Panorama

Die USA locken Unentschlossene Diese Impfanreize wirken wirklich

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Auch mobile, schnell erreichbare Impfstationen können helfen. ...

(Foto: REUTERS)

Die US-Impfkampagne hat in den letzten Wochen spürbar an Fahrt verloren. Damit sich trotzdem möglichst viele Menschen für die wichtige Corona-Impfung entscheiden, überbieten sich Bürgermeister, Gouverneure und Unternehmen seitdem mit Anreizen. Nicht alle sind eine gute Idee.

Eines kann man dem New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio nicht vorwerfen: Dass er nicht alles versucht, um die Menschen in seiner Stadt von einer Corona-Impfung zu überzeugen. Mit ein paar Pommes im Mund wollte er Mitte Mai Unentschlossenen eine Vakzin-Dosis schmackhaft machen. "Und dann gibt es auch noch ein Burger-Element dazu?", fragt er schmatzend und irgendwie unbeholfen. "Und das geht auch als Frühstück? Wenn Sie das ansprechend finden, denken Sie doch einfach daran, wenn Sie an die Impfung denken."

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... Deshalb setzt New Yorks Bürgermeister de Blasio nicht nur auf Pommes, sondern auch Busse.

(Foto: imago images/Pacific Press Agency)

Bringt das was? Nora Szech forscht am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) zu den Themen Markt und Moral. Seit klar ist, dass die Corona-Pandemie nur mit Impfungen beendet werden kann, beschäftigt sie sich auch mit der Frage, welche Mittel und Anreize gegen Impfskepsis helfen. Ein kleines Geschenk wie eine kostenlose Tüte Pommes findet sie gar nicht verkehrt. "Das fühlt sich vielleicht besser an, als wenn er mir zwei Euro in die Hand drückt", kommentiert sie im ntv-Podcast "Wieder was gelernt" den kurzen Videoclip des schmatzenden New Yorker Bürgermeisters.

Das Pommes-Angebot ist eines von vielen, das die USA aktuell ausprobieren, um ihre Impfkampagne sicher ins Ziel zu bringen. Der Big Apple lockt seine Bürger außerdem mit einem kostenlosen Besuch im Naturkundemuseum. In anderen Landesteilen erhalten Impflinge Donuts, Bier oder auch Whiskey. Da, wo Marihuana legal ist, gibt es manchmal auch einen Joint. Denn die amerikanische Impfkampagne ist mit viel Tempo gestartet, zuletzt hat sie aber spürbar an Fahrt verloren.

Krankenhäuser greifen tief in die Tasche

Mitte April haben die USA im Schnitt 3,38 Millionen Impfdosen täglich verabreicht, aktuell sind es nur noch 1,75 Millionen. Herdenimmunität ist aber noch nicht erreicht. Nur knapp die Hälfte der US-Bevölkerung hat mindestens eine Impfdosis erhalten. Das sind nur noch zehn Prozent mehr als in Deutschland, obwohl die Impfkampagne hierzulande deutlich mehr Anlaufschwierigkeiten hatte.

Die USA sind durch Kulturkämpfe, Misstrauen gegenüber dem Gesundheitssystem und Medizin-Skepsis in eine Impfwand gerannt. Viele Menschen sind gegen die Corona-Impfung oder zumindest unentschlossen. "Auch im wichtigen Gesundheitsbereich gibt es einige, die der Meinung sind, dass Krankheiten ein Teil des Lebens sind", erklärt Nora Szech ihre Forschungsergebnisse. Deshalb würden besonders Krankenhäuser in den USA tief in die Tasche greifen, um auf wirklich hohe Impfquoten zu kommen.

In den öffentlichen Kliniken von New York haben sich am Anfang der Impfkampagne etwa ein Drittel der Beschäftigten gegen eine Impfung ausgesprochen. Einige Krankenhäuser haben sie daraufhin zur Pflicht erklärt, andere haben sich für Anreize entschieden: Oft erhält das Personal einen Bonus von bis zu 500 Dollar, wenn es sich impfen lässt. In einigen Fällen sind es sogar 750 Dollar.

Gar nichts ist besser als wenig

Angeführt vom Gesundheitssektor ziehen andere Unternehmen inzwischen nach. Mitarbeiter von Amazon bekommen 100 Dollar, wenn sie nachweisen, dass sie geimpft wurden. Angestellte der Fluggesellschaft American Airlines erhalten 50 Dollar und einen zusätzlichen Urlaubstag. Aldi und der bekannte Einzelhändler Target bieten ihren Beschäftigten bis zu vier Stundenlöhne als Belohnung an und beteiligen sich teilweise auch an der Taxifahrt zum Impftermin - wenn sie hin und zurück nicht mehr als 30 Dollar kostet.

Das hält Nora Szech nicht für sinnvoll. "Das kann der Arbeitgeber gut meinen, aber damit tut er sich keinen großen Gefallen", sagt die Ökonomin. "Das sehen wir in unseren Daten: Wenn sehr wenig gezahlt wird, etwa 20 Euro, das ist keine gute Idee. Dann ist die Impfbereitschaft sogar niedriger, als wenn gar nichts gezahlt wird."

Über kleine Aufmerksamkeiten wie Blumen freut sich jeder. Eine finanzielle Kompensation dagegen muss angemessen ausfallen, sonst wirkt sie respektlos.

Wertpapier als Belohnung

Jim Justice, der Gouverneur von West Virginia, scheint das erkannt zu haben. Ende April kündigte er an, dass alle 16- bis 35-jährigen Bürger seines Bundesstaates eine Anleihe im Wert von 100 US-Dollar erhalten, wenn sie sich impfen lassen. Das sind umgerechnet knapp 83 Euro - mit der Aussicht, dass es in Zukunft mehr wird.

"Wieder was gelernt"-Podcast

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Ein sinnvolles, aber auch teures Unterfangen. Denn wenn alle 380.000 jungen Amerikaner in West Virginia mitmachen, zahlt der Bundesstaat am Ende 38 Millionen Dollar. Dafür sind dann aber nach den Plänen von Gouverneur Justice auch 70 Prozent der Bevölkerung geimpft.

Nicht ganz so hoch wird die Rechnung im benachbarten Ohio ausfallen, trotzdem erregt der Plan von Gouverneur Mike DeWine noch etwas mehr Aufmerksamkeit als der seines Amtskollegen. DeWine verlost fünf Millionen Dollar an fünf geimpfte Erwachsene. Eine Million für jeden. Die erste Gewinnerin heißt Abbigail Bugenske.

Offizielle Studien, ob solche Lockangebote funktionieren, gibt es noch nicht. Bisher habe man eher untersucht, welche grundsätzlich sinnvoll sind - unabhängig von Impfung und Pandemie, sagt Ökonomin Szech.

Impflotterie scheint zu wirken

Aber die Impflotterie scheint anzukommen: In der ersten Mai-Woche haben sich in Ohio 73.000 Menschen impfen lassen. In der Woche darauf, nachdem Gouverneur DeWine den Millionengewinn ausgelobt hatte, wurden 113.000 Dosen verabreicht - ein Anstieg von 53 Prozent, und zwar vergleichsweise günstig: Im "Buckeye State" leben etwa 11,5 Millionen Menschen. Davon sind 4,6 Millionen oder 39 Prozent bereits vollständig geimpft. Kommt durch die Lotterie als Anreiz nur eine weitere Million dazu, hat der Staat für diesen Zuwachs pro Impfling nur 5 Dollar bezahlt.

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Aber durch solche Anreize entsteht womöglich ein neues Problem: Menschen, die bewusst warten, um am Ende eine möglichst große Belohnung zu bekommen. Wer will schon eine Tüte Pommes, wenn man auch 750 Dollar oder sogar eine Million haben kann?

Nora Szech plädiert deshalb dafür, alle, die geimpft sind, auch rückwirkend zu kompensieren. "Dann kommt es gar nicht erst zu seltsamen Effekten, dass jemand strategisch mit seiner Impfung wartet", sagt sie im Podcast. "Das fände ich auch fair, weil diejenigen, die bereits geimpft sind, schon die ganze Zeit zum Gemeinwohl beitragen. Warum sollen die dann leer ausgehen?"

Gouverneur Justice macht genau das. In West Virginia erhalten wirklich alle jungen geimpften Menschen eine Wertpapier-Anleihe. Ganz egal, wann sie dran waren. So klappt es trotz Kulturkämpfen und Bedenken vielleicht auch mit dem Plan von US-Präsident Joe Biden, dass bis zum 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag, mindestens 70 Prozent der erwachsenen Amerikaner mindestens eine Impfdosis erhalten haben. Das wären acht Prozent mehr als bisher.

Quelle: ntv.de

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