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Lust, Sucht, HIV-GefahrTagelanger Sex im Drogenrausch: Was ist Chemsex?

31.01.2026, 16:40 Uhr Aljoscha-PrangeVon Aljoscha Prange
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Geschnupft, geraucht oder gespritzt, wird Methamphetamin in Chemsex-Kreisen häufig zur Steigerung von Lust, Ausdauer und Nähegefühl konsumiert. (Foto: picture alliance / NurPhoto)

Sexpartys auf Crystal Meth und anderen Substanzen: Chemsex ist in Deutschland längst kein Randphänomen mehr. Warum immer mehr homosexuelle Männer zu Drogen greifen, um Lust, Nähe und Realitätsflucht zu erleben.

Liquid Ecstasy, Crystal Meth oder Trend-Substanzen wie Mephedron und Monkey Dust: Für einige homosexuelle Männer gehören diese und andere Drogen zu ihrem Sexualleben dazu. Sie werden geschluckt, durch die Nase gezogen, oder - vor allem im Fall von Meth - gespritzt. "Slamming" nennt man den intravenösen Konsum in der Szene. "Die Szene", das ist die Chemsex-Community, in der Männer sich gezielt mit anderen Männern treffen, um Sex auf "Chems", also auf chemischen Drogen zu haben.

Verabredet wird sich meist über Dating-Apps wie Grindr oder Romeo. Auf den Profilen deuten Abkürzungen wie etwa "h&h" (high und horny, auf deutsch: berauscht und geil) darauf hin, dass Personen Chemsex praktizieren. Er kann zu zweit stattfinden, aber auch mit mehreren Personen gleichzeitig. Oft kommen Gruppen von Männern auf sogenannten "Chills" zusammen - Sexpartys, die unter Umständen Tage dauern können.

"Wochenenden dauerten bis Mittwoch"

Auf der Seite von IWWIT (Ich Weiß Was Ich Tu), einem Präventionsprojekt der Deutschen Aidshilfe, beschreibt der Aussteiger Timo Koch, wie er seine Zeit in der Chemsex-Szene erlebt hat. "Neulich im Chat schickte mir ein attraktiver junger Mann ein Bild von sich: Lässig an einem Tisch sitzend, auf dem weiße und andere Pülverchen ausgebreitet sind, grinst er in die Kamera. Eine Glaspfeife und andere Utensilien. Er lädt mich zu sich nach Hause ein […] Ich denke an all die Nächte und Tage, an die Wochenenden, die bis Mittwoch dauerten, in denen ich selber high war."

Mittlerweile sei er seit acht Jahren clean, den Kontakt zur Community suche er trotzdem noch gelegentlich. Überhaupt habe ihn die Suche erst in die Szene geführt. Eine Suche nach Intimität, nach Zugehörigkeit - und nach Kontrollverlust.

Denn wie viele schwule Männer stünde er unter dem Druck, von der Gesellschaft als "normaler, echter Mann" wahrgenommen zu werden, als "stark, produktiv und erfolgreich". Hinzu käme der Druck, auf andere Männer attraktiv wirken zu wollen, gutaussehend und durchtrainiert zu sein. Und dann ist da noch die Angst vor homophoben Anfeindungen, vor Stigmatisierung und Gewalt.

Um diesen "Minderheitenstress" auszuhalten, folge als Kompensationsstrategie häufig der Griff zu Alkohol, Tabak und eben auch synthetischen Drogen, sagt Michael Plaß im Gespräch mit ntv.de. Der Pädagoge ist Mitarbeiter am Schwul-Queeren Zentrum Sub e.V. in München und bietet dort eine spezielle Chemsex-Beratung für User, Angehörige und Partner an.

Plaß erzählt, dass queere Menschen aufgrund von Ausgrenzung und Übergriffen häufiger von mentalen Erkrankungen wie Depressionen betroffen seien, was wiederum oft zu Substanzkonsum und -missbrauch führe. Besonders habe sich das in der Pandemie gezeigt, als viele mit Einsamkeit zu kämpfen hatten. "Die Leute, die heute in die Beratung kommen, erzählen oft, dass sie während Covid entweder angefangen oder, wenn sie davor schon angefangen hatten, die Kontrolle verloren haben."

Das Sub-Team habe während der Corona-Zeit einen regelrechten Chemsex-Boom verzeichnet. Seitdem gingen die Zahlen zwar wieder leicht zurück, insgesamt sei die Tendenz in Deutschland allerdings steigend.

Längst kein Randthema mehr

Auch die Deutsche Aidshilfe kommt zu dem Schluss, dass Chemsex in den vergangenen Jahren zu einem immer bedeutsameren Gesundheitsthema geworden und längst kein Randphänomen mehr ist. In der 2025 veröffentlichten EMIS-Studie heißt es, dass "Mitgliedsorganisationen über einen stetigen Zuwachs an Hilfesuchenden" berichten, dem "mit den bisher vorhandenen Mitteln kaum begegnet werden" kann.

EMIS 2024

Die EMIS 2024 (European Men-Who-Have-Sex-With-Men and Trans People Internet Survey) ist eine der weltweit größten Studien zu Gesundheitsfragen für sexuelle Minderheiten mit erhöhtem HIV-Risiko (insbesondere Männer, die Sex mit Männern haben). Europaweit nahmen 50.330 Personen an der Studie teil, darunter 2.658 trans und nicht binäre Personen. In Deutschland waren es über 10.000 Befragte.

Demnach hätten in Deutschland im Schnitt fünf Prozent der Befragten angegeben, "in den letzten vier Wochen Chemsex-Erfahrungen gemacht zu haben". Die Berechnung bezöge sich auf die Frage, wann die Teilnehmenden "das letzte Mal stimulierende Substanzen konsumiert hätten, um längeren oder intensiveren Sex zu haben." Als stimulierende Substanzen wurden Ecstasy/MDMA, Kokain, Amphetamine (Speed), Methamphetamin (Crystal, Meth, Tina, Pervitin), Mephedron, Ketamin und Alpha-PHP aufgeführt.

"Patienten unserer Ambulanzen zum Thema Sexualität und Substanzkonsum berichten mir immer wieder davon, dass sie sich auf Dating-Portalen explizit gegen Chems aussprechen müssen, falls sie nicht (mehr) konsumieren wollen, da diese einen so großen Verbreitungsgrad haben", berichtet Marcus Gertzen gegenüber ntv.de. Der Arzt beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren intensiv mit der Thematik, in enger Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Tobias Rüther an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Man müsse zwar auch bedenken, dass Chemsex in den vergangenen Jahren deutlich an Aufmerksamkeit gewonnen hat, und deshalb womöglich einfacher genauer hingeschaut und "mehr gesehen" wird. "Insgesamt muss man jedoch wohl das Fazit ziehen, dass die Thematik mehr an Dynamik gewinnt", meint Gertzen.

Erhöhtes HIV- und Suchtrisiko

Zu den Hauptrisiken bei Chemsex gehören neben mentalen Problemen vor allem sexuell übertragbare Infektionen wie Hepatitis C oder HIV. Durch die enthemmende Wirkung der Drogen würden viele Männer Dinge tun, die sie nüchtern nicht tun würden - etwa ungeschützten Geschlechtsverkehr, der mit einem erhöhten HIV-Übertragungsrisiko einhergeht. "Menschen, die Chems nehmen, haben öfter sexuell übertragbare Infektionen und sind auch öfter HIV-positiv", meint Plaß.

Zwar gebe es auch Sexpartys von HIV-positiven Männern für HIV-positive Männer, also geschützte Räume, in denen sie keine Ablehnung oder Stigmatisierung von außen zu befürchten haben. Doch viele Männer mit HIV würden ihre Infektion gar nicht erst öffentlich machen, etwa auf Dating-Apps, um eben nicht zurückgewiesen zu werden - "auch wenn sie durch ihre HIV-Therapie unter der Nachweisgrenze und damit nicht infektiös sind".

Neben sexuell übertragbaren Infektionen bestehe beim Chemsex außerdem das Risiko von Überdosierungen mit epileptischen Anfällen oder Atemstillständen, bis hin zum Versterben - "speziell bei Kombination verschiedener Chems mit anderen Substanzen", so Gertzen. Mentale Folgen können Depressionen, Angsterkrankungen oder Psychosen sein, "also Episoden, in denen man sich verfolgt oder beobachtet fühlt, Stimmen hört oder den Eindruck hat, dass Leute Gedanken lesen können".

Rat und Nothilfe bei Suizid-Gefahr und Depressionen

  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Deutschlandweites Info-Telefon Depression, kostenfrei: 0800 33 44 5 33
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111)
  • Bei der Deutschen Depressionshilfe sind regionale Krisendienste und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der Deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige. Dort gibt es auch eine E-Mail-Beratung für Depressive.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Auch das Risiko, eine Chem-freie Sexualität nicht mehr genießen zu können, sei nicht zu unterschätzen. "Wir sehen zudem ein deutlich erhöhtes Risiko für das Auftreten von Abhängigkeitserkrankungen und auch suizidalen Krisen, die dementsprechend sehr gefährlich werden können." Chemsex bedeute im Umkehrschluss jedoch nicht automatisch eine Substanzkonsumstörung. "Es gibt eine große Untergruppe an Betroffenen, die den Konsum sehr klar unter Kontrolle haben", verrät Gertzen.

"Leute wie du und ich"

Um Menschen aus der Chemsex-Szene auffangen und behandeln zu können, brauche es in Deutschland bessere Hilfseinrichtungen, die auf das Thema spezialisiert sind. "Manche haben große Angst, in Gesprächsgruppen Menschen zu begegnen, die von Sexualität unter Männern nichts wissen und homofeindliche Vorurteile haben." Es sei wichtig, Beratungsangebote präsentiert zu bekommen, "in denen man nicht erst erklären muss, was Chemsex überhaupt ist."

Außerdem müsse es eine bessere Aufklärung über Drogen und ihre Risiken geben. So bedürfe etwa auch die Vorstellung des "typischen Meth-Konsumenten" einer Reform. "Das können gut aussehende Personen sein, die arbeiten gehen und sozial eingebunden sind. Und die überhaupt nicht aussehen, wie diese Crystal-Meth-Schockbilder, die vor 15 Jahren veröffentlicht wurden."

Vorbehalte abbauen, Akzeptanz stärken, mit Horror-Erzählungen aufräumen: Plaß mahnt, auch das gesellschaftliche Bild von Chemsex aus der Schmuddelecke zu holen. "Das sind nicht irgendwelche Leute, die den Verstand verloren haben, sondern ganz einfache Menschen, Leute wie du und ich."

Sollte sich durch den Chemsex bei Usern bereits eine Abhängigkeitserkrankung eingeschlichen haben, müsse in der Regel zunächst eine Entgiftung durchgeführt werden, etwa in einer psychiatrischen Klinik, sagt Gertzen. Im Anschluss sei es sinnvoll, eine Entwöhnungstherapie zu machen. "Glücklicherweise gibt es hier in Deutschland mittlerweile mehrere Kliniken, die einen eigenen Therapiebaustein für die Thematik in ihr Programm aufgenommen haben."

Betroffenen, die das Gefühl haben, dass ihnen die Thematik entgleitet, rät Gertzen dazu, sich frühzeitig Hilfe zu suchen: "Sprechen Sie vertrauensvoll eine naheliegende Beratungsstelle oder die Ärztin oder Arzt Ihres Vertrauens an. Sie sind nicht alleine!"

Quelle: ntv.de

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