Politik

Der Giftcocktail aus dem Chemielabor Assads Arsenal des Tötens

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Verwüstung in Aleppo durch konventionelle Waffen.

(Foto: REUTERS)

Mehr und mehr wächst die Besorgnis: Setzt Syriens Herrscher Assad Chemiewaffen gegen Aufständische ein? Und wie groß ist sein Arsenal an Giftstoffen? US-Experten gehen von "hunderten Tonnen" aus – genug, um ganze Landstriche zu vergiften.

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Die Wahrheit ist bekanntlich eines der ersten Opfer im Krieg - diese US-Karte sollte die Bedrohung durch irakische Chemiewaffen zeigen.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Es war eine der größten Blamagen der US-Regierung unter Georg W. Bush. Am 5. Februar 2002 zeigte der damalige Außenminister Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat eine eindrucksvolle Powerpoint-Präsentation. Es war die Rede von mobilen Labors zur Herstellung von Biowaffen, von bis zu 500 Tonnen Chemiewaffen, über die der Irak verfügte. Saddam Husseins angebliches Giftwaffenarsenal so llte zu einem Argument für den US-Einmarsch im Irak werden – tatsächlich wurden die Massenvernichtungswaffen nie gefunden, die vermeintlichen Beweise Powells entpuppten sich als Ammenmärchen.

Kein Wunder, dass Chemiewaffen im Nahen Osten daher für die USA ein heikles Thema sind. Dennoch kommt US-Präsident Barack Obama im Syrien-Konflikt kaum mehr darum herum. "Physiologische Proben" deuteten darauf hin, dass in Syrien möglicherweise das Nervengas Sarin eingesetzt worden sei, sagte vor wenigen Tagen die Sprecherin des Nationalen US-Sicherheitsrates, Caitlin Hayden. Das britische Außenministerium spricht gar von "begrenzten, aber überzeugenden" Belegen für die Nutzung von Chemiewaffen in Syrien.

Ist dies tatsächlich so – oder haben sich die USA und Großbritannien wieder verrannt? Und wenn es tatsächlich einen Giftgas-Einsatz gab: Steckt der syrische Herrscher Baschar al-Assad dahinter oder sind es die Rebellen, die die internationale Gemeinschaft zum Handeln zwingen wollen? Wegen der Kämpfe und der chaotischen Lage in Syrien ist der Einsatz von Chemiewaffen zurzeit noch schwer zu klären, zumal Assad keine unabhängigen Experten ins Land lässt. So viel allerdings ist klar: Syrien unterzeichnete nie die internationale Chemiewaffenkonvention und im Sommer vergangenen Jahres räumte das syrische Außenministerium erstmals ein, Chemiewaffen zu besitzen. Diese werde man allerdings nur im Falle eines ausländischen Angriffs einsetzen.

Ist Syrien eine "Chemiewaffen-Supermacht"?

Wie groß das syrische Arsenal an verbotenen Giftwaffen ist, liegt allerdings bislang im Bereich des Spekulativen. Laut einem Fachmann vom Monterey Institute for International Studies verfügt Syrien über "hunderte Tonnen" an Chemiewaffen. Der Rüstungsfachmann David Friedman vom Tel Aviver Institzut für nationale Sicherheitsstudien (INSS) meint, dass Syrien das größte Chemiewaffenarsenal in der Region besitzt, die israelische Regierung nennt Assads Regime eine "Chemiewaffen-Supermacht". Auch der französische Chemiewaffenexperte Olivier Lepick glaubt, dass das syrische Programm hochentwickelt sei.

Doch über welche Waffen genau verfügt das Regime? Und welche Auswirkungen haben sie?

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Noch ist unklar: Setzte Assad Giftgas ein?

(Foto: REUTERS)

Sollte tatsächlich Sarin in Proben gefunden worden sein, verfügt Syriens Herrscher Baschar al-Assad damit über ein hochwirksames Gift. Schon kleinste Mengen von einem halben Miligramm wirken bei einem erwachsenen Menschen tödlich. Es kann über die Haut oder Atmung aufgenommen werden und dann zur vollständigen Lähmung führen. Da es weder riecht noch sichtbar ist, lassen sich Wasser und Nahrung damit leicht vergiften. Auch kann es als Gas eingesetzt werden, etwa durch die Explosion von entsprechend bestückter Munition.

Traurige Berühmtheit erlangte Sarin, das 1938 von einem deutschen Chemiker der IG-Farben als Insektenvernichtungsmittel entwickelt wurde, im Jahr 1995. Bei ihrem Angriff in der U-Bahn in Tokio nutzte die japanische Aum-Sekte das Gift: 13 Menschen kamen ums Leben, mehr als 6000 wurden verletzt.

Auch das Nervengas VX soll Syrien inzwischen produzieren, wie der Franzose Lepick meint. Das Nervengas VX ist eine farblose bis gelbliche Flüssigkeit, die über die Augen und die Atemwege in den Körper eindringt. Schon die geringsten Mengen führen zur Lähmung der Atemmuskulatur und zum Tod.

Ein weiteres tückisches Kampfmittel, das in Syrien im Umlauf sein könnte, ist Senfgas. Ein Franzose entwickelte es bereits im Jahr 1854, deutsche Truppen setzten es im Ersten Weltkrieg ein. Das Gas, das über die Haut eindringt, führt zu entstellenden Verletzungen und war lange Zeit eine der gefürchtetsten Waffen.

Fatale Folgen

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Bereits jetzt forderte der syrische Bürgerkrieg mehr als 70.000 Tote.

(Foto: REUTERS)

Wie fatal der Einsatz von Chemiewaffen wie Senfgas, Sarin und dem Nervengift VX ist, zeigte sich im Irak 1988. Damals bekämpfte Saddam Hussein mit einem Gift-Cocktail die Kurden in der Stadt Halabdscha. Bis zu 5000 Menschen starben, Tausende erlitten schwerste Verletzungen. Viele leiden bis heute unter Gesundheitsschäden wie Atemwegserkrankungen, Nervenlähmungen oder Lungenschäden.

Syrien selbst soll sein Chemiewaffenprogramm in den 1970 Jahren entwickelt haben, mit tatkräftiger Unterstützung der Sowjetunion und Ägyptens. 1991 setzte Russland offenbar die Kooperation fort. Laut einem Bericht des US-Experteninstitution CSIS hilft seit 2005 auch der Iran dem verbündeten Damaskus munter bei der Entwicklung von Chemiewaffen. Das Ziel war und ist offenbar: die Schlagkraft gegen Israel zu erhöhen.

Unter diesen Umständen ist es wenig erstaunlich, dass in Israel die Besorgnis wächst. Vor allem befürchtet die Regierung, syrische Chemiewaffen könnten in die Hände der von Assad unterstützten terroristischen Hisbollah-Miliz geraten. Diese agiert im Süden des Libanon und hat sich in der Vergangenheit immer wieder durch Angriffe auf Israelis hervorgetan.

Allen Grund zur Sorge haben aber auch die Rebellen in Syrien - wenn sie nicht selbst hinter einem möglichen Giftgas-Einsatz stecken. Kämpfer in den Bergen wollen gehört haben, dass bereits Gasmasken an die Regierungssoldaten verteilt worden seien. Sie selbst bereiten sich offenbar auf ihre Art auf einen möglichen Giftgasangriff vor: Mit abgeschnittenen Plastikflaschen, Holzkohle, Cola und ein Stück Gaze basteln sie sich eigene Gasmasken – ein ebenso fantasievoller wie dürftiger Schutz.

Quelle: n-tv.de, mit AFP

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