Politik

Interview mit bayerischem Grünen "CSU braucht die Opposition"

Er ist ein katholischer Landwirt, der ein wertkonservatives Leben führt: Sepp Daxenberger, Landesvorsitzender und Spitzenkandidat der bayerischen Grünen für die Landtagswahl. Sollte die CSU nach der Wahl nicht länger allein regieren können will er alles dafür tun, um sie in die Opposition zu schicken. Im Interview mit n-tv.de erklärt er außerdem, warum die bayerische SPD ein fauler Jagdhund ist und was typisch bayerisch ist.

n-tv.de: Herr Daxenberger, was machen Sie, wenn die CSU bei der Landtagswahl in Bayern ihre absolute Mehrheit verliert und nicht mehr allein regieren kann?

Daxenberger: Dann werde ich noch am Wahlabend versuchen, die Vertreter von Freien Wählern, SPD und FDP an einen Tisch zu bringen, um klar zu machen, dass wir jetzt die einmalige Chance haben, in Bayern eine Mehrheit jenseits der CSU zu bilden. Die CSU regiert seit 46 Jahren in Bayern ganz allein, was zu sehr viel Filz geführt hat. Deshalb tut es Not, die Fenster und Türen aufzureißen, um frischen Wind in die Politik und Amtsstuben zu bringen.

Sehen Sie genug Übereinstimmungen für eine Koalition mit allen drei Parteien?

Wenn ich an die Bildungspolitik, die bürgerlichen Freiheitsrechte, die Stärkung der ländlichen Räume und der Kommunen denke ? da fallen mir eine ganze Reihe von Themen ein, wo FDP, SPD, Freie Wähler und Grüne gemeinsam Politik machen können.

Und wenn die CSU auf der Suche nach einem Koalitionspartner bei Ihnen anklopft?

Warum soll die CSU ausgerechnet zum kratzbürstigsten Partner kommen, wenn sie jemanden braucht? Da wir eine Koalition mit der CSU ausgeschlossen haben, weil wir nicht die Filz-Verlängerer sein wollen, würden wir in jedem Fall versuchen, eine andere Koalition zu bilden. Die CSU braucht die Opposition.

Wie ist es eigentlich, als erster männlicher Spitzenkandidat allein für die Grünen in Bayern anzutreten?

Das ist eine sehr schöne Aufgabe, ich mache das gerne und denke auch, dass ich das ganz gut mache. Ein Stück weit ist das auch ein Prozess der Normalisierung bei den Grünen.

Das führt zu keinem Unmut in Ihrer Partei?

Nein. Ich bin mit 93 Prozent der Stimmen auf dem Parteitag gewählt worden. Das sagt alles.

Eine persönlichere Frage: Sie haben eine schwere Krankheit, Knochenmarkkrebs, bezeichneten danach Politik und Wahlkampf als positiven Stress, eine Art Therapie. Wieso muten Sie sich das oft zehrende Politikgeschäft zu?

Ich bin seit 26 Jahren bei den Grünen aktiv. Da habe ich anfangs Plakate aufgehängt mit dem Slogan: "Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt." Das ist auch heute noch für mich mein Auftrag und politisches Anliegen. Ich brauche das Kommunikative in der Politik, die Begegnung mit den Menschen, deswegen bezeichne ich das als eine Art Therapie. Natürlich habe ich auch Probleme durch meine Krankheit. Aber die werden auch nicht besser, wenn ich daheim auf dem Sofa liegen würde.

Streiten Sie sich gerne?

Eigentlich nicht. Ich bin jemand, der es lieber harmonisch hat. Aber für die richtige Sache kann ich mich natürlich streiten.

Sie haben sich ehrgeizige Ziele für die Wahl gesteckt: Mehr als 10 Prozent wollen Sie für die Grünen erreichen. Ist das realistisch?

In den letzten fünf Tagen starten wir jetzt noch einmal eine Schlussoffensive. Um einerseits inhaltlich klar zu machen, wo wir stehen: Bessere Bildung, ein gentechnikfreies Bayern und eine Energiewende. Andererseits soll deutlich werden, dass die bayerischen Grünen als einzige wirklich für den Politikwechsel stehen. Alle anderen Parteien zögern ja noch und überlegen, ob nicht auch andere politische Konstellationen mit der CSU möglich wären. Dadurch dass die Wahl zum ersten Mal bis zum letzten Tag wirklich spannend ist, können wir unsere Wähler zudem besser mobilisieren. Es ist das erste Mal, dass das Ergebnis in Bayern nicht schon vor der Wahl feststeht.

Kommt Ihnen bei der Mobilisierung neuer Wähler Ihre Identität als katholischer Landwirt zugute, der glaubwürdig in CSU-Gewässern fischen kann?

Eher weniger. Vor allem FDP und Freie Wähler leben von der Schwäche der CSU. Wir haben unsere Wähler, weil sie von unseren Zielen überzeugt sind. Aber bestimmt ist es auch ein Spitzenkandidat Sepp Daxenberger, der in ein wertkonservatives Milieu gut reinpasst und damit für den einen oder anderen Wähler eine Entscheidung für Grün ermöglicht.

Was an Ihnen ist wertkonservativ?

Mein Leben. Ich bin Bauer, ich bin Handwerker und ich bin praktizierender Christ. Ich würde mich als wertkonservativ im Sinne von Bewahren und Erhalten bezeichnen. Bewahren und Erhalten der Schöpfung und von Werten wie Gerechtigkeit, Solidarität sowie Achtung von andersdenkenden Menschen.

Ärgern Sie sich im Nachhinein über Ihren Parteitagsbeschluss, dass alle religiösen Symbole, also auch Kreuze, aus den Klassenzimmern verbannt werden sollen?

Natürlich. Ich habe auch sofort deutlich gemacht, dass das so nicht stehen bleiben kann. In dem Beschluss steht auch nichts von Kruzifixen drin, sondern es ging den Antragstellern um religiös motivierte Kleidungsstücke, vor allem das Kopftuch. Das wurde aber so unglücklich formuliert, dass auch Kruzifixe gemeint sein könnten. Das werden wir im Oktober noch einmal diskutieren und deutlich machen, dass wir zu den christlichen Werten stehen.

Sie wollen Bayern nicht länger der CSU überlassen. Das versucht die Opposition bereits seit Jahren. Warum könnte der Versuch dieses Mal erfolgreich sein?

Zunächst einmal, weil die CSU schwächelt. Die Partei kann den Leuten nicht mehr vermitteln, für was sie eigentlich steht. Zum Zweiten aber auch, weil wir Grüne uns mit einem Spitzenkandidaten Sepp Daxenberger, der das Bayerische verkörpert, besser präsentieren können. Für mich war immer klar: Wir müssen der CSU dieses Bayern-Bild abspenstig machen. Die CSU tut ja gerade so, als hätten sie alles, was gut und schön ist in Bayern, selbst gemacht. Als hätten sie eigenhändig die Seen ausgegraben und damit die Berge aufgeschüttet. CSU ist gleich Bayern und Bayern ist gleich CSU ? diese Gleichung greifen wir an.

Was ist typisch bayerisch?

Ein lebensfroher Mensch, der selbstbewusst ist und der sich an der Schönheit der Landschaft erfreut.

Den Einzug in den Landtag werden die Grünen mit großer Sicherheit schaffen. Wollen Sie dort Fraktionschef werden?

Bei den Grünen haben wir eine Satzung, die es nur einem der beiden Landesvorsitzenden ermöglicht, auch im Landtag zu sein. Fraktionsvorsitzender und Landesvorsitzender zugleich geht gar nicht. Da ich momentan Landesvorsitzender bin, werden wir erst einmal die Landtagswahl abwarten und dann über die Posten und Funktionen reden.

Was persönlich würden Sie lieber machen?

Ministerpräsident. (lacht)

Zum Schluss: Ein Satz zum SPD-Spitzenkandidat Franz Maget bitte.

Ich mag den Franz sehr gern, er ist ein sehr angenehmer Mensch, dem man es auch abnimmt, dass er mit Ernsthaftigkeit an einer politischen Wende arbeitet. Aber bei der SPD hat man oft das Gefühl: Man hat einen Jagdhund vor sich, den man zum Jagen tragen muss.

Quelle: n-tv.de, Mit Sepp Daxenberger sprach Till Schwarze.