Politik

Vom "kranken Mann" zum aufstrebenden Land Atatürk und die moderne Türkei

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Keine nationalen Feierlichkeiten ohne Atatürk-Bild.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Vor 90 Jahren entsteht aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches ein neuer Staat - die Türkische Republik. Säkularismus und Laizismus sind in der Verfassung verankert. Verantwortlich dafür sind national gesinnte Militärs um Mustafa Kemal, später Atatürk genannt. Heute steht die Türkei vor einer Zerreißprobe.

Die Entstehung großer Reiche durchzieht die Menschheitsgeschichte. Ihre Bildung dauert teilweise mehrere Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte, dieser Prozess verläuft überwiegend gewaltsam. Danach zerfallen sie wieder in kleinere Einheiten. Das ist mit dem Reich des Makedoniers Alexander des Großen oder dem der alten Römer so. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, ein in sich inhomogenes Gebilde, bekommt nach einem lang andauernden Zerfallsprozess vom Franzosenkaiser Napoleon 1806 den endgültigen Todesstoß versetzt. Das sogenannte Tausendjährige Reich des Adolf Hitler existiert gerade einmal zwölf Jahre. 1991 scheitert die kommunistische Weltmacht Sowjetunion an ihren politischen und ökonomischen Unzulänglichkeiten und segnet das Zeitliche.

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Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938)

(Foto: AP)

Auch dem riesigen Osmanischen Reich bleibt dieses Schicksal nicht erspart. Nach langer Blütezeit wird es, inzwischen innerlich morsch geworden, im 19. Jahrhundert zum Spielball der europäischen Mächte. Der russische Zar Nikolaus I. spricht 1852 vom "kranken Mann am Bosporus" und will bereits zu dieser Zeit gemeinsam mit Großbritannien die "orientalische Frage lösen". Der preußische Generalfeldmarschall Helmuth Karl Bernhard von Moltke, von 1836 bis 1839 Instrukteur der türkischen Truppen im Osmanischen Reich, wird noch deutlicher: "Es ist lange die Aufgabe der abendländischen Heere gewesen, der osmanischen Macht Schranken zu setzen. Heute scheint es die Sorge der europäischen Politik zu sein, ihr das Dasein zu fristen." Das Siechtum des ehemals gewaltigen Reiches soll noch einige Jahrzehnte andauern.

Im Inneren brodelt es bereits. Die Bewegung der sogenannten Jungtürken drängt bereits seit den 1870er Jahren auf liberale Reformen. Sie arbeiten auf eine politische, militärische und ökonomische Modernisierung des Vielvölkergebildes hin. Nach mehreren Rückschlägen erreichen sie 1909 sogar die Absetzung des despotischen Sultans Abdülhamid II. Allerdings werden ihre Führer, genannt die "drei Paschas" (Cemal Pascha, Enver Pascha und Talat Pascha), selbst zu Diktatoren - der türkische Nationalismus bestimmt ihr Handeln. Die Deportation und Ermordung hunderttausender Armenier 1915 ist ein schreckliches Beispiel dieser Politik.  

Nach dem bereits davor erlittenen Verlust der Gebiete in der Balkanregion und in Nordafrika stirbt das Osmanische Reich nach dem 1. Weltkrieg. Man steht bei dem von 1914 bis 1918 andauernden großen Völkergemetzel auf der falschen Seite, auf der der Kriegsverlierer Deutschland und Österreich-Ungarn. Abdülhamids Bruder Mehmed VI., der erst 1918 den Thron besteigt, hat den Siegermächten nichts mehr entgegenzusetzen und beugt sich deren Diktat.

Vertrag von Sèvres wird revidiert

Die Siegermächte fordern ihren Tribut. Briten und Franzosen übernehmen nicht nur die osmanischen Gebiete im Nahen Osten, sie wollen auch das türkische Kernland zerstückeln. Im 1920 geschlossenen Vertrag von Sèvres wird den Türken nur der westliche Teil Anatoliens zugestanden - mit von den Alliierten kontrollierten Zonen im Süden und im Gebiet um Istanbul. Griechische Truppen besetzen den restlichen europäischen Teil westlich von Istanbul und das Gebiet um Izmir und dringen weiter nach Osten vor. Es ist scheinbar nur eine Frage der Zeit, bis der osmanische Kadaver endgültig aufgeteilt ist.

Doch die Geschichte nimmt einen anderen Verlauf als von den Siegermächten geplant. Es sind national gesinnte hohe Militärs um Mustafa Kemal, die den Zerfall des Kernlandes verhindern. Sie ignorieren den Sultan in Istanbul und nehmen von Ankara aus Kurs auf einen neuen Staat. Kemal genießt hohes Ansehen bei Militär und türkischer Bevölkerung, ist er doch für den osmanischen Erfolg bei den Kämpfen von Gallipoli 1915/16 verantwortlich, bei denen sich die Alliierten blutige Köpfe holten. So gelingt es ihm, die Armee hinter sich zu bringen beziehungsweise sultantreue Truppen bis 1921 zu schlagen. Das neue Machtzentrum befindet sich nicht mehr im von Kemal verhassten Istanbul, sondern in Ankara. Bereits im April 1920 existiert dort eine Nationalversammlung, die eine Gegenregierung zum abgewirtschafteten Regime am Bosporus bestimmt.

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Türkische Truppen marschieren im Oktober 1923 über die Istanbuler Galata-Brücke.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Anders als Deutschland, das unter den Bestimmungen des Versa iller Vertragswerks ächzt, erkennt die Gegenregierung in Ankara das Sèvres-Diktat nicht an. Mustafa Kemal drängt auf eine neue Nachkriegsordnung und schafft militärische Fakten. Die Griechen werden geschlagen und zurückgedrängt, mit ihnen muss auch die griechische Zivilbevölkerung das Gebiet um Izmir verlassen. Hundertausende fliehen ins griechische Kernland, dafür werden viele Türken aus Griechenland vertrieben. Insgesamt verlieren rund zwei Millionen Menschen ihre Heimat. Auch den europäischen Teil Thrakiens geben die Griechen auf.  Im Osten werden ein kurdischer Staat und eine Gebietsabtretung an Armenien verhindert. Sultan Mehmed VI. und seine osmanische Clique werden aus dem Land gejagt. Briten, Franzosen und Italiener - auch sie sind durch den 1. Weltkrieg geschwächt - erkennen die politische Realität in der Region an und stimmen der Bildung der neuen türkischen Republik in ihren heutigen Grenzen zu. Die Kemalisten erreichen einen neuen Vertrag, den von Lausanne, der am 24. Juli 1923 in der schweizerischen Stadt unterzeichnet wird.

Mustafa Kemal, er stammt aus dem heute zu Griechenland gehörenden Thessaloniki, will eine neue Türkei, einen säkularen und laizistischen Nationalstaat, in dem die Religion nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. "Islam, diese absurde Theologie eines unmoralischen Beduinen (Mohammed - d.R.), ist eine verwesende Leiche, die unser Leben vergiftet", äußert sich der General sehr deutlich. Am 29. Oktober 1923 wird die moderne Türkei gegründet und das Kalifat abgeschafft. Damit sind die osmanischen Herrscher auch nicht mehr die religiösen Oberhäupter aller Muslime. Kemal wird der erste Staatspräsident und Ankara die neue Hauptstadt.

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Atatürk-Mausoleum in Ankara.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Die kemalistischen Reformen sind rigoros und wälzen die türkische Gesellschaft um.  Die islamische Gerichtsbarkeit wird aufgelöst, das Tragen von Schlei er und Fez verboten. Die arabische Schrift wird durch die lateinische ersetzt, das neue Rechtswesen orientiert sich an dem im Westen. In der Türkei werden Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet. Säkularisierung und Laizismus finden Eingang in die türkische Verfassung. Alles in allem ein massiver Gesellschaftsumbruch, der große Teile der Bevölkerung - vor allem auf dem Lande - überfordert und deshalb auch vereinzelten Widerstand traditionell-islamischer Kräfte auslöst. Es wird staatlicher Druck zur Umsetzung der Reformen ausgeübt. Auch die Minderheitenpolitik ist davon betroffen, aus den Kurden werden "Bergtürken". Der Konflikt hält bis heute an. Die Armee wird Staat im Staate und das Machtinstrument des Staatschefs. Dazu kommt eine starke, vom Staat hochgezüchtete Beamtenschaft.

Armee mischt sich ein

Eine weitere Begleiterscheinung ist der Personenkult um den Präsidenten, der 1934 vom Parlament den Nachnamen "Atatürk" (Vater der Türken) erhält. Neben Nordkorea, in dem Staatsgründer Kim Il Sung gehuldigt wird, hat die Türkei wohl die meisten auf eine Person bezogenen Denkmäler. Noch immer kommen Wachsoldaten bei Zeremonien zu Ehren des Staatsgründers Tränen der Rührung. Die Atatürk nach dessen frühen Tod im Jahr 1938  (übermäßiger Konsum von hochprozentigem Raki über viele Jahre soll dafür verantwortlich sein) folgenden Staats- und Regierungschefs stehen in den kommenden Jahrzehnten in seinem Schatten. Dafür sorgen die Generäle, die eine Art Überregierung bilden. Erst Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan macht in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts Schluss damit.

Der Kampf um den Erhalt des laizistischen Systems sorgt in der Türkei für negative Begleiterscheinungen, die mit Demokratie im westlichen Sinne nicht viel zu tun haben. Nach 1945 greift das Militär drei Mal in die Politik ein. Zwei Mal, 1961 und 1980, kommt es zu Militärputschen mit Toten und Verletzten. Sich selbstständig machende Regierungschefs - wie der 1960 ein Ermächtigungsgesetz proklamierende Adnan Menderes - oder politische Instabilität durch ständig wechselnde Koalitionen führen dazu, dass die Soldaten ihre Kasernen verlassen. Dazu kommt die Kurdenproblematik. Sowohl die türkische Armee als auch die Kurden beklagen viele Tote. Erst Erdogan entschärft den Konflikt etwas - gelöst ist er noch nicht.

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Der derzeitige starke Mann in der Türkei: Recep Tayyip Erdogan.

(Foto: REUTERS)

Auch heute steht die Türkei wieder vor einer Bewährungsprobe. Erdogan und seine konservativ-islamische Regierung sehen sich in den Großstädten Demonstranten gegenüber, die den Laizismus in großer Gefahr sehen. Es ist aber auch die Stunde des mündigen Bürgers, der sich gegen staatliche Willkür auflehnt und demokratische Rechte einfordert. Er beruft sich auf Atatürk und hebt Plakate mit dessen Konterfei hoch. Allerdings hätten die Aufmüpfigen auch mit dem "Vater der Türken" ihre Probleme bekommen. Denn Atatürks Demokratieverständnis war ein anderes als das der Studenten in Ankara oder der Gezi-Demonstranten in Istanbul. Ihm lag eine starke Türkei am Herzen, seine Staatsführung war autoritär.

Ohne Zweifel ist Erdogans Lage kompliziert: Die Türkei ist Mitglied im westlichen Verteidigungsbündnis und will in die EU, dafür muss aber noch viel getan werden. Ihre Wirtschaft befindet sich im Aufwind, und davon profitieren viele Menschen, aber Erdogans Politik des Wachstums um jeden Preis stößt auf Widerstand. Die Türkei ist eine wichtige Regionalmacht und versucht, ihren Einfluss im arabischen Raum zu vergrößern - eine Art moderne osmanische Politik. Bei den Bemühungen um eine Lösung des Syrien-Konflikts ist sie eine wichtige Größe.

In der Türkei hält das Ringen um den Kurs, der Tradition mit Moderne verbindet, an. Mustafa Kemal Atatürk und seine Mitstreiter haben ein funktionierendes Staatswesen geschaffen. Trotz aller Probleme: Geschichtlich gesehen hat die Türkei in den vergangenen 90 Jahren einen großen Schritt nach vorn gemacht.

Quelle: ntv.de