpfte Menschen es gibt, desto mehr Ungeimpfte würden automatisch den Wunsch entwickeln, sich ebenfalls impfen zu lassen, lautet ihr Fazit. Das sei vor allem innerhalb der Familie und im Freundeskreis so, aber auch bei Arbeitskollegen oder Nachbarn.

In diese Richtung hat auch Kanzlerin Angela Merkel argumentiert, als sie klarstellte, dass es eine Impfpflicht mit ihr in Deutschland nicht geben wird. "Ich kann versuchen, Fragen dazu zu beantworten", sagte sie unter der Woche. "Aber ich weiß auch: Manchmal hilft es mehr, wenn es der eigene Sohn ist, der die Bedenken ausräumt, oder wenn eine Kollegin von ihren Erfahrungen berichtet."

Mit dieser Bitte folgt Merkel den Erkenntnissen der Wissenschaft: "Sprechen Sie miteinander in der Familie, am Arbeitsplatz, im Fußballverein - überall, wo Menschen sich kennen und vertrauen. Werben sie für das Impfen", appelliert die Kanzlerin.

Berlin wird kreativ

Gerne auch kreativ, das hat Merkel ebenfalls gesagt. Und kreativ bedeutet vor allem, dass es einfach sein muss. Wie in Moskau, wo sich Russen seit Monaten im Einkaufszentrum oder in der Oper impfen lassen können. Oder wie in Israel, wo die Vakzine teilweise in Bars und Restaurants verabreicht wurden. Oder wie nun in den USA, wo mobile Impfteams den Sommer über von Tür zu Tür gehen, Kirchen und Moscheen besuchen wollen, um ungeimpften Amerikanern ein Impf-Angebot zu machen.

"Eine gute Idee", sagt Nora Szech. Denn in ihrer Forschung sieht man klar: "Wenn der Zugang zur Impfung anstrengend ist, schreckt das Leute ab."

Deshalb machen sich Politik und Wirtschaft seit einiger Zeit auch in Deutschland Gedanken. In Berlin hat vergangenen Freitag erstmals ein mehrsprachiges Impfteam am belebten Hermannplatz in Neukölln seine Zelte aufgeschlagen. Wohnort? Egal. Staatsbürgerschaft? Egal. Termin? Egal. Ausweis? Okay, den brauchte es doch noch. Aber ansonsten galt für das Modellprojekt: Einfach vorbeikommen.

Impfung bei Aldi? Ja, bitte

Genauso im Berliner Osten. Der Bezirk Lichtenberg arbeitet mit Ikea zusammen und bietet Kunden und Anwohnern unkomplizierte Impfungen auf dem Parkplatz einer großen Filiale des schwedischen Möbelhauses an - gerne auch im Auto, die Impfstation hat einen Drive-In-Schalter.

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Alle Folgen finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. "Wieder was gelernt" ist auch bei Amazon Music und Google Podcasts verfügbar. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Kopieren Sie die Feed-URL und fügen Sie "Wieder was gelernt" einfach zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

Ab August soll es außerdem ein Angebot speziell für junge Leute geben: Die Berliner Clubcommission plant gemeinsam mit der Gesundheitsverwaltung eine Impfparty in der Arena im Bezirk Treptow, dem größten Berliner Impfzentrum. Mehrere DJs wollen abends und nachts in der Halle auflegen. Statt der "Langen Nacht der Museen" gibt's in der Hauptstadt dieses Jahr die "Lange Nacht des Impfens".

Die Liste der Ideen ist lang. Impfstationen bei Aldi oder dm? Warum nicht? Das alles helfe, eher bildungsferne Menschen zu erreichen, sagt Ökonomin Szech. Sie hat aber auch noch einen anderen Tipp für die Politik, wie man Menschen für die Impfkampagne begeistert: Macht es nicht nur möglichst einfach, sondern zahlt auch eine Aufwandsentschädigung! Damit werde auch bei anderen sozialmedizinischen Themen gearbeitet, erklärt sie im Podcast. Ohne Kompensation gäbe es vermutlich kein Land auf der Welt, das genügend Blutspenden hätte. "Und gerade jetzt, wo man eine hohe Impfquote braucht, könnte man mit Kompensationen dorthin kommen."

500 Euro für eine Impfung?

Das Robert-Koch-Institut (RKI) schreibt in einem aktuellen Papier, dass zwischen 85 und 90 Prozent der deutschen Bevölkerung ab zwölf Jahren geimpft sein müssen, wenn wir im Herbst eine vierte Corona-Welle verhindern wollen. Ohne finanzielle Kompensation sind ungefähr 70 Prozent der deutschen Bevölkerung bereit, sich impfen zu lassen. In ihren Untersuchungen hat Nora Szech herausgefunden, dass man mit einer Entschädigung von etwa 100 Euro eine Impfbereitschaft von ungefähr 80 Prozent erreicht. Bietet man Menschen 500 Euro an, steigt dieser Wert sogar in Richtung 90 Prozent.

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Das wäre selbst für einen reichen Staat wie Deutschland viel Geld, trotzdem würde die Ökonomin die Kompensation rückwirkend sogar allen Impflingen zahlen, denn: Das ifo-Institut schätzt, dass der soziale Wert einer Impfung bei etwa 1500 Euro liegt.

Sinnvoll wäre eine möglichst hohe Summe auch deshalb, weil die Entschädigung nicht zu gering sein darf, um zu funktionieren: "Geschenkgutscheine oder 20 Euro sind vielleicht gut gemeint, können aber nach hinten losgehen", sagt die Ökonomin. "Wenn sehr wenig gezahlt wird, ist die Impfbereitschaft sogar niedriger, als wenn gar nichts gezahlt wird."

Genauso ist es bei der Impfpflicht. Trotzdem hat die Ankündigung von Präsident Macron in Frankreich funktioniert. Zuletzt waren es nicht einmal 200.000 Anmeldungen täglich, nun sind es mehr als eine Million. Hoffentlich ist es mehr als nur ein kurzfristiger Effekt. Die Proteste der Impfgegner haben bereits begonnen.

Quelle: ntv.de

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