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Geo-Engineering "Alle Optionen offenhalten"

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(Foto: REUTERS)

Der Klimaforscher Martin Visbeck beschäftigt sich mit Geo-Engineering, der Manipulation des Klimas durch Großtechnologie. Er ist skeptisch, aber: "Es könnte passieren, dass die nächste Generation in 30, 40 Jahren froh ist, wenn sie Alternativen in der Hand hat."

n-tv.de: In welchem Rahmen beschäftigen Sie sich mit Geo-Engineering?

Martin Visbeck: Wir prüfen die vorliegenden Vorschläge zum Geo- oder Climate-Engineering in ihrer Ganzheitlichkeit. Es gibt ja verschiedene Ideen, wie man aktiv das Klima auf globaler Skala beeinflussen könnte. Da schauen wir zunächst, ob ein Vorschlag überhaupt machbar wäre. Dazu benutzen wir zum Teil dieselben Klimamodelle, die man auch für die Klimawandelabschätzung nutzt. Zweitens gucken wir uns an, ob ein Vorschlag ökonomisch sinnvoll und rechtlich vorstellbar ist. Denn natürlich würde es Risiken geben, wenn man aktiv ins Klima eingreift.

Aber wir greifen ja schon heute global ins Klima ein.

Nur dass der jetzige Klimawandel nicht zustande kommt, weil wir das Klima ändern wollen. Der jetzige Klimawandel ist nicht bewusst herbeigeführt, sondern eine nicht intendierte Konsequenz unserer Energiepolitik. Das ist beim Climate-Engineering ganz anders, hier will man aktiv und bewusst eingreifen, um etwas zu verändern.

Welche Arten von Geo-Engineering gibt es denn?

Da gibt es zwei Kategorien. Das eine ist, die solare Einstrahlung zu moderieren: etwa durch Schwefelpartikel in der Stratosphäre, durch große Spiegel im Weltraum oder auch durch großflächige Wiederaufforstung, indem man Dächer weiß anmalt oder mehr Wolken erzeugt, "cloud seeding" nennt man das.

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"Cloud seeding" im Westen von Kansas. In den USA wird die Technik angewandt, um Regen in trockene Gegenden zu holen und Hagel abzumildern.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Wie funktioniert das?

Dabei bringt man Partikel aus dem Meer in die unteren Atmosphärenschichten ein, die dann mehr Wolkenbedeckung erzeugen. Die Chinesen machen das jetzt schon an Land, um Regen da regnen zu lassen, wo es zu trocken ist, oder da nicht regnen zu lassen, wo eine Großveranstaltung stattfindet. Das funktioniert nicht so sehr gut, aber ein bisschen geht es schon.

Und die zweite Kategorie der Maßnahmen?

Den anderen Bereich nennt man CDR, carbon dioxide removal. Dabei versucht man, Prozesse zu beschleunigen, die CO2 aus der Atmosphäre rausnehmen, um es dann an Land oder im Meer zu speichern.

Zum Beispiel durch Düngung der Ozeane?

Zum Beispiel.

Anfang 2009 waren deutsche Wissenschaftler mit dem Forschungsschiff "Polarstern" im Südatlantik unterwegs, um dort sechs Tonnen Eisensulfat ins Meer zu kippen. War der Versuch mit Blick auf Geo-Engineering ein Erfolg?

Das war nicht der Schwerpunkt. Dieses Experiment war interessant, weil es gezeigt hat, wie kompliziert die Meeresorganismen auf Eingriffe wie Eisendüngung reagieren. Das war, glaube ich, das sechste oder siebte Experiment dieser Art, und bei diesem speziellen Experiment wurde sehr wenig CO2 aus den oberen Schichten exportiert. Das Eisen hat zwar eine Menge Wachstum erzeugt, war aber sehr ineffektiv, weil da eine bestimmte Art von Krebsen gewachsen ist, die nicht schnell stirbt und damit das CO2 nicht schnell zum Meeresboden bringt. Von daher hat man dabei wieder nur gesehen, wie schwer Vorhersagen über Wirkungen im Bereich der Biologie sind.

Was halten Sie von Sonnensegeln im Weltall? Das klingt extrem nach Science Fiction.

Von der wissenschaftlichen Seite ist es völlig in Ordnung, sich zu überlegen, was man noch so machen kann. Finde ich auch prima. Eine andere Frage ist, ob man das umsetzen möchte und welche Kosten dahinterstehen. Und die sind wahrscheinlich so exorbitant hoch, dass man sagen muss, da sollten wir doch die besser verstandenen Optionen für den Klimaschutz betreiben.

Wie ist das mit den Schwefel-Partikeln?

Da muss man fragen: Was ist der rechtliche Rahmen? Können wir als Deutschland einfach Flugzeuge starten, um Schwefel in die Stratosphäre einzubringen? Was, wenn wir damit den Niederschlag in Indien verändern und dann dort eine Dürrekatastrophe ausbricht? Würden die Inder dann nicht sagen: "Wenn ihr weitermacht, dann starten wir unsere Atomraketen "?

Planen Sie selbst Großversuche zu Geo-Engineering?

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Prof. Dr. Martin Visbeck ist stellvertretender Direktor des Kieler Leibniz-Instituts für MeereswissenschaftenIFM-GEOMAR.

Nein. Unser Ziel ist es, ein besseres Grundwissen zu haben. Wir wollen der Politik eine Grundlage geben, um zu entscheiden, ob Climate-Engineering eine gute oder eine schlechte Idee ist. Wir haben zunächst einmal einen Verbund gegründet und einen Antrag auf Förderung gestellt. Wenn wir Experimente machen würden, dann kleinskalig und prozessverständnissorientiert. In diesem Verbund haben wir das eher nicht vor, wir halten es aber offen: Wenn man zu einem positiven Ergebnis kommen sollte, dann müsste man sich auch darüber unterhalten, ob man Pilotversuche machen könnte. Ich halte das aber eher für unwahrscheinlich. Das ist auch in Europa bei keinem Land auf der Agenda.

Die Bundesregierung sagt nicht, juhu, Geo-Engineering, das wird uns retten?

Nein, überhaupt nicht. Die versuchen erst einmal, herauszufinden, was hinter Geo-Engineering steckt. Der Ansatz in Deutschland ist nach wie vor, dass es wahrscheinlich nicht so sinnvoll ist, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Dennoch ist es so, dass wir nicht ausschließen können, dass die Welt an einen Punkt kommt, an dem solche Optionen möglicherweise doch gezogen werden müssen.

Wann könnte das sein?

Zum Beispiel wenn das Klima deutlich sensitiver ist, als wir das annehmen. Die Klimaforschung sagt, dass die schlimmsten Prognosen nicht sehr wahrscheinlich sind, aber völlig ausgeschlossen sind sie auch nicht. Es könnte passieren, dass die nächste Generation in 30, 40 Jahren froh ist, wenn sie Alternativen in der Hand hat. Was noch lange nicht heißt, dass man sie dann auch einsetzt. Ich glaube, an der Stelle sind die Ministerien: Wir müssen uns alle Optionen offenhalten, und zumindest müssen wir verstehen, worum es geht. Das ist jedenfalls unser Ansatz.

Fürchten Sie nicht, dass Geo-Engineering als Ausrede benutzt wird, um beim Klimaschutz noch weniger zu tun als bisher?

Das ist der Grund, warum wir das machen. Von Leuten, die das nicht richtig verstehen, kann Climate-Engineering tatsächlich als leicht verfügbare Alternative angesehen werden. Ich würde sagen, das klappt eher nicht. Aber bislang haben wir alle nur Vermutungen. Unser Job ist es, Fakten zu finden und die Kosten und den Nutzen gegeneinander zu rechnen.

Aber besteht nicht auch bei seriöser Forschung zu Geo-Engineering die Gefahr, dass die Politik dann auch mal ausprobieren will, wofür sie bezahlt hat?

Ich glaube nicht, dass es seriöse Staaten gibt, die das machen wollen. Die Bundesregierung würde ich da absolut in Schutz nehmen, solche Gedanken gibt es hier gar nicht.

Mit Martin Visbeck sprach Hubertus Volmer

 

Quelle: n-tv.de

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