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Aus zwei mach drei - mach vier? Warum wir nicht ewig boostern können

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Dauerimpfen könne die Immunreaktion beeinträchtigen, mahnen Experten.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Erst zwei, dann drei und jetzt vier Spritzen? Mit dem Aufkommen neuer Varianten lässt die Schutzwirkung der Corona-Impfungen immer schneller nach. Die Lösung lautet: Boostern. Doch auch mehrere Auffrischimpfungen bringen nicht den erhofften Effekt und können in bestimmten Fällen sogar kontraproduktiv sein.

Seit mehr als einem Jahr machen Menschen in Arztpraxen, Impfzentren, vor Einrichtungshäusern und in Klassenzimmern ihre Oberarme frei. Wie ein Befreiungsschlag fühlten sich die ersten beiden Corona-Impfungen für viele an. Die langersehnte Rückkehr zur Normalität schien nun zum Greifen nah. Doch schon mit dem Aufkommen der Delta-Variante dämmert Wissenschaftlern und Experten, dass die Impfung nicht so lange schützt wie erhofft. Ein dritter Piks muss her. Dieser kurbelt zwar die Antikörperproduktion erneut an. Aber spätestens mit Omikron wird klar: Nach drei Monaten ist auch der Schutzschild der Booster-Impfung löchrig. Eine vierte Spritze soll Abhilfe schaffen. Doch wie geht es weiter? Werden wir uns ewig boostern müssen?

Nach israelischem Vorbild hat sich die Ständige Impfkommission (STIKO) für eine zweite Corona-Auffrischimpfung für gesundheitlich besonders gefährdete und exponierte Gruppen ausgesprochen. "Aktuelle Daten zeigen, dass der Schutz nach der ersten Auffrischimpfung gegen Infektionen mit der momentan zirkulierenden Omikron-Variante innerhalb weniger Monate abnimmt", erklärte die STIKO. Dies sei "insbesondere für Menschen ab 70 Jahren und für Personen mit Immunschwäche bedeutsam, da diese das höchste Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf nach einer Infektion haben."

Erste Daten aus Israel zur Viertimpfung sind allerdings enttäuschend: Zwar steige der Antikörperspiegel nach der vierten Corona-Impfung um das Fünffache an. Doch nur kurz danach falle das Niveau wieder auf einen ähnlichen Stand wie nach der dritten Impfung zurück, berichtete Studienleiterin Gili Regev. Der Effekt sei zwar "gut, aber nicht ausreichend", um Omikron vollständig abzuwehren. Sie sei dennoch froh, dass man gefährdeten Bevölkerungsgruppen wie Immungeschwächten und über 60-Jährigen in Israel bereits die vierte Dosis gebe. "Aber ich bin mir wirklich nicht sicher, ob man sie nun allen geben sollte. Wir brauchen noch mehr Informationen", so Regev.

Ist zu viel Impfen schädlich?

Denn neben der womöglich geringen Wirksamkeit steht eine weitere wichtige Frage im Raum: Kann zu viel Impfen auch kontraproduktiv sein? Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) mahnte bereits im Januar, mit dem Boostern vorsichtig zu sein. Auffrischungsimpfungen könnten "einmal, vielleicht auch zweimal durchgeführt werden, aber wir denken nicht, dass sie ständig wiederholt werden sollten", teilte die Behörde mit. Sie warnte davor, dass Dauerimpfen die Immunreaktion beeinträchtigen kann.

"Das Immunsystem reift und braucht Zeit", erklärte Immunologin Christine Falk von der Medizinischen Hochschule Hannover im Interview mit dem "Spiegel". B- und T-Zellen bildeten etwa nach und nach ein immunologisches Gedächtnis aus. Sie könnten Krankheitserreger dann langfristig erkennen und unschädlich machen. "Grätscht man in diesen Prozess zu oft und zu früh rein, kann er gestört werden", sagte Falk.

Für die Viertimpfung gibt die Expertin allerdings Entwarnung: "Man müsste schon einige Male hintereinander im Abstand von nur wenigen Monaten boostern, bis eine Erschöpfung einsetzt." Mit einer vierten Dosis mache man nicht viel falsch, so die Immunologin. Aber: "Sie erzielt auch keine große Wirkung." Für Hochaltrige oder Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem könne sie eventuell sinnvoll sein. Falk bezweifelt aber, dass die Allgemeinbevölkerung wesentlich davon profitieren würde.

Dass das Boostern langfristig kein Erfolgsmodell sei, sagt inzwischen auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Wiederholte Auffrischungen des ursprünglichen Impfstoffes seien weder angemessen noch nachhaltig. Auf lange Sicht, so die Einschätzung der Organisation, helfe nur die Entwicklung neuer, leistungsfähigerer Vakzine. An solchen wird bereits weltweit geforscht.

Lange Immunität durch Kontakt mit Virus

Eine langanhaltende Immunität kann man laut Charité-Virologe Christian Drosten aber auch abseits von angepassten Impfstoffen oder Viert- und Fünftimpfungen erreichen. "Die ideale Immunisierung ist, dass man eine vollständige Impfimmunisierung hat mit drei Dosen und auf dem Boden dieser Immunisierung sich dann erstmalig und auch zweit- und drittmalig mit dem Virus infiziert und dass man dadurch eine Schleimhautimmunität entwickelt, ohne schwere Verläufe in Kauf nehmen zu müssen", sagte Drosten im NDR-Podcast. Wer das durchgemacht hat, sei wahrscheinlich über Jahre immun und werde sich nicht wieder reinfizieren. Dabei bestimme die Intensität der Infektion mit, wie anhaltend der Immunschutz sei.

In den Schleimhäuten existiert ein eigenes Immunsystem mit einer speziellen Form von Antikörpern, erklärte Molekularbiologe Emanuel Wyler der "Zeit". Die mRNA-Vakzine können die Produktion solcher Antikörper vorübergehend anregen - irgendwann seien sie aber abgebaut. Mit der Zeit, so Wyler, reiche die Antikörpermenge in den Schleimhäuten nicht mehr aus, um das Coronavirus abzuwehren. Man infiziert sich. Die sogenannten T-Zellen verhindern dann in den allermeisten Fällen eine schwere Erkrankung.

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Eine natürliche Infektion auf Basis einer vollständigen Impfung regt die Schleimhautimmunität Drosten zufolge deutlich besser an. Die Omikron-Variante und ihre schnelle Ausbreitung können dabei wie eine Art natürlicher Booster wirken. "Wir werden alle irgendwann Kontakt haben mit dem Virus", sagte Virologe Hendrik Streeck ntv.de. "Wir müssen jetzt nicht glauben, dass wir einen Status immer wieder neu auffrischen müssen. Das macht die Natur von alleine." Das Wichtigste sei dabei, geimpft zu sein.

Perspektivisch werde aus der Corona-Pandemie eine Endemie, sind sowohl Streeck als auch Drosten überzeugt. Die Notwendigkeit des Nachimpfens werde immer geringer. "Weitere Impfungen sind dann nicht mehr für alle Menschen nötig", so Streeck, für die vulnerablen Gruppen seien sie aber weiter empfehlenswert - wie bei der Grippe auch.

Quelle: ntv.de

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