Vergessliche MusikschulfreundinNeue Spur im Cold Case Emanuela Orlandi?
Von Andrea Affaticati, Mailand
Das Verschwinden von Emanuela Orlandi ist bis heute unaufgeklärt. Vatikan, Rechtsextreme, türkische Mafia - unzählige Fährten wurden verfolgt, ergebnislos. Jetzt gibt es eine neue. Ihr Bruder, Pietro Orlandi, zügelt dennoch seine Hoffnung.
In diesem Sommer werden 43 Jahre seit dem Verschwinden der 15-jährigen Emanuela Orlandi mitten in Rom vergangen sein. Emanuela war die Tochter eines Vatikanangestellten. Es war der 22. Juni 1983, als das Mädchen nach dem Musikunterricht nicht mehr nach Hause kam. Im Laufe der Jahrzehnte wurden immer wieder neue Spuren verfolgt: Mal Richtung Pädophilie, mal Richtung Mafia, mal in Richtung von Politikern. Auch die internationale Terrorismusszene jener Jahre wurde in Augenschein genommen - bis jetzt führte jegliche Fährte immer wieder in eine Sackgasse.
Erst Papst Franziskus bewilligte im Januar 2023 Vatikan-interne Ermittlungen, um endlich zu Ergebnissen zu kommen. Fast zeitgleich zu Franziskus Einverständnis formte sich im italienischen Parlament ein Untersuchungsausschuss, und die römische Staatsanwaltschaft nahm zum dritten Mal die Ermittlungen auf. Wieder hofft man, auf eine Spur gestoßen zu sein.
Mitschülerin unter Verdacht
Es geht um Laura Casagrande, die damals dieselbe Musikschule wie Emanuela besuchte und nur wenige Monate jünger war. Laura könnte die letzte gewesen sein, die sie gesehen hat. Das zumindest geht aus den Protokollen der Aussagen von 1983 hervor. 40 Jahre später erinnert sich Casagrande aber an absolut nichts mehr. Weder vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der sie im Sommer 2024 befragte, noch unlängst vor den Ermittlern.
Der Gedächtnisschwund hatte schon den Ausschuss verwundert. "Man hatte das Gefühl, sie wolle unbedingt aus der Bildfläche jenes Tages verschwinden", sagte der Vorsitzende Andrea De Priamo der italienischen Nachrichtenagentur ANSA. Die Staatsanwaltschaft kam zum deutlich klareren Schluss, Casagrande würde falsch aussagen, und trug sie deswegen Ende Dezember ins Register der laufenden Ermittlungen ein.
Pietro Orlandi, Emanuelas Bruder, der sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die Wahrheit über das Schicksal seiner Schwester herauszufinden, meint im Gespräch mit ntv.de: "Wirklich neu ist der Name nicht. Und was die Erinnerungslücken betrifft, ist nicht auszuschließen, dass sie, damals noch ein Kind, unwissend benutzt und später zum Schweigen genötigt wurde."
Gleich nach Emanuelas Verschwinden hatten die Ermittler auch ihre Freundinnen und den gesamten Bekanntenkreis befragt. Laura hatte damals zwei Versionen erzählt. In der ersten hieß es, sie habe Emanuela zur Bushaltestelle gehen sehen. In der zweiten, sie habe sie hinter sich, entlang der Corso Rinascimento, erblickt. Doch als sie sich kurz darauf wieder nach ihr umsah, sei Emanuela weg gewesen.
Ein mysteriöser Anruf
Auch dazu meint Orlandi: "Sie war damals noch fast ein Kind, es kann also gut sein, dass sie etwas durcheinandergebracht hat." Ihm selbst gibt im Fall Casagrande etwas ganz anderes zu denken: Ein Anruf, über den Laura 1987 auch in einer TV-Sendung erzählte. Die Sendung 'Storie Italiane' hat diese unlängst wiederholt, die Geschichte ist folgende: Ein paar Wochen nach Emanuelas Verschwinden, am 8. Juli, klingelte bei Familie Casagrande das Telefon. Ein Mann mit "arabischem Akzent", so Laura, habe nach dem Vater gefragt. Da dieser nicht zu Hause war, gab Laura den Hörer an die Mutter weiter. Der Mann befahl der Frau, Papier und Schreibzeug zu nehmen und eine Nachricht aufzuschreiben, die sie dann der Nachrichtenagentur ANSA bringen sollte. Der Mann diktierte jedoch so schnell, dass Lauras Mutter nicht nachkam und die Tochter bat, an ihrer Stelle weiterzuschreiben.
In der Nachricht hieß es, man habe Emanuela entführt, weil sie vatikanische Staatsbürgerin sei. Für ihre Freilassung fordere man im Gegenzug die des Türken Ali Ağca, also des Mannes, der im Auftrag der rechtsextremen Gruppe Graue Wölfe am 13. Mai 1981 in Rom ein Attentat auf Papst Johannes Paul II. verübt hatte. Man habe 20 Tage Zeit - sollte man bis dahin der Forderung nicht nachgekommen sein, werde Emanuela sterben.
Der Mann hatte gesagt, Lauras Nummer von Emanuela bekommen zu haben. Was gut möglich sein konnte. Es war die letzte Musikstunde vor den Sommerferien. "Wirkliche Freundinnen waren sie nicht", meint Pietro Orlandi. "Außer beim Chorsingen gab es nur Einzelunterricht. Was mich schon immer stutzig macht, ist, dass Lauras Mutter ihrer knapp 15-jährigen Tochter den Hörer in die Hand drückt, trotz der Person, die am anderen Ende ist."
Das ist also die neue heiße Spur, Laura Casagrande: Man fragt sich, wie der Bruder mutmaßt, ob sie erpresst wurde und deswegen inzwischen sagt, sie könne sich an überhaupt nichts mehr erinnern. Orlandi ist aber mittlerweile sehr vorsichtig, was Hoffnungen betrifft. Als positiv wertet er, dass man sich endlich auch auf Musikschule und Umfeld konzentriert, anstatt nur in der Familie herumzuwühlen.
Papst Leo XIV. eher uninteressiert
Die Anspielung bezieht sich auf die Ermittlungen gegen den mittlerweile verstorbenen Onkel Mario Meneguzzi. Er wurde der sexuellen Belästigung der älteren der Orlandi-Schwestern, Lia, verdächtigt. Und es wurde nicht ausgeschlossen, dass er sich auch Emanuela genähert haben könnte. Der Onkel bestritt die Anschuldigungen und verwies weiterhin darauf, dass er am Tag von Emanuelas Verschwinden gar nicht in Rom gewesen sei. Eingestellt wurden die Ermittlungen, als Papst Johannes Paul II. öffentlich von einer Entführung sprach und später, im Privaten, von internationalem Terrorismus.
Apropos Papst, beziehungsweise Päpste: Wie ist der aktuelle Stand der Vatikan-Ermittlungen? Orlandis Antwort ist ernüchternd: "Von Alessandro Diddi, den Franziskus mit den Ermittlungen beauftragt hatte, wurde ich seit 2023 nur einmal einbestellt."
Besonders fragwürdig findet er aber folgendes: Diddi hat unlängst öffentlich bestätigt, dass es im Vatikan eine Akte Emanuela Orlandi gibt, eine Tatsache, die bis dato vom Vatikan immer bestritten worden war. Als er den Antrag stellte, Einsicht in die Akte zu bekommen, sagte man ihm, leider sei diese noch immer unter Verschluss. "Nach über 40 Jahren, das muss man sich einmal vorstellen", bemerkt Orlandi bitter.
Von Papst Franziskus' Interesse, den Fall zu klären, war Orlandi nie wirklich überzeugt: Diddi sei damit beauftragt worden, weil der öffentliche Druck zugenommen hatte. Und auch Papst Leo XIV. scheint diesbezüglich kein besonderes Engagement zu zeigen. Orlandi hat er bis jetzt, trotz Ersuchens, nicht empfangen. Auch seine Bitte, am 22. Juni letzten Jahres beim Angelus-Gebet an Emanuela zu erinnern, hatte er ignoriert. "Er ist wie seine Vorgänger", bemerkt Orlandi trocken. Ob aus eigener Entscheidung oder weil man ihm dazu geraten hat, wisse er nicht.
Im Juni 2008 hatte Emanuelas Mutter über eine Ordensschwester Papst Benedikt XVI. die Bitte zukommen lassen, am 22. Juni beim Angelus an Emanuela zu erinnern, genau 25 Jahre nach ihrem Verschwinden. Doch nichts geschah. Jahre später las Pietro Orlandi einen Brief an Ratzinger, in dem man dem Papst riet, es nicht zu tun: Es sei besser, den Vatikan weiter herauszuhalten.
Orlandi aber gibt nicht auf: Für Samstag hat er in Piazza del Risorgimento, also in unmittelbarer Nähe der Vatikanmauern, ein öffentliches Treffen einberufen, um über den Fall Emanuela zu sprechen.