Politik

Dutzende Tote in Kirgistan Blutbad und Machtwechsel

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In Bischkek brennen die Straßen.

(Foto: dpa)

Bei Straßenschlachten zwischen Regierungsgegnern und Sicherheitskräften werden in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek Dutzende Menschen getötet. Angeblich stirbt auch der Innenminister des Landes. Die Opposition verkündet schließlich ihre Machtübernahme.

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Die Zahl der Opfer steigt ständig.

(Foto: REUTERS)

In der an China grenzenden zentralasiatischen Republik ist aus Massenprotesten gegen die Regierung ein gewaltsamer Umsturz mit vielen Todesopfern geworden. Die Opposition verkündete am Abend die Machtübernahme in dem Land. Der autoritäre Präsident Kurmanbek Bakijew hat Medienberichten zufolge das Land verlassen. Seine Regierungsmaschine sei vom Militärflughafen Manas nahe der Hauptstadt Bischkek mit unbekanntem Ziel abgehoben, hieß es. Die neue Regierung unter der früheren Außenministerin Rosa Otunbajewa verkündete, sie habe die Macht im ganzen Land übernommen.

Menschenrechtler und Beobachter waren bereits zuvor davon ausgegangen, dass der Opposition ein Sturz der Regierung wie vor fünf Jahren im Zuge der Tulpenrevolution gelingen könnte. Bakijew war damals an die Macht gekommen. Allerdings werfen ihm seine Kritiker eine zunehmend autoritäre Politik vor mit gewaltsamen Repressionen gegen Andersdenkende. Menschenrechtler beklagen extreme Vetternwirtschaft sowie gewalttätige und korrupte Clanstrukturen.

Tote in den Straßen

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Hunderte Demonstranten werden festgenommen.

(Foto: Reuters)

Bei Straßenschlachten zwischen Regierungsgegnern und Sicherheitskräften wurden zuvor in der Hauptstadt Bischkek Dutzende Menschen getötet. Nach Angaben der Opposition kamen fast 100 Demonstranten ums Leben. Hunderte Demonstranten und Sicherheitskräfte wurden seit Beginn der Unruhen am Dienstagabend verletzt.

Unter den Todesopfern soll auch Innenminister Moldomussa Kongantijew sein. Kongantijew sei von Regierungsgegnern in der Stadt Talas im Norden des Landes ebenso wie Vize-Premier Aklybek Dschaparow schwer misshandelt worden. Kongantijew wurde dazu gezwungen, "Nieder mit Bakijew" zu rufen, berichteten zwei Zeugen. Er soll auf dem Weg in ein Krankenhaus gestorben sein, berichteten Menschenrechtler. Sein Sprecher sagte hingegen, er wisse nichts über den Zustand des Ministers. In Talas und Naryn waren wie in Bischkek tausende wütende Demonstranten auf den Beinen, um Bakijews Rücktritt zu fordern. Die Menschen in der Ex-Sowjetrepublik leiden unter extremer Armut.

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Tausende protestieren vor dem Präsidentenpalast der Hauptstadt.

(Foto: REUTERS)

Von dem Regierungsgebäude aus, in dem sich Präsident Bakijew zu dem Zeitpunkt noch aufhielt, eröffneten Soldaten mit automatischen Waffen das Feuer auf Demonstranten. Der Staatschef verhängte den Notstand und eine Ausgangssperre für die Nacht in Bischkek sowie drei weiteren Regionen. Russland rief alle Beteiligten in der ehemaligen Sowjetrepublik zur Zurückhaltung auf.

Chaos in Bischkek

Schwarze Rauchwolken waren über dem Stadtzentrum von Bischkek zu sehen. Es herrschten chaotische Zustände mit brennenden Autos und Gebäuden. Eine Gruppe Demonstranten erreichte rot-gelbe Nationalfahnen schwenkend in einem eroberten gepanzerten Fahrzeug den Hauptplatz Bischkeks. Immer wieder waren Gewehrsalven, Schüsse und Detonationen zu hören. Demonstranten zogen blutüberströmte Opfer vom Platz. "Es gibt Dutzende Leichen", sagte ein Arzt der Nachrichtenagentur Reuters. "Alle haben Schusswunden."

Rund tausend Menschen stürmten das Amt des Generalstaatsanwalts. Sie schlugen Fenster ein und warfen Computer auf die Straße. Die Erstürmung des Regierungssitzes scheiterte zunächst. Die Demonstranten stürmten in Bischkek das Gebäude des Geheimdiensts und befreiten Gefangene. Mehrere inhaftierte Regierungsgegner wurden aus der Haft entlassen.

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Präsident Bakijew entwickelte sich zunehmend zum autoritären Machthaber.

(Foto: dpa)

Regierungsgegner kontrollierten nach Angaben der Agentur Interfax den nationalen Fernsehkanal. Viele Internetseiten waren nicht mehr erreichbar. Die Opposition beklagte schon in den vergangenen Monaten eine zunehmende Medienzensur. Die Demonstranten plünderten ein Anwesen des Präsidenten und trugen Geschirr sowie Bettwäsche heraus. Später steckten sie das Gebäude in Brand.

Bereits am Morgen hatten sich mehr als 5000 Oppositionelle in der Nähe des Büros von Bakijew versammelt und dessen Rücktritt gefordert. Die Bereitschaftspolizei setzte Tränengas und Blendgranaten gegen die Demonstranten ein. Diese waren mit Eisenstangen bewaffnet und bewarfen die Sicherheitskräfte mit Steinen.

Besorgnis im Ausland

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Die Proteste werden von den USA mit großer Sorge verfolgt, weil Kirgistan für sie von strategischem Interesse ist. Die USA haben in dem Land einen Militärstützpunkt, um den Nachschub nach Afghanistan zu sichern. Auch Russland hat eine Militärbasis im Land. Das russische Außenministerium erklärte, alle Konflikte in dem zentralasiatischen Land müssten auf friedlichem Wege und nicht mit Gewalt gelöst werden. Kirgistan ist von der Hilfe aus Russland, den USA und auch aus dem benachbarten China abhängig, so dass Reaktionen aus diesen Ländern von der Regierung in Bischkek nicht ignoriert werden dürften, sagten politische Beobachter.

Das größtenteils muslimische Land wird seit Anfang März von Unruhen erschüttert. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon äußerte sich bei einem Besuch im Nachbarland Kasachstan "schockiert" über die Lage. Versammlungsfreiheit sei ein "wichtiges Element jeder demokratischen Gesellschaft", sagte er. Zugleich forderte Ban beide Seiten zum Gewaltverzicht auf. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton zeigte sich "tief besorgt". Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) bot sich als Vermittler an.

Quelle: n-tv.de, sba/rts/AFP/dpa