Politik

Supermacht der sauberen Energie China erreicht seine Klimaziele

China ist weltweit führend beim Ausbau erneuerbarer Energien. Umweltschützer auf dem Weltklimagipfel sind voll des Lobes. Das Land habe das Potenzial, "globale Supermacht der sauberen Energie zu werden". Doch der größte Klimasünder verringert nicht den Ausstoß seiner Treibhausgase, sondern bremst nur ihren rasanten Anstieg. Das Wachstum hat Vorrang.

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Smog über Hong Kong.

(Foto: dpa)

China hat nach eigener Einschätzung sein Ziel zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen erfüllt und ist auf einem guten Weg hinsichtlich der Ziele zur Energieeffizienz. Die bisherigen Maßnahmen haben nach Angaben aus Peking zwischen 2006 und 2009 zu Einsparungen von 490 Millionen Tonnen Kohle und zu 1,13 Milliarden Tonnen weniger CO2-Ausstoß geführt.

Dennoch hat China in der Klimapolitik zwei Gesichter – ein schmutziges und ein sauberes. Als größter Kohleverbraucher heizt kein Land der Erde die globale Erwärmung so stark an wie die zweitgrößte Wirtschaftsmacht. Ein Viertel aller Treibhausgase stammen heute aus China. Auf der anderen Seite fördert kein Land der Erde so massiv den Ausbau erneuerbarer Energien wie China. Jede Stunde geht ein Windrad in Betrieb. Nirgendwo gibt es mehr solarbetriebene Wasserheizer. Nur Deutschland investiert gemessen an seiner Wirtschaftskraft noch etwas mehr in saubere Energieträger als das aufstrebende Schwellenland.

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Normaler Straßenverkehr in Peking.

(Foto: REUTERS)

"China erkundet aktiv seinen eigenen Weg einer kohlenstoffarmen Entwicklung", sagt Wu Changhua, China-Direktorin der unabhängigen Umweltorganisation Climate Group. "Gleichzeitig bringt die Anhäufung von Bevölkerung und Umweltbelastungen sowie die unausgewogene Entwicklung der Wirtschaft Schwierigkeiten und Herausforderungen." Teilnehmer des Klimagipfels in Cancún in Mexiko schwanken zwischen Begeisterung über diese "saubere Revolution" im bevölkerungsreichsten Land und blanker Verzweiflung, dass all das auch nicht ausreichen wird, um die Erde vor einer katastrophalen Erwärmung zu bewahren.

Auf die Details kommt es an

Wachsen die chinesischen Treibhausgas-Emissionen mit acht Prozent so weiter wie bisher, während Europa seine 20-prozentige Verringerung umsetzt, wird jeder Chinese im Jahr 2020 doppelt so viel zur Erderwärmung beitragen wie ein Europäer. Die in China bis 2020 angestrebte Verdoppelung des Anteils erneuerbarer Energien am Verbrauch auf 15 Prozent wird von einer gleichzeitigen Verdoppelung der Energienachfrage weit in den Schatten gestellt. Chinas Wirtschaft wird schätzungsweise mit acht Prozent im Jahr davondampfen.

Greenpeace: "Chinesische Erfolgsgeschichte"

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Windkraftproduktion in der Region Urumqi, im Nordwesten Chinas.

(Foto: REUTERS)

Trotzdem ist China auf dem richtigen Weg, wenngleich nicht schnell genug. Der Energieverbrauch gemessen an der Wirtschaftsleistung hat sich seit 1980 um etwa 60 Prozent verringert. Bis 2020 will China für jeden erwirtschafteten Yuan zusätzlich 40 bis 45 Prozent weniger Energie als 2005 aufwenden. Schneller als in den kühnsten Träumen entwickelt sich die Windenergie. Greenpeace Chef Kumi Naidoo spricht von einer "chinesischen Erfolgsgeschichte". Er sieht voraus, dass in China überall Windfarmen entstehen und dreckige Kohlekraftwerke ersetzen: "Das ist keine Illusion", sagt Naidoo. "China hat das Potenzial, die globale Supermacht der sauberen Energie zu werden."

Drei-Schluchten-Damm bald abgehängt

Es gibt aber auch Probleme - nicht nur mit der Qualität seiner Windräder, sondern auch mit der Lage vieler Windparks in entlegenen Regionen, wo das Stromnetz schwach ausgebaut ist. Die Stromversorger sind trotz gesetzlicher Auflagen zurückhaltend, die Windkraft einzuspeisen. Viele Windturbinen sind heute nicht einmal ans Netz angeschlossen. Werden diese Anfangsprobleme aber gelöst, könnte China bis 2020 bis zu 230 Gigawatt an Windkraftkapazitäten aufbauen, schätzt Greenpeace. Das entspräche 13 Mal so viel Strom, wie das größte Wasserkraftwerk der Welt am Drei-Schluchten-Damm produziere.

Bis 2020 will China außerdem die Wasserkraft verdoppeln. Als drittgrößter Produzent von Ethanol will es die Produktion bis 2020 auf zwölf Millionen Tonnen verdoppeln. Auch die Atomkraft wird massiv ausgebaut. 24 Atommeiler sind im Bau, weitere geplant. Bis 2020 will China die Kapazitäten verachtfachen. Sechs Prozent des Stroms sollen dann aus Atomkraft kommen. Die Sonnenenergie entwickelt sich hingegen eher schwierig. China produziert zwar mehr Solarzellen als jedes andere Land, doch werden 97 Prozent exportiert. Bis 2020 will es seine Solarkapazitäten von 50 Megawatt 2008 auf 20 Gigawatt ausbauen.

Elektroräder kontraproduktiv

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Das herkömmliche, emissionsfreie Fahrrad verliert in China immer mehr an Bedeutung. Schon jetzt rollen 120 Millionen E-Räder auf den Straßen des Landes.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die rasante Entwicklung von Elektrofahrzeugen in China sehen Umweltschützer mit gemischten Gefühlen. Mehr als 120 Millionen elektrische Fahrräder rollen schon auf den Straßen. Doch der Strom wird in China auch in Zukunft zu 80 bis 90 Prozent aus Kohle kommen. "Elektroautos sind schon nicht billig", sagte Hu Xiulian, Forscherin der Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC). "Wenn dann noch Kohlestrom genommen wird, wird es sehr teuer." Die Umwelt werde auch nicht geschont. "Würde Solarenergie genutzt, wäre das alles anders."

Riesige Potenziale im Hausbau

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Die chinesische Industrie benötigt 70 Prozent des gesamten Energiebedarfs des Landes.

(Foto: REUTERS)

Große Einsparpotenziale hat die Industrie, die in China 70 Prozent der Energie verbraucht, verglichen mit einem Drittel in den USA. Auch Gebäude sind in China ein Problem. Sie brauchen pro Quadratmeter doppelt so viel Energie wie in entwickelten Ländern. Nur vier Prozent erfüllen neu erlassene Umweltstandards. 18 Prozent der Energie fließt in China in Gebäude. "Das kann sich bis 2030 noch verdoppeln, wenn sich die Urbanisierung wie erwartet fortsetzt", schätzt Climate Group.

So kann selbst der starke Ausbau erneuerbarer Energien in China den Ausstoß von Treibhausgasen nicht reduzieren, sondern nur ihren starken Anstieg verlangsamen. Zwar schließen sich Umweltschutz und Entwicklung nicht aus - doch in China überwältigt das rasante Wachstum der Wirtschaft, die sich maßgeblich auf schmutzige Energien stützt, die angestrebte Nachhaltigkeit durch saubere Energien. Am Ende ist auch in China die Entwicklung vorrangig. Diese "fundamentale Paradoxie" in der Energiepolitik müsse gelöst werden, sagen Forscher. Sonst werde Chinas Wirtschaft unterm Strich nur größer, aber nicht unbedingt sauberer.

Quelle: n-tv.de, dpa

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