Politik

Feierstunde für Kohl Der Altkanzler sitzt im Museum

Beifall für Schäuble, Lacher für Merkel, weihevolle Worte für Kohl. Der Festakt zum 30. Jahrestag seiner ersten Wahl zum Kanzler zeigt: Die CDU stellt Helmut Kohl ins Museum und sich selbst in seine Tradition. Der Abend lehrt auch: Franz Josef Strauß hatte nicht immer recht - Sibirien blieb Kohl erspart.

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Bundeskanzlerin Merkel, Altkanzler Kohl und seine Frau Maike Kohl-Richter.

(Foto: dapd)

Bundeskanzlerin Angela Merkel erzählt die beste Anekdote, Finanzminister Wolfgang Schäuble bekommt den intensivsten Applaus und Familienministerin Kristina Schröder, die bekanntlich schon als Zwölfjährige Kohl-Fan war, kommt zu spät. Das sind vermutlich die drei interessantesten Nachrichten der Feierstunde zum 30. Jahrestag der Wahl von Helmut Kohl zum Bundeskanzler. Denn die Überraschung fällt aus: kein Handschlag zwischen Kohl und Schäuble, keine öffentliche Versöhnung.

Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung hatte in den Innenhof des Deutschen Historischen Museums geladen. Der Ort ist gut gewählt, Kohl hat das Museum praktisch aus der Taufe gehoben. Gleich nebenan befindet sich die Neue Wache, die Kohl nach der Wiedervereinigung zur Zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft ausbauen ließ - vor 20 Jahren ein hoch umstrittenes Projekt, heute kaum noch beachtet.

Einst umstritten, heute weitgehend ignoriert. Das gilt auch für Kohl. Der Unterschied zum Festakt, mit dem die Unionsfraktion am Vortag Schäubles 70. Geburtstag gefeiert hatte, könnte größer nicht sein. Schäubles Matinee fand im Theater statt, im Deutschen Theater, Kohls Festakt im Museum. Die Feier für Schäuble wurde unterbrochen vom Horn-Quartett der Berliner Philharmoniker und einer grandiosen Lesung von Schillers "Bürgschaft" durch den Schauspieler Ulrich Matthes, für Kohl gibt es Video-Grüße von amtierenden und ehemaligen Staats- und Regierungschefs. Und über Schäuble wurde am Mittwochmorgen vor allem im Präsens gesprochen. Über den 82 Jahre alten Kohl ausschließlich in der Vergangenheitsform.

Kohl klatscht für Schäuble

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Kohl war für Merkel lange ein schwieriges Erbe. Jetzt vereinnahmt sie ihn ungerührt für ihre Politik.

(Foto: dpa)

Dabei ist Hans-Gert Pöttering, der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung und damit Gastgeber des Abends, durchaus bemüht, Kohl in die Gegenwart zu holen. "Wir wollen aus der Politik von Helmut Kohl lernen", sagt er, bevor er zahlreiche Gäste namentlich begrüßt. Jeder Name wird höflich beklatscht. Als Pöttering Schäuble erwähnt, gibt es langen, lauten Beifall und gleich noch einmal Applaus für die Gratulation zu Schäubles Geburtstag. Auch Kohl, der seine Hände nur noch langsam bewegen kann, klatscht.

Schäuble sitzt in der ersten Reihe, doch weit genug von Kohl entfernt, um einem etwaigen "Handraub" - wie er eine Handschüttel-Attacke des Altkanzlers vor zwölf Jahren genannt hatte - sicher zu entgehen. Zu Schäubles Feier war Kohl nicht gekommen, "weil es ihm gesundheitlich nicht so gut geht", wie Schäuble in einem Interview sagte. Darin zeigte er sich gleichzeitig entspannt und unversöhnlich: Er habe das Glück gehabt, in den 16 Jahren von 1982 bis 1998 "einer von Kohls engsten Vertrauten gewesen zu sein - auch wenn unsere Beziehung inzwischen beendet ist".

"A dreamer and a maker"

Viel ist bei der Feier im Deutschen Historischen Museum von Europa und der deutschen Einheit die Rede. Der frühere EU-Kommissionspräsident Romano Prodi, der seinen erkrankten Amtsvorgänger Jacques Delors vertritt, nennt Kohl "a dreamer and a maker", einen Träumer und Macher. Kohl habe seine Träume in die Realität überführt, er habe die deutsche Einheit geschaffen und die europäische Einigung unumkehrbar gemacht.

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Von der neuen Briefmarke überreichte Merkel dem Altkanzler ein Album mit Erstdrucken.

(Foto: REUTERS)

Prodi spart auch das heikle Thema Euro nicht aus. Mit Blick auf die Einhaltung der Stabilitätskriterien sei Kohl sich der Risiken bewusst gewesen, sagt Prodi. Aber es sei damals unmöglich gewesen, alles zu tun, was nötig gewesen wäre. "Wir haben oft darüber gesprochen, was in der Zukunft noch notwendig werden würde", so Prodi. Die Verantwortung für die Euro-Krise schiebt der Italiener späteren Politikern zu. Europa sei in eine "Phase der Furcht" geraten, Furcht vor der Zukunft, Furcht vor China, Furcht vor populistischen Parteien. Dies habe zu kurzsichtigen Entscheidungen geführt.

Merkel zitiert Strauß: "Der Kohl wird nie Kanzler werden"

Die zentrale Rede hält die Bundeskanzlerin. Ihr Verhältnis zu Kohl ist fast so spannungsreich wie das von Schäuble: Ohne Kohls Wiedervereinigung wäre sie nicht in die Politik gegangen, ohne Kohl wäre sie nicht Ministerin geworden, ohne Kohls Spendenaffäre nicht CDU-Chefin und auch nicht Bundeskanzlerin. Ausführlich trägt sie ein Zitat des früheren CSU-Vorsitzenden und Kohl-Rivalen Franz Josef Strauß vor, der 1976 in seiner legendären Wienerwald-Rede sagte: "Und glauben Sie mir eines, der Helmut Kohl wird nie Kanzler werden, der wird mit 90 Jahren die Memoiren schreiben: 'Ich war 40 Jahre Kanzlerkandidat, Lehren und Erfahrungen aus einer bitteren Epoche.' Vielleicht ist das letzte Kapitel in Sibirien geschrieben oder wo." Merkel hat die Lacher auf ihrer Seite.

Wie die anderen Redner würdigt Merkel Kohls Rolle bei der deutschen Einheit und dem europäischen Einigungsprozess. Kohl habe sich "um unser Land und Europa verdient gemacht", betont sie. Aber Merkel will mehr: Sie vereinnahmt den historischen Kohl kurzerhand für ihre eigene Politik. Kohl habe einen "Modernisierungskurs" eingeschlagen, betont sie und verweist auf die von Kohl versuchte Haushaltskonsolidierung, die Einführung eines Erziehungsgeldes 1986, die Rentenreform von 1989, die Pflegeversicherung von 1995 und darauf, dass unter Kohl "umweltpolitische Elemente" Eingang ins Steuerrecht fanden und 1986 das Bundesumweltministerium gebildet wurde. Damit sei "ein Grundstein für Deutschlands Rolle als wichtiger umweltpolitischer Vorreiter" in der Welt gelegt worden, befindet Merkel.

"Es war eine fantastische Zeit"

Dann enthüllt sie eine Briefmarke mit dem Konterfei des Altkanzlers. Sie zeige die Persönlichkeit Kohls "auf kleinstem Format", witzelt die Kanzlerin. Ab 11. Oktober ist die Marke zu haben, ihr Wert: 55 Cent. Doch die Bürger werden ihre Briefe damit wohl nur wenige Wochen problemlos frankieren können: Die Post wird, wenn die Bundesnetzagentur zustimmt, das Porto für Standardbriefe ab 1. Januar um drei Cent erhöhen.

Kohl hat das letzte Wort. Er spricht fünf Minuten lang, teilweise undeutlich. Er dankt den Gästen und den Rednern, dankt auch denen, "die mich provoziert, die mich herausgefordert haben". Er betont, Europa dürfe nie wieder im Krieg versinken. "Machen wir uns auf den Weg, warten wir nicht auf jene, die ..." - der Rest des Satzes ist nicht zu verstehen. Dennoch wirkt Kohl geistig voll da. Doch naturgemäß geht auch sein Blick eher zurück. "Es war eine fantastische Zeit", sagt er. Das versteht jeder.

Quelle: ntv.de