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Die Stimme gegen den "Ungeist" Ralph Giordano ist tot

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Giordano starb an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs.

(Foto: dpa)

Ralph Giordano war ein unermüdlicher Mahner gegen Antisemitismus und Rechtsradikalismus. Mit seiner autobiografischen Familiensaga "Die Bertinis" gelang dem Publizisten ein Weltbestseller. Nun ist er in Köln gestorben.

Der Schriftsteller und Publizist Ralph Giordano ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Er erlag an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs, den er sich vor einigen Wochen bei einem Sturz in seiner Wohnung zugezogen hatte.

Giordano war ein energischer Mahner gegen Rechts. Jahrzehntelang warnte der jüdische Schriftsteller in Büchern, Aufsätzen und Vorträgen vor Rechtsradikalismus und Antisemitismus. Geprägt hat den Autor - weltbekannt geworden durch seinen Roman "Die Bertinis" - seine Demütigung, Verfolgung und Misshandlung durch die Nationalsozialisten in seiner Hamburger Jugendzeit. Das begründete sein Lebensthema, das er praktisch bis zum letzten Atemzug beibehielt. Giordano hinterlässt ein umfangreiches Werk - als Publizist wie auch als TV-Dokumentarist.

"Mörderisches Jahrhundert"

Zu seinem 90. Geburtstag am 20. März vergangenen Jahres war er in seiner Geburtsstadt Hamburg noch groß geehrt worden - einer der wenigen öffentlichen Termine, die er damals noch wahrnehmen konnte. "Mein Energiehaushalt, mein Kräftepotenzial ist reduziert, das spüre ich deutlich", sagte er damals in seiner bescheidenen Kölner Wohnung. Hinter ihm liege eine "ungeheure Strecke" und ein "mörderisches Jahrhundert".

Als intellektueller Kopf hat Giordano zahlreiche Ehrungen erhalten, auch das Bundesverdienstkreuz oder den Leo-Baeck-Preis vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Dem "rechten Ungeist" müsse man mit Aufklärung und inhaltlicher Auseinandersetzung begegnen und mit Zivilcourage, verlangte er. Die lange unentdeckte Mordserie des Neonazi-Netzwerks NSU hatte ihn als schon Hochbetagten noch einmal aufgeschreckt. "Mir wird bange um die demokratische Republik - die einzige Gesellschaftsform, unter der ich mich sicher fühlen kann."

Großes Erbe für Literaturarchiv Marbach

Sein Werk überlässt er dem Deutschen Literaturarchiv Marbach. Da werde wohl zum Abtransport kein VW-Bus ausreichen, hatte Giordano zu seinem 90. mit Humor angemerkt. Giordano hat 23 Bücher geschrieben, von denen viele Bestseller sind und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Die autobiografische Familiensaga "Die Bertinis" (1982), "Die zweite Schuld oder von der Last ein Deutscher zu sein" (1987) oder auch "Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte" (1989) gehören zu den Hauptwerken. Viel beachtet ist auch seine Autobiografie "Erinnerungen eines Davongekommenen" (2007). Als Fernsehmann arbeitete er ab 1961 zunächst beim Norddeutschen Rundfunk, drehte dann von 1964 bis 1988 für den WDR rund 100 Filme aus aller Welt. 1972 zog er von Hamburg nach Köln.

Bei all seinen Verdiensten war Giordano ein streitbarer und umstrittener Mann. Viel Kritik löste er aus mit seinen Äußerungen zum Islam, zu einer aus seiner Sicht gescheiterten Integration von Muslimen und zum Bau der Kölner Zentralmoschee. Zugespitzte Äußerungen in Talkshows und die Bezeichnung "menschliche Pinguine" für verschleierte muslimische Frauen lösten Empörung aus. Dass man ihm gemeinsame Sache mit Rechtsradikalen vorwarf, verletzte ihn. Es gehe ihm nur darum, solche Erscheinungen des Islam anzuprangern, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar seien, rechtfertigte er sich.

Fast verhungert

Als Sohn einer Jüdin und eines Sizilianers war er dem Holocaust als Jugendlicher nur knapp entkommen. "Es ist eine Lebensphase, die alles geprägt hat, was ich danach getan habe", betonte er. Als die Mutter im Februar 1945 deportiert werden sollte, versteckten sich die Giordanos in einem Kellerloch. Am 4. Mai 1945 wurden sie von der britischen Armee befreit - fast verhungert und total entkräftet. Wenig bekannt war der Privatmann Giordano. Dreimal hatte er geheiratet. Seine beiden langjährigen Ehen endeten mit dem Krebstod seiner Frauen Helga (1994) und Röschen (2002). Eine dritte Ehe wurde nach kurzer Zeit geschieden.

Giordano mochte Dampfmaschinen. Ein Herz hatte er auch für die seltenen Wombat-Beuteltiere - und er war lange begeisterter Ferrari-Fahrer. In seinen letzten Lebensjahren lebte der schmächtige Herr mit der imposanten weißen Haarmähne recht zurückgezogen in seiner Wohnung in einem Kölner Hochhaus. Sein scharfer Intellekt ist ihm bis zuletzt erhalten geblieben.

Quelle: n-tv.de, Yuriko Wahl-Immel, dpa

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