Politik
Es dauert Monate, einen Dampferzeuger zu zerlegen.
Es dauert Monate, einen Dampferzeuger zu zerlegen.(Foto: J. Müter / n-tv.de)
Mittwoch, 16. März 2011

Wie ein AKW zerlegt wird: Alles per Hand

von Jochen Müter und Hubertus Volmer

Kernkraftwerke galten einst als Höhepunkt der Ingenieurskunst: der Mensch als Herr über die Teilchen. Doch irgendwann endet die Lebenszeit jedes Meilers. Zerlegt werden Kernkraftwerke in einfacher Handarbeit. Das ist aufwändig und teuer, wie ein Besuch im stillgelegten AKW Lubmin zeigt.

Besonders staubig ist es nicht, doch es riecht nach Werkstatt, nach Öl, nach Metall. Die Arbeiter tragen Helme, zum Teil Stöpsel in den Ohren. Eine riesige Bandsäge, die sich langsam durch einen alten Dampferzeuger arbeitet, füllt die Halle mit Dauerkrach. Ein Relikt wird hier zerlegt, ein Fossil der 1960er und 70er Jahre, hier, in der ZAW, der Zentralen Aktiven Werkstatt des einstigen Kernkraftwerks Lubmin an der vorpommerschen Ostseeküste. "Aktiv" meint dabei nicht die Arbeiter, sondern die Bauteile, die sie zerkleinern und dekontaminieren.

Mit einem 2000 Bar starken Wasserstrahler werden kontaminierte Bauteile gereinigt.
Mit einem 2000 Bar starken Wasserstrahler werden kontaminierte Bauteile gereinigt.(Foto: J. Müter / n-tv.de)

Trotz der Maschinen ist es vor allem Knochenarbeit. Jedes Teil, das die ZAW verlässt, muss in eine der Stapelkisten passen, die überall in der Werkstatt herumstehen. Die Kisten wiederum dürfen nur 500 Kilo wiegen - "so übern Daumen", brummt ein Arbeiter. So viele Turbinen, Rohre, Leitungen und Schrauben wie möglich werden von oberflächlicher Strahlung befreit, denn "Endlagerkosten sind hoch", erklärt Pressesprecherin Marlies Philipp. 1,8 Millionen Tonnen, sagt sie, wiege das gesamte Material einschließlich der Gebäude des alten Kraftwerks. Ein Drittel davon, etwa 600.000 Tonnen, sei radioaktiv belastet, 10.000 Tonnen so stark, dass das Material in einem Endlager entsorgt werden muss. "Alles andere kann gereinigt werden, oder es kommt ins Zwischenlager und klingt dort ab." Philipp arbeitet für die Energiewerke Nord (EWN). Das Unternehmen ist darauf spezialisiert, stillgelegte Kernkraftwerke abzubauen - zu "konditionieren", wie sie sagt.

Dekontaminiert wird chemisch oder mechanisch. In der chemischen Dekontamination stehen drei Wannen, zwei mit Phosphorsäure, eine mit Oxalsäure, für die elektrolytische Säuberung. In diesen Becken wird die Oberfläche der AKW-Reste abgelöst, ein Kran hebt sie hinein. Viel härter dagegen ist die Arbeit bei der mechanischen Dekontamination. In der Trockenstrahlanlage schießt ein Arbeiter mit Stahlkies. Durch ein kleines Fenster kann man ihn beobachten, in seinem Schutzanzug sieht er aus wie ein Stahlkocher. Die dicken Scheiben einer weiteren Kammer sind beschlagen. Mit 2000 Bar beschießt ein junger Mann ein Stück Altmetall mit Wasser. Auf die Frage, ob ihm das Spaß macht, nickt er und grinst breit. Die Frage, ob er sich Sorgen um seine Gesundheit macht, geht vielleicht im Lärm unter. Jedenfalls beantwortet er sie nicht. Das, was er mit seinem Hochdruckreiniger entfernt, landet als grau-braune Schlacke in gelben Fässern. "Es dauert ein bis zwei Wochen, bis so ein Fass voll ist", sagt Philipp. Und warnt: "Da gehen Sie jetzt besser nicht zu nah ran."

"Da gehen Sie jetzt besser nicht zu nah ran": kontaminierte Schlacke in der ZAW.
"Da gehen Sie jetzt besser nicht zu nah ran": kontaminierte Schlacke in der ZAW.(Foto: J. Müter / n-tv.de)

Vor der Wende wurde in der ZAW repariert und gewartet. Die meisten Arbeiter in der Halle stammen aus dieser Zeit. Auf die Frage, ob es nicht ein seltsames Gefühl ist, täglich mit radioaktiven Stoffen zu tun zu haben, winkt einer von ihnen ab. Komisch war es nur am Anfang, als sie das Gefühl hatten, ihren alten Arbeitsplatz zu beseitigen. Heute ist es ganz normale Arbeit. "Es ist machbar. Wenn Arbeitsschutz und Strahlenschutz eingehalten werden, gibt es keine Probleme", sagt die Pressesprecherin. Zudem würden die Kollegen regelmäßig ärztlich untersucht.

Alle Teile, die die ZAW verlassen, kommen zunächst in die Freimessanlage. Dort wird geprüft, ob sie frei von Radioaktivität sind. Ist das der Fall, wandern die Metallteile zum ganz normalen Schrotthändler, der Rest zum Bauschutt. "Stahl ist zu wertvoll für die Deponie", sagt Philipp. Daher werden sogar alte Kabel in einer Schälmaschine aufgetrennt.

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Das Zwischenlager Nord.
Das Zwischenlager Nord.(Foto: J. Müter / n-tv.de)

Im Zwischenlager nebenan sieht es aus wie auf einem Hochseefrachter. Auf einer Länge von 200 Metern und einer Breite von 140 Metern stapeln sich blaue und grüne Stahlcontainer. Die Ruhe wird nur gelegentlich unterbrochen. Von Durchsagen, wie man sie auch in Kaufhäusern hört. Verstehen kann man sie kaum. Neben dem Müll aus der ZAW liegen hier vor allem "aktivierte Anlagenteile", die nicht dekontaminiert werden können, weil sie durch die Nähe zum Reaktorkern selbst zur Strahlungsquelle geworden sind: Reaktor-Druckgefäße aus den Blöcken 1 bis 4 des alten Kernkraftwerks in Lubmin, auch Dampferzeuger aus dem 2005 abgeschalteten Atomkraftwerk Obrigheim in Baden-Württemberg. Die Luft ist deutlich frischer als in der Werkstatt, dafür ist die Strahlung stärker, wie der Dosimeter später verrät, den jeder Besucher und jeder Mitarbeiter tragen muss.

Das Zwischenlager wurde Mitte der 90er Jahre errichtet, um Brennelemente und Bauteile aus Lubmin aufzunehmen und aus Rheinsberg, dem zweiten Kernkraftwerk der DDR. Die "Kassetten", wie Brennelemente in der DDR hießen, lagern in Halle 8, insgesamt 5048 Stück. Während die schwach- und mittelradioaktiven Stoffe in den Hallen 1 bis 7 unter die Strahlenschutzverordnung des Landes Mecklenburg-Vorpommern fallen, gilt für hochradioaktive Stoffe das Atomgesetz des Bundes. Die Trennung ist auch baulich vollzogen: Die Hallen 1 bis 7 sind verbunden, Halle 8 ist dicht. Das große Tor wird nur dann geöffnet, wenn neue Castoren ankommen.

Viel Platz ist nicht mehr, denn eigentlich ist Lubmin ja nur ein Zwischenlager. Das Schlüsselwort lautet "eigentlich", denn 50 Jahre, nachdem das erste deutsche Kernkraftwerk ans Netz ging, hat die Bundesrepublik noch immer kein Endlager. Daher wird auch Müll aus Westdeutschland angeliefert, zuletzt fünf Castoren mit "Atomsuppe" aus der früheren Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe. Derzeit hat das Zwischenlager Nord eine Genehmigung bis 2039 für hochradioaktiven Abfall. Für schwach- und mittelradioaktiven Abfall gibt es keine Befristung. Dennoch könnte der Müll aus den Hallen 1 bis 7 das Zwischenlager zuerst verlassen, denn in ein paar Jahren dürfte es ein Endlager für radioaktiven Abfall mit geringer Wärmeentwicklung geben: den Schacht Konrad. Das alte Eisenerz-Bergwerk in Salzgitter hat bereits eine Genehmigung.

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Eine kleine Anti-Atom-Szene organisiert in Greifswald den Protest gegen die Castor-Transporte nach Lubmin.
Eine kleine Anti-Atom-Szene organisiert in Greifswald den Protest gegen die Castor-Transporte nach Lubmin.(Foto: picture alliance / dpa)

In einem Café in der Altstadt von Greifswald nippt Rosmarie Poldrack an ihrem Alsterwasser. "Wir betreiben eine Technologie, von der wir wissen, dass sie ein Pulverfass ist", sagt sie. "Dieser Müll muss über Jahrzehnte, teilweise Jahrhunderte und Jahrtausende sicher gelagert werden. Diese Garantie kann niemand geben."

Poldrack gehörte schon Anfang 1989 zu einer Handvoll Ärzten, die sich in Greifswald zu einer Anti-Atom-Gruppe zusammenfanden. Bis dahin sei das AKW im nahen Lubmin "ein völliges Tabu-Thema" gewesen. Ein paar Monate später war sie eine der ersten in der Stadt beim Neuen Forum. Frauen und Männer wie sie waren es, die die Abschaltung der ostdeutschen Kernkraftwerke durchsetzten. Ihre Genugtuung hält sich jedoch in Grenzen. Dass am Standort Lubmin ein Zwischenlager entstand, hätten die Umweltgruppen damals noch akzeptieren können. "Wir haben immer gesagt, der Müll, der bei uns entstanden ist, der soll hier bleiben. Aber dieses Prinzip soll bitte auch dort gelten, wo jetzt noch Müll produziert wird."

Längst stehen im Zwischenlager von Lubmin nicht nur Dampferzeuger aus Obrigheim, sondern weiterer Müll aus westdeutschen Anlagen. EWN-Mitarbeiterin Philipp sieht die paar Castoren zusätzlich nicht als Problem. Sie seien durch die Genehmigung für das Zwischenlager gedeckt, betont sie. 80 Castoren kann das Zwischenlager aufnehmen, nach dem jüngsten Transport im Februar sind fast alle Plätze belegt. Allerdings wurde großzügig gebaut - 40 weitere Stellplätze sind vorhanden, die nur noch nicht ans Sicherheitssystem angeschlossen wurden.

Ein Reaktorkern aus dem alten AKW in Lubmin.
Ein Reaktorkern aus dem alten AKW in Lubmin.(Foto: J. Müter / n-tv.de)

"Bei Atomfragen zieht man sich immer auf eine reine Gesetzmäßigkeit zurück", meint Poldrack. "Der Betreiber hat ein Recht, etwas zu betreiben, weil er eine Genehmigung hat. Wenn er nachgewiesen hat, dass er zuverlässig ist, kann er beliebig Erweiterungen beantragen und muss sie bekommen. So geht das immer weiter. Aber es gibt eben auch eine moralische Seite."

Doch erst kommt die Arbeit, dann die Moral. Der EWN-Vorläufer, das Kombinat Kernkraftwerke "Bruno Leuschner", hatte 1989 mehr als 5000 Mitarbeiter, weitere 10.000 waren auf der Baustelle der Blöcke 6 bis 8 in Lubmin beschäftigt. Diese Blöcke gingen nie in Betrieb. Die Bauarbeiter waren die ersten, die gehen mussten. "Kurz nach der Wende war es eigentlich ganz schön doof", sagt Philipp. Die Treuhand blieb auf dem Kernkraftwerk sitzen - zu aufwändig wäre die Anpassung an die bundesdeutschen Vorschriften gewesen, zu gering war der Strombedarf. Die Energiewerke Nord gehören heute dem Bundesfinanzministerium.

Inzwischen arbeiten in Lubmin noch 860 Kollegen. In zwei Jahren dürfte das letzte Bauteil aus den beiden Kernkraftwerken der DDR zersägt, dekontaminiert und eingelagert sein. Ginge es nach Poldrack, wäre dann Schluss.

Daraus dürfte nichts werden. "Wir wollen hier in Zukunft auch Geld verdienen", sagt Philipp, und die Betonung liegt auf "hier". Das Unternehmen widmet sich dem Rückbau von kerntechnischen Anlagen nicht nur in Lubmin, sondern auch am stillgelegten Versuchsreaktor Jülich, an der alten Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe sowie in Russland bei der Entsorgung von atomgetriebenen U-Booten. "Man kann ja mit Atommüll auch Geld verdienen …", sagt Poldrack. Sie hat Angst, dass Lubmin zur Zersäge-Stätte für alle möglichen Atomkraftwerke wird. Es ist ein Geschäftsmodell mit Zukunft. In Deutschland laufen noch immer 17 Kernkraftwerke. Ihre Abschaltung ist allein eine Frage der Zeit.

Handarbeit: Ein Arbeiter zerlegt alte Absperrgitter.
Handarbeit: Ein Arbeiter zerlegt alte Absperrgitter.(Foto: J. Müter / n-tv.de)

Die Rechnung trägt der Stromkunde über die Rückstellungen der Betreiber schon heute. Sollte das nicht reichen, springt in der Regel der Staat ein - also der Steuerzahler. Die Erlöse aus dem Altmetall-Handel fallen kaum ins Gewicht. Der Rückbau eines Kernkraftwerks verschlingt Unsummen. Derzeit gehen die EWN von 3,2 Milliarden Euro bis 2013 aus. Die Zwischenlagerung, bis der Schacht Konrad öffnet, dürfte noch einmal mehrere hundert Millionen kosten. Legt man nur die 3,2 Milliarden Euro zugrunde, kommt man allein für die 17 noch laufenden Kernkraftwerke auf Rückbaukosten in Höhe von 55 Milliarden Euro. Das aber bleibt eine Milchmädchenrechnung, zu unterschiedlich sind die Kernkraftwerke, zu wenig vorhersehbar die Probleme, die beim Abbau vor Ort auftreten.

In der Zentralen Aktiven Werkstatt hat die Säge mittlerweile ein großes Stück vom Dampferzeuger abgeschnitten. Das Teil wird mit einem Kran in eine der Kisten verladen, gewogen und zur Dekontamination bereit gestellt. Dann wird die Säge erneut angesetzt. Auf die Frage, ob sie nicht befürchten, in zwei Jahren ohne Job dazustehen, haben die Arbeiter nur ein müdes Lächeln übrig.

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Quelle: n-tv.de