Politik

Alter Wein aus neuen Schläuchen Der Ukraine fehlt ein Anführer von Format

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Im Netz kursiert derzeit dieses enorm populäre Gleichnis zwischen Timoschenko und Janukowitsch.

(Foto: www.vk.com)

Janukowitsch geflohen, Timoschenko frei, die Revolution siegreich. Doch nach dem turbulenten Wochenende ist die Katerstimmung in Kiew groß: Die Ukraine steht vor einem gewaltigen Berg an Problemen - und hat die Wahl zwischen Pest und Cholera.

"Liebe Julia, wir sind sehr froh, dass Sie nicht mehr im Gefängnis sind. Aber eines sollten wir klarstellen: Wir haben nicht Ihretwegen auf dem Maidan ausgeharrt. Wir haben nicht für Sie gekämpft. Weil Sie schwer krank sind, wollten Sie sich in Deutschland behandeln lassen. Fahren Sie und hängen Sie anschließend noch eine lange Kur dran." Wer dieser Tage auf dem ukrainischen Facebook-Pendant vkontakte unterwegs ist, stolpert unweigerlich über einen offenen Brief an die frisch aus der Haft entlassene Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko.

Die anonym verfassten Zeilen verbreiten sich wie ein Lauffeuer in dem sozialen Netzwerk. An fast jeder Pinnwand klebt eine von mehreren Versionen des Briefs, der zeigt, wie skeptisch zumindest der internetaffine Teil der ukrainischen Bevölkerung der Oppositionspolitikerin gegenübersteht: "Sie können gerne zurückkommen - aber bitte erst in fünf Jahren. Bis dahin müssen wir einen neuen Staat aufbauen, die Wirtschaft retten und eine ganze Reihe von unpopulären Reformen durchsetzen. Da stören Ihr Charisma und Ihr Populismus nur."

In der Ukraine hat man nicht vergessen, dass die Blondine mit dem goldenen Haarkranz als Ex-Oligarchin nicht nur Teil des alten Systems ist, sondern mit Pausen von 2004 bis 2010 auch eine Mitschuld an der momentanen Staatsmalaise trägt. Insofern liegen die Verfasser des Briefes mit ihrer Kritik an Timoschenko goldrichtig, nur in einem Punkt eben nicht: Um einen erfolgreichen Neustart hinlegen zu können, braucht die Ukraine dringend einen charismatischen Anführer - eine Eigenschaft, die fast der kompletten Oppositionsspitze abgeht. Und die dringend benötigt wird, um die Bevölkerung in den kommenden schweren Jahren trotz aller notwendiger Entbehrungen bei der Stange zu halten.

"Der hat doch 20 Jahre lang auf die Nuss bekommen"

Zwar wird vor allem Vitali Klitschko von westlichen Medien seit Anbeginn der Proteste im November  immer wieder als Oppositionsführer bezeichnet, den realen Verhältnissen im Land wird das aber nicht gerecht. Zwar gilt Klitschko als ehrliche Haut und einer der wenigen Mächtigen, die ihr Geld nicht mit undurchsichtigen Geschäften verdient haben. So richtig ernst nehmen ihn die Menschen auf dem Maidan aber nicht: Zu holprig sind seine Reden, zu schlecht ist sein Ukrainisch, zu lange hat er in Deutschland gelebt. So zuverlässig wie Klitschko wird sonst niemand auf dem Maidan ausgebuht, zudem nehmen ihm die Demonstranten seinen Handschlag mit Ex-Präsident Janukowitsch vom vorigen Freitag übel. Eine junge Krankenschwester fasst treffend zusammen, was viele Ukrainer denken dürften: "Ich mag Klitschko, er ist ein super Boxer und ein netter Typ. Aber der hat doch 20 Jahre lang auf die Nuss bekommen - wie soll so einer denn ordentliche Politik machen?"

Über mangelndes Charisma kann sich Oleg Tjagnibok zwar nicht beschweren, die Reden des Führers der nationalistischen Swoboda-Partei haben das Prädikat "flammend" mehr als verdient. Aber obwohl der Politiker die Massen auf dem Maidan mitzureißen weiß, fehlt ihm dank der politischen Position seiner Partei der Rückhalt in weiten Teilen der Bevölkerung. Es sind nicht nur die irgendwo zwischen Rechtspopulismus und Rechtsradikalität angesiedelten Thesen von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, die die Leute abschrecken, sondern vielmehr die Fixierung auf den Westen der Ukraine, der automatisch die Hälfte der Bevölkerung als Wähler Tjagniboks ausschließt. Zum Glück, möchte man sagen, denn seine persönliche Strahlkraft lässt sich nicht leugnen.

Eine Strahlkraft, die den verbliebenen beiden Namen aus dem Kartenspiel der Staatenlenker in spe, das momentan fast täglich neu gemischt wird, fast völlig abgeht. Nicht umsonst geht es für den unscheinbaren Intellektuellen Arseni Jazenjuk nach der Freilassung seiner Chefin nur noch um das Amt des Ministerpräsidenten, das Timoschenko mittlerweile so vehement von sich gewiesen hat. Genau wie für Petro Poroschenko, den milliardenschweren "Schokoladenkönig", der in den vergangenen Jahren so oft die Seiten gewechselt hat wie seine Unterhemden und der sich in den vergangenen Monaten immer wieder auf dem Maidan blicken ließ. Zwar gilt der Oligarch als vergleichsweise volksnah und findet sowohl im Westen als auch im Osten des Landes Unterstützung. Gleichzeitig ordnen ihn die Ukrainer aber der alten Elite zu, die für den ganzen Schlamassel verantwortlich zeichnet.

"Die Politiker von heute haben Euch nicht verdient!"

So wie Julia Timoschenko eigentlich auch. Viele Ukrainer lasten ihr an, dass sie in den von Korruption geprägten 90er Jahren als Chefin eines Energieunternehmens zu enormem Reichtum kam. Sie sehen sie als Teil des von Oligarchen beherrschten Systems, als skrupellose Opportunistin ohne klare Positionen. Als solche ist sie sich aber auch nicht zu schade, die geschundene Volksseele mit warmen und vor Pathos triefenden Worten zu balsamieren. Sie vergießt ein paar Tränen für die "gefallenen Helden", bringt sich selbst als "Garantie dafür, dass Ihr nicht verraten werdet", in Stellung und fängt geschickt die antipolitische Grundstimmung der Massen auf: "Die Politiker von heute haben Euch nicht verdient!" Dass sie sich damit im Grunde genommen selbst meinen muss - geschenkt. Der Applaus auf dem Maidan war nach ihrer Rede am Samstag lauter als die vereinzelten Buh-Rufe.

Die Situation in der Ukraine ist nach dem Machtwechsel nicht viel einfacher als davor, noch immer steht das Land an einem Scheideweg. Auch wenn momentan einiges darauf hindeutet, dass ein Großteil der Bevölkerung aus Mangel an Alternativen durchaus dazu bereit wäre, alten Wein aus neuen Schläuchen zu trinken, schmecken wird er längst nicht allen. Dafür fehlt ein Anführer mit Format. Einer auf den sich alle einigen können, weil er eine Vision für das Land hat und selbst frei von Altlasten ist.

Lech Wałęsa hat vor mehr als 30 Jahren in Polen bewiesen, dass es dafür keinen gelernten Politiker braucht.

Quelle: n-tv.de

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