Politik
Manning auf dem Weg zu einer Voranhörung.
Manning auf dem Weg zu einer Voranhörung.(Foto: dpa)
Montag, 03. Juni 2013

Manning gegen die Vereinigten Staaten: Der ewige Außenseiter

Von Julian Vetten

Bradley Manning sorgt im April 2010 für das größte Sicherheitsleck in der Geschichte der USA, als er mehr als er Hunderttausende geheime Dokumente an die Enthüllungsplattform WikiLeaks weitergibt. Nun beginnt der Prozess gegen den 25-Jährigen, und wieder stellt sich die Frage: Wer ist dieser Mann, der die USA vor aller Welt vorführte?

Ein paar gedrungene Häuser mit von der Sonne verbrannten Vorgärten, ein schmutziges Taco-Restaurant und eine schnurgerade Straße, an deren Rändern sich tiefe Risse durch den Asphalt ziehen: Willkommen in Crescent, Oklahoma. Fast 100 Kilometer sind es von diesem 1000-Einwohner-Kaff mitten im amerikanischen Nirgendwo bis in die nächstgrößere Stadt Oklahoma City. Der Hund hängt hier sprichwörtlich tot über dem Zaun. Und doch kennt in den Staaten fast jeder das Dorf – immerhin stammt Amerikas interner Staatsfeind Nummer eins aus Crescent: Bradley Manning, der als Soldat im Irak WikiLeaks mit Tausenden von geheimen Dokumenten versorgte und der Enthüllungsplattform damit zu ihrem bislang größten Coup verhalf.

Im Mai 2010 nahm die Militärpolizei Manning auf seinem Stützpunkt nahe Bagdad fest, seitdem wartet der schmächtige Obergefreite auf seinen Prozess. 22 Anklagepunkte werden dem 25-Jährigen zur Last gelegt, darunter auch die Unterstützung der Terrororganisation Al-Kaida – bei einer Verurteilung könnte Manning den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen.

In einer im Februar verlesenen Erklärung beschrieb Manning, wie er während seiner Stationierung im Irak Dokumente von Militärrechnern heruntergeladen habe. Dabei brachte er zwei Datenbanken in seinen Besitz, in der die täglichen Zwischenfälle der US-Einsätze im Irak und in Afghanistan aufgeführt wurden. Außerdem kopierte der Obergefreite vertrauliche Depeschen der US-Diplomatie und ein schockierendes Video, das den tödlichen Beschuss von Zivilisten durch einen US-Kampfhubschrauber zeigt. Die Veröffentlichung des Videos durch WikiLeaks im April 2010 sorgte weltweit für Wirbel. In den folgenden Monaten machte die Enthüllungsplattform außerdem mehr als 250.000 diplomatische Depeschen der USA und zehntausende Geheimunterlagen zu den Einsätzen in Afghanistan und im Irak publik.

Mehr Kirchenbänke als Menschen

Doch zurück nach Crescent: Wer Mannings Motivation verstehen will, warum er trotz drakonischer Strafen den Geheimnisverrat wagte, muss hier mit der Suche beginnen. Schon früh eckte der Junge in der Kleinstadt an. Beim Fahneneid verweigerte er, die Teile zu rezitieren, die sich auf Gott bezogen, in einer späteren E-Mail bezeichnete er Crescent als Ort, in dem es "mehr Kirchenbänke als Menschen gibt".

Der Prototyp des ewigen Außenseiters: Bradley Manning
Der Prototyp des ewigen Außenseiters: Bradley Manning(Foto: REUTERS)

Klar, dass das in einer Gegend, die nicht umsonst als "Bibelgürtel", als "Bible Belt" bezeichnet wird, nicht gut ankam. Manning, der Computerspiele lieber hackte anstatt sie zu spielen, war von Beginn an ein Pariah, der nicht in die Konformität des amerikanischen Traumes passen wollte. Auch die Scheidung seiner Eltern und der Umzug in die walisische Heimat seiner Mutter änderten nichts an Mannings Außenseiterrolle.

Egal, ob seine Computeraffinität, der amerikanische Akzent oder seine Liebe zu Dr. Pepper: Manning litt in Großbritannien massiv unter dem Mobbing der walisischen Mitschüler. Als die dann auch noch vermuteten, er könnte schwul sein, wurde sein Leben vollends zur Hölle. Sein ehemaliger Mitschüler Rowan John, der sich damals bereits geoutet hatte, erinnert sich: "So offensichtlich anders zu sein wie Bradley und ich – das war mitten im Nirgendwo in etwa so, als hätten wir eine Zeitreise ins finstere Mittelalter gewagt."

Nachdem Manning sich mit Müh und Not durch die schwierigen High-School-Jahre gekämpft hatte, schickte ihn die Mutter zurück zu seinem Vater und seiner älteren Schwester nach Crescent. Besser wurde sein Leben dort nicht, ganz im Gegenteil: Nach einer kurzen Episode bei einer kleinen Softwarefirma, bei der Manning sowohl wegen seiner brillanten PC-Fertigkeiten als auch wegen seiner aufbrausenden Art auffiel und schlussendlich gefeuert wurde, fand der Vater heraus, dass sein Sohn schwul war – und schmiss ihn aus dem Haus.

"Wisch den Boden!"

Manning war damit am absoluten Tiefpunkt seines bisherigen Lebens angekommen: Er lebte aus seinem Wagen heraus und versuchte, sich mit Minijobs über Wasser zu halten. 2007 beschloss der junge Mann, seinem Leben eine Richtung zu geben und bei der Armee anzuheuern. Seine Fähigkeiten am Computer waren dabei zwar gern gesehen, abseits des Bildschirms aber wurde Manning mehr denn je wie ein Außenseiter behandelt. "Ich wurde nur dann nicht von meinen Vorgesetzten ignoriert, wenn ich etwas Wichtiges am PC zu erledigen hatte. Danach hieß es dann wieder: 'Bring mir einen Kaffee und wisch den Boden!'", schreibt Manning in einer E-Mail an einen Vertrauten.

Im Fadenkreuz: Ein Ausschnitt aus dem schockierenden Video, das Manning 2010 an Wikileaks weitergab.
Im Fadenkreuz: Ein Ausschnitt aus dem schockierenden Video, das Manning 2010 an Wikileaks weitergab.(Foto: Reuters)

Kurz vor seiner Versetzung in den Irak lernte er Tyler Watkins kennen, seines Zeichens Sänger und Drag Queen. Manning verliebte sich Hals über Kopf in den extrovertierten Musiker und fand in dessen Dunstkreis genau das Gegenteil des von ihm so gehassten Militärlebens: Bei Watkins und seinen Freunden durfte er ganz Nerd sein, sie akzeptierten sowohl seine liberalen politischen Einstellungen als auch seine Homosexualität – und viele von ihnen waren Hacker.

Hier reifte Mannings Plan, seine einmalige Stellung im US-Militär dafür zu nutzen, vertrauliche und geheime Informationen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nach und nach sammelte er die sensiblen Daten aus dem Militärnetzwerk, bis er im Januar 2010 schließlich den Volltreffer landete: Das schockierende Video, in dem ein US-Kampfhubschrauber mindestens zwölf Zivilisten erschießt, darunter auch zwei Reuters-Fotografen. Zusammen mit einer wahren Flut von geheimen Dokumenten landete das Material bei Wikileaks und schlug nach der Veröffentlichung in ausgewählten Medien weltweit ein wie eine Bombe.

An der Eitelkeit gepackt

Auf Mannings Spur kam das US-Militär, weil die Eitelkeit den jungen Mann packte. In einem Chat mit dem berühmt-berüchtigten Hacker Adrian Lamo gab Manning mit seiner Tat an, woraufhin dieser den Obergefreiten bei der Staatsmacht verpfiff. Was dann folgte, ließ Mannings bisheriges Leben wie einen Ausflug auf den Ponyhof wirken: Zunächst saß er in Isolationshaft in einem Militärgefängnis in Kuwait, dann in einer Einzelzelle auf dem Stützpunkt Quantico im US-Bundesstaat Virginia – wegen angeblicher Selbstmordgefahr wurde ihm sämtliche Kleidung abgenommen, alle fünf Minuten musste er die Frage "Are you ok?" positiv beantworten. Nach Protesten von Menschenrechtsaktivisten gegen die Haftbedingungen verlegte ihn die Armee im Frühjahr 2011 schließlich in das Militärgefängnis Fort Leavenworth in Kansas.

Die meiste Zeit des langen Vorverfahrens schwieg der Obergefreite zu den ihm zur Last gelegten Vorwürfen. Bei einer Anhörung Ende Februar meldete er sich dann erstmals zu Wort und räumte die Weitergabe von vertraulichen Informationen ein. Die Geheimdokumente stünden für "die nicht sichtbare Realität der Konflikte im Irak und in Afghanistan", sagte Manning. Er habe geglaubt, eine Debatte über "Außenpolitik und den Krieg allgemein" auslösen zu können.

Der Angeklagte bot damals an, sich in zehn von 22 Anklagepunkten schuldig zu bekennen - darunter unerlaubter Besitz und vorsätzliche Weitergabe von Geheimdokumenten. Selbst dafür könnte er bis zu 20 Jahre ins Gefängnis kommen. Doch die Staatsanwaltschaft ließ bislang nur einen minderschweren Anklagepunkt fallen und hält an den drastischen Vorwürfen der Spionage und der Unterstützung des Feinds fest.

Mehr als drei Jahre nach Mannings Festnahme beginnt nun endlich der Prozess auf der nordöstlich von Washington gelegenen Militärbasis Fort Meade, der auf zwölf Wochen angesetzt ist. Hunderte Zeugen sollen aussagen, von denen das Gericht zwei Dutzend wegen Sicherheitsbedenken nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit hören will. In den Zeugenstand dürfte neben mehreren US-Botschaftern auch einer der Elitesoldaten treten, die im Mai 2011 Al-Kaida-Chef Osama bin Laden in seinem pakistanischen Versteck töteten.

"Es würde mich nicht stören, wenn sie mich hinrichten oder für den Rest meines Lebens hinter Gittern bringen - solange mein Gesicht auf den Titelseiten der Weltpresse prangt", schrieb Manning in einer Mail an einen Vertrauten. Das zumindest hat der ewige Außenseiter aus dem verschlafenen Crescent schon lange erreicht.

Quelle: n-tv.de