Politik

Völkermord in Ruanda vor 20 Jahren Das Musterland Afrikas steht unter Spannung

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Auf dem Land wird Trinkwasser immer noch zu Fuß geholt.

(Foto: Simon Wörpel)

Vor genau 20 Jahren schlachteten sich die Menschen in Ruanda gegenseitig ab, 800.000 Menschen starben. Heute gilt das Land als die Vorzeigenation Afrikas, in der Hauptstadt entstehen täglich neue Startups. Doch die Stabilität hat ihren Preis.

Sie will es vergessen. Die Schreie, die Macheten, das Blut, die Toten. Aber jeden Tag muss sie den Besuchern in der Kirche von Nyamata davon berichten. Niemand darf vergessen, was während der schlimmen 100 Tage geschah: Mindestens 800.000 Ruander starben auf grausamste Weise während eines der blutigsten Völkermorde der Geschichte. Allein hier in Nyamata kamen in und vor der Kirche 10.000 Menschen um. Die Zeitzeugin, die jedem ihre Überlebensgeschichte erzählen muss, ist hochschwanger. Lieber würde sie nach vorne schauen.

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Ein Soldat inspiziert 1994 eingesammelte Waffen in Ruanda. Der Völkermord hatte zuvor mindestens 800.000 Menschen das Leben gekostet.

In der kommenden Woche wird sie noch weniger um ihre Vergangenheit herumkommen als sonst: Ab Montag wird die ganze Nation in kollektive Trauer und Gedenken versinken. Eine Woche lang steht das Leben in Ruanda nahezu still, Geschäfte haben nur bis 15 Uhr geöffnet, danach treffen sich die Familien zu Hause und reden über ihre Erinnerungen. Kinder haben schulfrei, Konzerte sind verboten, sämtliche Bars haben geschlossen. Ausländer, die hier arbeiten, nutzen diese Zeit gerne für ihren Heimaturlaub. Zum 20. Mal jährt sich eine der blutigsten Auseinandersetzungen der Geschichte: der Völkermord in Ruanda an Angehörigen der Tutsi-Minderheit und an den Teilen der Hutu-Mehrheit, die nicht bei dem organisierten Gemetzel mitmachen wollten.

Kolonialherren spalteten das Land

Dem unvorstellbaren Blutbad, das rund 100 Tage dauerte, ging eine lange Geschichte der Spaltung zwischen den beiden großen Bevölkerungsgruppen Ruandas voraus. Die Schere zwischen den wohlhabenderen Tutsi-Eliten, die ein Zehntel der Bevölkerung ausmachten, und der einfacheren Hutu-Landbevölkerung klaffte schon, als die Deutschen, und nach dem ersten Weltkrieg die Belgier, Ruanda kolonialisierten. Hutu und Tutsi sind eigentlich keine Völker, sondern gesellschaftliche Schichten. Die Kolonialherren schrieben die Zugehörigkeit in den Pässen fest, weshalb heute nahezu alle Ruander die Kolonialzeit als eigentliche Ursache für die Eskalation sehen.

Zum Glück für das Land vertrieb die "Ruandische Patriotische Front" (RPF) unter Paul Kagame, dem heute unangefochtenen Präsidenten, im Sommer 1994 die Hutu-Machthaber, übernahm die Herrschaft und beendete damit den Völkermord. Seitdem kann Ruanda auf eine beeindruckende Entwicklung zurückblicken: Korruption ist hier, im Gegensatz zu praktisch allen anderen Ländern Afrikas, kaum vorhanden, das Wirtschaftswachstum betrug 2012 fast 8 Prozent, der Dienstleistungssektor ist mittlerweile stärker als die Landwirtschaft. Es herrscht Schulpflicht, und tatsächlich gehen nach offiziellen Angaben 95 Prozent der Kinder in die Schule. Nirgendwo sonst südlich der Sahara fühlen sich die Menschen so sicher wie in Ruanda.

Vieles davon hat die Bevölkerung einem ehrgeizigen Präsidenten zu verdanken, der alles auf die Einheit seines Volkes setzt. Jeden letzten Samstag im Monat putzen oder werkeln die Ruander beim staatlich angesetzten "Umuganda" und tragen wesentlich zur Sauberkeit des Landes bei. Die Trennung zwischen Tutsis und Hutus ist per Gesetz aufgehoben und verboten, politische Parteien müssen allerdings Quoten für beide Gruppen erfüllen, um zugelassen zu werden – damit alte Ideologien keine Mehrheiten mehr finden. Weil sich die Ruander einig sind, dass so etwas wie 1994 nie wieder passierten darf, und weil sie wissen, wem sie ihren Aufschwung zu verdanken haben, kritisieren sie ihre Regierung kaum.

Täglich neue Startups

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Der Busbahnhof in Kigali...

(Foto: Simon Wörpel)

Auf dem Busbahnhof in der Hauptstadt Kigali stehen Fahrzeuge, von denen in Deutschland schon vor 20 Jahren keines eine Tüv-Plakette bekommen hätte. Darin sitzen Reisende und warten auf die wie immer verspätete Abfahrt. Händler aus den umliegenden Geschäften machen den Platz zum Basar: Unermüdlich bieten sie den Wartenden Wasser, Früchte und Kleidung durch die geöffneten Fenster an. Ab und zu kommt ein Polizist, schwingt seinen Holzstock und setzt zum Sprint an. Die Menge prescht auseinander – und ignoriert eine Minute später wieder die leere Drohung.

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...und der in Nyamata.

(Foto: Simpon Wörpel)

Die Busfahrt von hier nach Nyamata, einer Kleinstadt südlich von Kigali, dauert, wenn alles gut läuft, eine Dreiviertelstunde. Der Busbahnhof dort ist sogar noch größer als der in Kigali und sieht ganz anders aus: sauber, geordnet, mit Spuren für die Busse und brandneuen Wartehäuschen in regelmäßigem Abstand. Es ist totenstill. Lediglich drei Busse stehen am ersten Wartehäuschen und wirken ganz verloren auf dem riesigen Platz. Am anderen Ende vertreiben sich drei Straßenjungen mit Fangenspielen ihre Zeit. Warum hat die ruandische Regierung diesen überdimensionalen Busbahnhof hier hingesetzt? "Sie hat geträumt", sagt Aimé, ein Wartender. Der Staat versucht, durch solche Investitionen die Entwicklung auch außerhalb Kigalis voranzubringen. Die Fortschritte lassen aber auf sich warten.

Während in den Straßen der Hauptstadt LED-Markierungen die Autos in ihrer Bahn halten, nehmen auf dem Land die Menschen stundenlange Fußmärsche bis zum nächsten Wasser auf sich, dass sie zu Hause noch abkochen müssen. In Kigali gibt es Co-Working-Spaces, in denen sich fast täglich Start-Ups gründen, aber John Mutambuzi, ein verrenteter Tee-Bauer aus Kiruhura, hat noch nie etwas vom Internet gehört. Die rasante Entwicklung der Hauptstadt sickert nur zäh zur restlichen Bevölkerung durch, wer die hohen Mieten in Kigali nicht mehr zahlen kann, flieht aufs Land.

Rebellen fordern Rache

Obwohl die Lebensstandards von Elite und Landbevölkerung immer noch auseinanderklaffen, hat es die Regierung unter Paul Kagame bislang geschafft, Ruanda vor neuen Spannungen zu bewahren. Kritik ist erlaubt, allzu harte Kritiker werden allerdings unter mysteriösen Umständen zum Schweigen gebracht. Immer wieder machen Menschenrechtler der Regierung Vorwürfe, bestätigen lassen sie sich bislang nicht. Die Pressefreiheit ist eingeschränkt, auch wenn ausländische Journalisten kaum Probleme bekommen. Es scheint, als ob die Menschen sich bereitwillig in Schach halten lassen, weil die Regierung einen guten Mittelweg zwischen zu viel Repression und zu wenig Kontrolle gefunden hat, der das Volk zusammenhält.

Auch wenn offiziell nicht mehr von Hutus und Tutsis gesprochen werden darf, weiß heute immer noch jedes Kind, aus welcher Gruppe seine Familie stammt. Obwohl die Regierung und unzählige Organisationen fleißig Aufarbeitung und Versöhnungsarbeit betreiben, sind Ressentiments zwischen ehemaligen Opfern und Tätern nach wie vor vorhanden. Tutsi-Rebellen, die während der Auseinandersetzungen ins Ausland flohen, fordern noch immer Rache. Theophil Sewimfura, der Gruppentherapien für Betroffene koordiniert, schätzt, dass lediglich die Hälfte des Volkes Frieden gefunden hat.

Niemand weiß, wie lange der beeindruckende Aufstieg Ruandas anhalten wird. Eine Gesellschaft, die sich innerhalb nur einer Generation so rasant entwickelt, muss unter Spannung stehen. Als die Kolonialisten im Jahr 1900 Ruanda beschlagnahmten, fanden sie eine Bevölkerung ohne Schriftsystem vor, der sie eine vergleichbar schnelle Entwicklung aufzwangen, die schließlich zu den Gräueltaten von 1994 führte. Niemand geht von einem erneuten Blutbad in naher Zukunft aus – solange sich die Ruander nicht durch wirtschaftliche Ungleichheit erneut spalten lassen. "Es ist, wie wenn man mit dem Bus von Kigali nach Butare fährt", sagt Versöhner Theophil Sewimfura, "man weiß, man kommt irgendwann an, doch was auf dem Weg passieren wird, weiß man nicht".

Diese Reportage wurde von dem journalistischen Trainingsprogramm Beyond Your World ermöglicht. Beyond your World wird von der Europäischen Union finanziert.

Quelle: ntv.de

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