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"Die Schlinge wird immer enger" - Kämpfe im Südosten Mossuls.
"Die Schlinge wird immer enger" - Kämpfe im Südosten Mossuls.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 22. September 2016

Kampf gegen den IS: Das Ende des Kalifats naht

Von Issio Ehrich

Verteidigungsministerin von der Leyen bezeichnet den IS als "empfindlich geschlagen". US-Militärs prophezeien das nahe Ende des Kalifats. Der Optimismus ist nicht unberechtigt. Doch die Macht des IS geht weit über das eigene Kalifat hinaus.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen gibt sich ausgesprochen optimistisch: Während ihres Besuchs im Irak preist sie die Erfolge im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS). "Inzwischen ist er doch empfindlich geschlagen und zurückgedrängt weitestgehend auf den Großraum Mossul", sagt sie.

"Empfindlich geschlagen"? Geht die CDU-Politikerin da nicht ein bisschen weit? Ist sie der Versuchung erlegen, angesichts des Staatsbesuches ein bisschen zu viel Euphorie zu verbreiten? Die Antwort heißt: Jein.

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Von der Leyen ist in ihren Ausführungen verhältnismäßig zurückhaltend, zumindest im Vergleich zu hochrangigen US-Militärs. Nur wenige Tage vor dem Irak-Besuch von der Leyens sagte der Kommandeur der Anti-IS-Operation "Inherent Resolve", Jeffrey Harrigian: "Wir werden dem IS weiterhin mehr Zerstörung beibringen, als er absorbieren kann." Der Vorsitzende des Generalstabs der US-Streitkräfte, Joe Dunford, ging noch weiter: "Die Schlinge um Mossul wird immer enger." Die Einnahme der irakischen Großstadt käme dem Ende der Idee eines Islamischen Staates im physischen Sinne gleich. Tatsächlich zeichnet sich deutlicher denn je ab, dass der IS sehr bald nicht mehr für sich beanspruchen kann, ein "Kalifat", einen eigenen Staat, zu kontrollieren.

Die Strategie, den IS mit regionalen Kräften am Boden anzugreifen, die von Spezialkräften der Koalition und Luftschlägen unterstützt werden, zeigt immer deutlichere Erfolge. Zuletzt verlor der IS in Syrien auf diese Weise die Stadt Manbidsch – ein strategischer Brückenkopf. Die Islamisten pflegten über die Stadt im Norden Syriens den Zugang zur türkischen Grenze, über die sie sich lange versorgen konnten. Zuvor verlor der IS bereits das libysche Sirte auf ähnliche Weise, Gleiches gilt für Falludscha im Irak.

Beim IS in Mossul bricht Panik aus

Einem Bericht der "Washington Post" zufolge bricht unter den Dschihadisten in Mossul nun geradezu Panik aus, dass sie bald ein ähnliches Schicksal ereilen wird. In Mossul hat IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi das Kalifat im Juni 2014 ausgerufen. Doch Mossul gleicht mehr und mehr einer Insel. Eine Verbindung zur IS-Hochburg Rakka in Syrien gibt es längst nicht mehr.

Der "Washington Post" zufolge reagieren die Islamisten mit Massenverhaftungen und Exekutionen auf die drohende Niederlage. Eine Machtdemonstration aus Angst, die Bewohner könnten sich bald gegen sie auflehnen. Denn diese müssen ahnen, dass der große Sturm naht. In der vergangenen Woche ließ die irakische Airforce über Mossul sieben Millionen Flugblätter abwerfen. Darauf stand der Hinweis, sich auf die "Stunde null" vorzubereiten. Es ist das erklärte Ziel der Regierung in Bagdad, Mossul noch in diesem Jahr einzunehmen.

Die Einkünfte des IS verebben

Mit Mossul würde dem IS nicht nur ein Symbol für ihr Kalifat verloren gehen. Schon jetzt leidet der IS extrem darunter, dass er immer weniger Land und damit immer weniger Menschen kontrolliert. Neben den (illegalen) Öleinnahmen, die durch den fallenden Preis des Rohstoffs und konsequente Luftangriffe auf Tankwagen einbrachen, gehören Steuereinnahmen, die die Islamisten ihren "Bürgern" abpressen, zu den wichtigsten Einnahmequellen.

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Grund für Optimismus besteht auch, weil der Fall Rakkas viel schneller erfolgen könnte, als man es sich noch vor wenigen Wochen vorstellen konnte. Das liegt auch daran, dass mit der Türkei ein neuer Spieler auf syrischen Boden aktiv geworden ist. Vor knapp einem Monat begann Ankara die Operation "Schutzschild Euphrat", um die türkische Grenze von Terroristen zu befreien. In kürzester Zeit gelang es Ankaras Streitkräften zusammen mit Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA), den IS aus der syrischen Grenzstadt Jarabulus zu verdrängen. Mittlerweile sind türkischen Militärangaben zufolge 900 Quadratkilometer freigekämpft worden. Und in regierungstreuen türkischen Medien ist auffällig häufig von einer Ausweitung dieser ersten türkischen Bodenoffensive in Syrien die Rede.

Präsident Recep Tayyip Erdogan bekräftigte kurz vor der UN-Vollversammlung in dieser Woche, dass er auch Versuche, Rakka vom IS zu befreien, unterstützen würde. Er machte deutlich, dass er nur auf ein Zeichen aus Washington warten würde. "Die Türkei wird Rakka nicht im Alleingang erobern. Wir sind bereit, uns an Maßnahmen der (US-geführten) Koalition zu beteiligen", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. Mit türkischen Soldaten am Boden, der zweitstärksten Streitkraft der Nato, würde die Schlagkraft der Anti-IS-Allianz gewaltig steigen. Schwierig ist solch ein Schritt allerdings wegen der Kurden in Syrien, die ebenfalls den Sturm auf Rakka planen. Die Türkei und die Kurden bekämpfen sich, wollen auf keinen Fall zusammenarbeiten.

Einen Dämpfer bekam die Hoffnung, das "Kalifat" bald zu zerstören, auch durch die neuerliche Eskalation zwischen syrischem Regime, Russland und den USA. Nachdem es Moskau und Washington gelang, eine Waffenruhe zu vereinbaren, keimten Hoffnungen auf, dass sie sich auch auf eine gemeinsame militärische Allianz im Kampf gegen den IS einigen könnten. Nachdem die USA eigenen Angaben zufolge versehentlich Regimekräfte bombardierten und zudem ein Hilfskonvoi der UN angegriffen wurde, kann von einer Waffenruhe geschweige denn von einer gemeinsamen militärischen Allianz zumindest vorerst keine Rede mehr sein.

Im Kampf gegen die Ursachen der IS-Herrschaft ist man noch nicht weit

Sowohl Ursula von der Leyen als auch den hochrangigen US-Militärs muss bei aller berechtigter Euphorie aber vor allem eines klar sein. Im Kampf gegen den IS gilt ein perfides Credo: Stirbt das "Kalifat", lebt der Terror.

Zerfällt der Staat, den al-Baghdadi aufgebaut hat, verschwinden damit nicht automatisch seine Anhänger. Zwar dürfte die Strahlkraft des IS für verwirrte junge Männer nachlassen, wenn es kein "Kalifat" mehr gibt. Doch in Syrien und dem Irak sind ja bereits Zehntausende, die sich dem selbsternannten Kalifen verpflichtet fühlen. Etliche von ihnen mögen den vermeintlichen Märtyrer-Tod wählen, doch die große Mehrzahl der Sympathisanten wird versuchen, in der Zivilgesellschaft unterzutauchen. Viele der sogenannten "Foreign Fighters", Dschihadisten, die unter anderem aus Europa in das Bürgerkriegsland gereist sind, dürften wiederum in Erwägung ziehen, in ihre Heimat zurückzukehren, um dort Schrecken zu verbreiten. Entscheidend ist ein Punkt: Zwar mag es viel schneller als gedacht gelingen, das Kalifat zu zerschlagen. Die Anti-IS-Koalition ist aber auch dann noch weit davon entfernt, die Ursachen, die überhaupt erst zum Erstarken des IS geführt haben, zu beseitigen.

In Irak herrscht eine korrupte und unfähige Regierung, wenn es darum geht, Schiiten und Sunniten zu versöhnen. Und in Syrien wird auch ohne ein IS-Kalifat ein Bürgerkrieg toben. Den gab es schließlich schon lange, bevor sich al-Baghdadi zum Kalifen erklärte.

Quelle: n-tv.de

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