Panorama

Deutsche fliegen nach Hause Nichts wie weg aus Argentinien

Isabell Kronenberger und ihr Freund werden von einer Maschine der Bundesregierung von Argentinien zurück nach Deutschland geflogen.

Isabell Kronenberger und ihr Freund werden von einer Maschine der Bundesregierung von Argentinien zurück nach Deutschland geflogen.

(Foto: Roland Peters)

Es sind 365 Passagiere, die im ersten deutschen Rettungsflugzeug aus Buenos Aires sitzen. Am Flughafen fließen Tränen der Freude, aber auch der Verzweiflung. Bis zu 1000 Deutsche befinden sich noch immer in Argentinien.

Wegen LH 343 steigen der Frau die Tränen in die Augen. "Es gibt wirklich keine Möglichkeit, mitzufliegen?" Nein, schüttelt einer der Mitarbeiter der deutschen Botschaft den Kopf. Nichts geht mehr, der Rettungsflug aus Argentinien ist voll besetzt. Es ist kurz nach 11 Uhr vormittags, 364 Passagiere haben seit dem frühen Morgen eingecheckt. Ein weiterer drängt sich für den mehr als 13 Stunden dauernden Transatlantikflug auf den Notsitz der Chartermaschine der Bundesregierung nach Frankfurt. Es ist der erste von möglicherweise folgenden Flügen der Lufthansa, die Deutsche und andere Europäer aus Buenos Aires wegbringen. Nicht weg vom Coronavirus. Aber zumindest nach Hause.

Ein paar der Glücklicheren kramen ihre letzten Peso-Scheine aus den Taschen hervor und drücken sie der Zurückbleibenden in die Hand. Die Frau packt ihren großen Rucksack, steht etwas verloren in der Terminal-Halle und kramt das Handy hervor. Sie braucht nun eine Unterkunft. Damit ist sie nicht allein. Die deutsche Botschaft vor Ort geht von bis zu 1000 weiteren Staatsbürgern aus, die sich noch als Individualreisende in Argentinien aufhalten. Viele davon haben es nicht nach Buenos Aires geschafft. Wegen der Corona-Pandemie gibt es inzwischen überall in dem südamerikanischen Land scharfe Polizeikontrollen. Wer keinen Passierschein oder ein gültiges Flugticket vorweisen kann, hat es schwer, sich durchzuschlagen.

Argentinien zählt offiziell wenige Corona-Fälle. Derzeit gelten 301 Menschen als infiziert, 4 sind am Virus gestorben. Doch die Testkapazitäten sind begrenzt. Aus Angst vor einem schleichenden Gesundheitskollaps schottet sich das Land ab und legt das öffentliche Leben nach und nach lahm. Inlandsflüge gibt es nur noch ganz wenige, Fernzüge und -busse gar keine. Auf die Straße dürfen die Menschen nur zum Einkaufen oder mit Sondererlaubnis. Alle anderen riskieren, dass die Polizei sie wegen Gefährdung der öffentlichen Gesundheit festnimmt. Autos werden beschlagnahmt.

Die Straßen in Buenos Aires sind größtenteils verwaist, die U-Bahn-Stationen verrammelt, Taxifahrer sind mit Sondererlaubnis, Atemschutzmasken und Desinfektionsgel unterwegs. Das rigorose Vorgehen der Regierung hat gute Gründe. In einem internen Papier geht das argentinische Gesundheitsministerium im besten Fall von 250.000 Infizierten bis Juni aus, im schlechtesten von 2,2 Millionen Infizierten und bis zu 60.000 Toten. Der deutsche Botschafter Jürgen Christian Mertens meldete frühzeitig ans Auswärtige Amt in Berlin, es bestehe dringend Handlungsbedarf in Argentinien.

"Die meisten sind erleichtert"

Auf dem Weg zum internationalen Flughafen Ezeiza haben die Sicherheitskräfte zusätzliche mobile Kontrollpunkte errichtet, am Eingang zum Terminal werden die Flugdokumente überprüft. Krankenwagen warten auf mögliche Coronavirus-Fälle. In der Vorhalle steht Botschafter Mertens nun stundenlang in der Nähe des Checkin-Schalters, in neonfarbener Warnweste samt Deutschlandflagge, Atemschutzmaske und wie die anderen aus der Botschaft mit einem offenen Ohr für die Rückreisenden. "Die meisten sind erleichtert, da sie sich in Deutschland besser aufgehoben fühlen", sagt Mertens. Es sei trotz der schwierigen Lage alles sehr ruhig verlaufen. Im Juni geht der 66-Jährige in Ruhestand. "Das hatte ich mir auch nicht vorgestellt, dass vorher so etwas noch passieren würde", sagt er etwas ungläubig.

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Der deutsche Botschafter Jürgen Christian Mertens betreut die Abfertigung am Flughafen von Buenos Aires.

(Foto: Roland Peters)

Als die letzten Versprengten versorgt sind, rückt Mertens Mannschaft ab. Sie müssen jetzt ihre Daten sortieren und gucken, um wie viele Deutsche sie sich noch kümmern müssen. In den vergangenen Tagen hatten Reisende in Argentinien geklagt, dass sie sich in Hotels wie in Gefängnissen fühlten, weil sie nicht mehr auf die Straße dürften. Andere, die privat Unterkünfte gebucht hatten, waren da zwar besser dran, aber es wurde immer schwieriger. "Wir hatten keine Handlungsfreiheit mehr", erzählt Christian Düring: "Jeden Tag hatte sich die Schlinge mehr zugezogen." Mit seiner Frau Barbara Lang ist er bereits seit drei Monaten in Argentinien. Das Paar aus Regensburg reiste durchs Land und lebte seine Tangoleidenschaft in der Heimat des Tanzstils aus, besuchte befreundete Musiker in Buenos Aires, ging zu Konzerten, schrieb einen Blog.

Konzerte sind wegen des Coronavirus inzwischen verboten, wie alle anderen Kulturveranstaltungen auch. Für den Ingenieur in der Autobranche und die freiberufliche Grafikdesignerin und Dozentin hat sich damit das geplante halbe Jahr Auszeit halbiert. "Jeden Tag haben wir unsere Pläne angepasst", berichtet Barbara Lang. Das Paar hatte kurz überlegt, sich in einer ländlicheren Gegend zu verschanzen, bis alles vorbei ist. Aber was würde passieren, wenn einer von ihnen positiv getestet würde? Die Antworten auf solche Fragen betreffen nicht nur sie. Barbara Lang macht sich Sorgen um ihre Eltern in Regensburg. Die Mutter ist 80 Jahre alt, ihr Vater 85.

Tour de Force nach Buenos Aires

Im Café vor der Sicherheitskontrolle sitzen zwei Reisende, die zwar müde, aber glücklich aussehen. "Ein Taxifahrer hat uns gerettet", lächelt Isabell Kronenberger und zeigt die Bordkarten von ihr und ihrem Freund: "Wir finden Argentinien ganz toll, die Menschen hier. Aber jetzt kribbelt es vor Freude." Die beiden 25-Jährigen aus Ratingen bei Düsseldorf waren mitten in einer touristischen Tour de Force durch Argentinien, als sie rund 1500 Kilometer von Buenos Aires entfernt in der nordwestlichen Provinz Salta die Ausgangssperre traf.

Ein Anruf in der deutschen Botschaft machte den Weltreisenden kaum Hoffnung. Sie sollten sich darauf einstellen, lange dort zu bleiben, riet der Krisenstab, sie seien zu weit entfernt. Aber die Botschaft schickte ihnen einen Passierschein für den Weg nach Buenos Aires. Damit überzeugten die beiden einen Taxifahrer, sie zu einem mehrere Autostunden entfernten Flughafen zu fahren und auch die Polizisten auf dem Weg, sie durchzulassen. Sie erwischten tatsächlich einen der wenigen Inlandsflieger, übernachteten schlaflos am Inlandsflughafen, bevor sie eine Einheimische zum internationalen Aeropuerto mitnahm.

Die Odyssee ist für das Pärchen und für andere Rettungsflug-Beteiligte möglicherweise noch nicht vorbei. Das Botschaftspersonal in Argentinien könnte sich wegen seines Einsatzes nun auf das Coronavirus testen lassen müssen. Ebenso wie die 365 Reisenden nach ihrer Ankunft in Deutschland. Am Flughafen Frankfurt warten Mitarbeiter des Gesundheitsamtes auf sie und werden entscheiden, was weiter geschieht. Und die Lufthansa-Crewmitglieder wurden zwar nach ihrer Ankunft bis zum Abflug von argentinischen Sicherheitskräften abgeschirmt - aber danach waren sie rund 13 Stunden lang alle gemeinsam in einem Flugzeug.

Quelle: ntv.de