Politik

Polizei räumt besetzte Unis Der Frust wächst

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Die Polizei räumt das Casino der Uni Frankfurt, das Studenten tagelang besetzt hielten.

(Foto: dpa)

Die Stimmung kippt. Während Bundespräsident Köhler in Leipzig noch Verständnis für die protestierenden Studenten zeigt, räumt andernorts die Polizei besetzte Hörsäle. Seit Wochen demonstrieren Studenten gegen schlechte Studienbedingungen. Doch bewegt hat sich nichts. Und langsam wächst der Frust.

Mittags in Leipzig klingt alles noch nach Unterstützung. Die Universität der Stadt feiert ihren 600. Geburtstag. Bundespräsident Köhler ist gekommen. Er kritisiert die Verantwortlichen für die Umsetzung der Hochschulreformen und stellt sich auf die Seite der Studenten. Deren Klagen dürften einen nicht wundern.

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Bundespräsident Köhler gratuliert dem Rektor der Leipziger Universität zum 600-jährigen Bestehen der Hochschule.

(Foto: dpa)

Abends in Frankfurt kommt die Polizei und räumt das von 200 Studenten besetzte Casino der Universität. Eine Reihe von ihnen habe getragen werden müssen, so ein Polizeisprecher. Die Hochschulleitung erstattet Anzeige wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch.

Die Uni Frankfurt reiht sich damit in eine zunehmende Zahl von Hochschulen, die ihre besetzten Hörsäle von der Polizei räumen lassen. Köln, Bochum, Bonn, Dortmund sind weitere.

In Dortmund reißt der Unileitung der Geduldsfaden am Montagabend um sieben. 40 Beamte stürmen den Hörsaal 3 und tragen 30 Studenten auf die Straße. "Von uns kam Angebot auf Angebot, aber nie haben wir eine Rückmeldung bekommen", sagt Universitätssprecher Ole Lünnemann. Die Hochschule habe den Hörsaal gebraucht und ihn deshalb räumen müssen.

Zwei Gesichter der Rektorin

"Unverhältnismäßig" nennen die Dortmunder Studenten die Reaktion der Unileitung. Die Rektorin habe während des Protestes zwei Gesichter gezeigt. "Erst erklärt sie sich solidarisch, dann lässt sie räumen, das ist enttäuschend", sagt einer der Hörsaalbesetzer.

Nach etlichen Wochen Unistreik zeigt sich, wie verfahren die Situation ist. Unter den Studenten macht sich mehr und mehr Frust breit: "Ich hätte schon erwartet, dass da schneller was passiert", sagt zum Beispiel Anja Gadow, Vorstandsmitglied des Freien Zusammenschlusses von StudentInnenschaften (fzs), einem Dachverband der Studierendenvertretungen in Deutschland.

"Gespräche helfen ja nicht"

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Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, fordert mehr Geld für die Hochschulen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Am Mittwoch hat sie an einem Treffen mit der Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Margret Wintermantel, teilgenommen. Konstruktiv sei die Atmosphäre gewesen, beide Seiten hätten ihre Sichtweisen vorgetragen. Alle seien sich einig, dass es an den Hochschulen massive Probleme gebe. "Aber Gespräche allein helfen ja nicht", so Gadow im Gespräch mit n-tv.de.

Politik und Rektoren schieben sich derzeit gegenseitig die Verantwortung für die Situation an den deutschen Universitäten zu. Bundesbildungsministerin Schavan verlangt von den Hochschulen, Fehler zu korrigieren, die sie bei der Umsetzung der Bologna-Reform gemacht hätten. In Bologna hatten sich 40 Staaten dazu verpflichtet, ihr Studienangebot in international vergleichbare Bachelor- und Masterfächer umzustellen.

"Wir brauchen mehr Geld"

"Jede Vorlesung mit einer Prüfung zu verbinden, ein Wettbewerb um Stofffülle – das sind keine politischen Vorgaben", sagt Schavan. "Die Hochschulen handeln längst", antwortet HRK-Präsidentin Wintermantel. Das Hauptproblem sei die mangelnde finanzielle Ausstattung. "Wir brauchen mehr Geld und weniger Regulierungen." Die Ministerin hat nun für April einen Bologna-Gipfel vorgeschlagen.

Viel zu spät sei das, sagt Irene Thesing, die in Münster studiert und an der Organisation der bundesweiten Studentenproteste beteiligt ist. Es sei zwar toll, dass es endlich eine Diskussion gebe. "Aber wir brauchen konkrete Gesetze, klare Vorgaben, sonst ändert sich nichts." Auch sie ist zunehmend frustriert: "Im Moment gibt es keine erkennbare Bewegung in diese Richtung."

Studentenproteste "nicht repräsentativ"

Hochschulen agieren eben eher langfristig, sagt Patrick Honecker, Sprecher der Universität Köln. Nächstes Jahr seien die ersten Bachelor-Jahrgänge mit ihrem Studium fertig. "Die werden wir dann befragen, um herauszufinden, ob und welche Probleme es gibt." Die Studentenproteste seien zwar wichtig. "Aber die Leute, die daran teilnehmen, sind nicht repräsentativ."

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Die Studenten der Fachhochschule Nürnberg stellen sich auf eine Besetzung auch über Weihnachten ein.

(Foto: dpa)

An vielen Universitäten seien die Abbrecherquoten in geisteswissenschaftlichen Fächern nach der Bologna-Umstellung massiv gesunken. "Offenbar sind viele Studenten auch ganz zufrieden mit der Entwicklung", so Honecker gegenüber n-tv.de. Die Besetzung von Hörsälen sei auch deshalb keine Form von Protest, die weiterführt. Als sich die Unileitung in Köln zur Räumung entschlossen habe, hätten gerade mal 75 Studenten in der Aula gesessen, in die eigentlich 750 Leute passen.

"Vielleicht sind wir noch Ostern hier"

In Potsdam dagegen will die Unileitung das besetzte Audimax nicht räumen lassen und sich stattdessen mit den Studenten an einem Runden Tisch treffen. "Eine Räumung befördert ja keine Lösung. Damit setzt man nur eine Machtposition durch", erklärt Hochschulsprecherin Birgit Mangelsdorf. Die Studenten dürften den Hörsaal solange besetzt halten, bis es eine Einigung gebe. Wie lange das dauert, könne sie nicht abschätzen, so die Sprecherin. Vorsorglich hat die Universität ein Zelt gemietet, in dem die verdrängten Veranstaltungen bis zum Streikende stattfinden.

Auch in Nürnberg rechnet niemand mit einem schnellen Ende der Proteste. An der Fachhochschule richten sich die Demonstranten schon auf eine Besetzung über Weihnachten ein. "Am Sonntag haben wir einen Weihnachtsbaum aufgestellt", zitiert eine Zeitung einen Studenten. "Und mal schauen, vielleicht sind wir noch Ostern hier."

Quelle: n-tv.de

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