Politik

Zum Tod von John McCain Der integre Patriot

7ef830c65841911d898bde2b659cc04a.jpg

John McCain als Präsidentschaftskandidat in Tampa Anfang November 2008.

AP

Innenpolitisch war Senator John McCain ein Glücksfall für die Demokratie, ein Verfechter von Werten, gezeichnet von Folter und einem frühen Korruptionsskandal. Außenpolitisch war er ein Hardliner, wurde aber trotzdem als Friedensstifter geehrt. Zum Tod eines großen Politikers.

Noch etwas zittrig ist er, aber standhaft. "Zur Hölle mit den Großmäulern im Fernsehen und Internet!", klingt es durch den US-Senat. Ein kurzer Applaus von den Bänken. "Unsere Unfähigkeit ist ihre Lebensgrundlage!" Es ist der 25. Juli 2017. John McCain, vor knapp zwei Wochen operiert wegen eines Hirntumors, eine große Narbe über seinem linken Auge, erklärt sein Nein zur Abschaffung von Obamacare. Der republikanische Senator wird grundsätzlich. Er rügt den fehlenden Willen zum Kompromiss, den Stillstand in der Parlamentskammer – und auch seine eigene Partei, gegen die er stimmt. Gesundheitsversorgung, das war eines der Herzensthemen für den 81-Jährigen.

Schon früh wird die Frage um Leben oder Tod für McCain zu einer entscheidenden. Als Pilot bei der US Navy folgt er in den 1950er Jahren seinem Vater und Großvater, beide Admirale, zur Marine. Als er im Jahr 1967 Hanoi bombardiert, wird er abgeschossen und gerät in nordvietnamesische Kriegsgefangenschaft. Der Lagerkommandant, genannt "Die Katze", bietet an, ihn freizulassen. McCain lehnt ab. Ein Kamerad solle zuerst ausgeliefert werden, da er auch zuerst gefangen genommen wurde. "Sie hätten es mir nicht angeboten, wenn ich nicht der Sohn eines Admirals gewesen wäre. Es war nicht ehrenhaft", wird er seine Entscheidung begründen.

Nach sechs Jahren kommt er frei und kehrt in die Vereinigten Staaten zurück, von Folter für sein Leben gezeichnet; körperlich, psychisch, politisch. Als er für Arizona und die Republikaner ins Repräsentantenhaus einzieht, ist er die ersten Jahre größtenteils auf Linie mit dem damaligen Präsidenten Ronald Reagan und dessen Vorstellung eines schmalen Staates; der These, dass Reichtum für Reiche auch Armen hilft und niedrigere Steuern zu höheren Einnahmen führen. Zugleich stellt er sich gegen die Einführung eines Martin-Luther-King-Feiertags. Er bezeichnet das später als Fehler.

Dem eigenen Gewissen verpflichtet

Ab 1987 sitzt McCain für Arizona im Senat und ist bald in den Korruptionsskandal der "Keating Five" verwickelt: Über Jahre hatte er gemeinsam mit vier anderen Senatoren legale Spenden des Finanzinvestors Charles Keating erhalten. Als gegen dessen Firma ermittelt werden sollte, griffen die Politiker zu seinen Gunsten ein. Offiziell hat das keine Folgen für McCain, wohl aber für ihn persönlich. Er fängt an, einen langwierigen Kampf gegen übermäßige Einflussnahme durch Unternehmen, Lobbyisten und Großspender zu führen. Eines seiner Prinzipien tritt zutage: Ich, der Gewissenhafte. Es wird in den 1990er Jahren noch deutlicher sichtbar und McCain zum "Maverick", einem politischen Einzelkämpfer. Während sich die Parteilinien zu den Demokraten verhärten, positioniert er sich dazwischen. Er ist gegen einen Militäreinsatz in Somalia, stellt sich gegen parteipolitische Verwendung von Staatsgeldern für bestimmte Abgeordnete und attackiert gemeinsam mit den Demokraten und ihrem Präsidenten Bill Clinton die Tabakindustrie.

*Datenschutz

Sein Ruf als integrer Patriot macht ihn populär. Zweimal will McCain ins Weiße Haus. Das erste Mal, im Jahr 2000, verliert er die republikanischen Vorwahlen knapp gegen den späteren Präsidenten George W. Bush. Als dessen Amtszeit endet, versucht er es im Jahr 2008 erneut. Diesmal kommt er einen Schritt weiter und tritt gegen den Demokraten, den jungen, dynamischen und schwarzen Senatskollegen Barack Obama an. Aber nach 9/11, Jahren umstrittener Außenpolitik, den Folterskandalen um Abu Ghraib und Guantánamo, der zweifelhaften Begründung zum Einmarsch in den Irak, da stehen die Zeichen auf einen radikaleren Wechsel. Ein weißer Kriegsveteran? Auch wenn der noch so moderat ist, steht der nicht für das, was die Mehrheit in den USA will.

Im Wahlkampf kam es zuvor zu einer denkwürdigen Szene. Bei einem republikanischen Town Hall Meeting in Minnesota sagt eine Frau, sie habe gehört, Obama sei ein "Araber". Andere bezeichnen den Kandidaten der Demokraten mit lauten Rufen als Lügner und Terroristen. Einer fürchtet sich vor einer Präsidentschaft Obamas, ein anderer, dass er die Vereinigten Staaten in den Sozialismus führen werde. McCain sagt: "Senator Obama ist ein guter Mensch und Sie müssen sich vor ihm als Präsident nicht fürchten." Einige Anwesende reagieren ungehalten auf die ungewohnt versöhnlichen Wahlkampftöne. Doch McCain bleibt bei seiner Linie. Mehrmals verteidigt er seinen Kontrahenten gegen verbale Angriffe und mahnt dazu, respektvoll zu bleiben. "Wir haben nur unterschiedliche politische Meinungen." Das Publikum buht ihn aus.

Folgenschwere Personalentscheidung

Neben Ehrgefühl zeigt die Szene ein weiteres Prinzip McCains, vielleicht so deutlich wie nie zuvor im traditionell schrillen Präsidentschaftswahlkampf: Ich, der Vermittler. Doch der moderate McCain, der hat 2008 aus seiner Sicht auch einen großen Fehler gemacht: Er hörte auf seine Berater und machte die evangelikale Gouverneurin Sarah Palin zu seiner Vizekandidatin. Sie wurde zur Führungsfigur der konservativen Tea-Party-Bewegung. Die Republikaner öffneten sich in der Folge immer weiter für Radikale, am Ende stand die Wahl von Donald Trump. Die Werte McCains vertritt der nicht.

Ganz im Gegensatz zu seiner innenpolitischen Überzeugung von Kooperation war der Republikaner in internationalen Angelegenheiten auf der Seite der Hardliner und galt häufig als Falke. Als Trump im November 2016 die Wahl gewinnt, gibt McCain kurze Zeit später das berüchtigte Steele-Dossier an das FBI weiter; ein wichtiger Baustein für die Arbeit von Sonderermittler Robert Mueller, der Trumps mögliche Absprachen mit Russland über die Beeinflussung der Präsidentschaftswahl zu seinen Gunsten untersucht. McCain war gegen das Atomabkommen mit dem Iran. Er forderte Cyberangriffe gegen Russland und kritisierte Trumps Schlingerkurs scharf: "Putin ist unser Feind." Trotzdem erhielt er Anfang des Jahres den Friedenspreis der Münchner Sicherheitskonferenz – wegen seines Einsatzes für transatlantische Zusammenarbeit.

McCains Widerstand gegen Trump war einer gegen den Werteverfall in der US-amerikanischen Politik, der extremen Polarisierung im Zweiparteiensystem, des Siegs um jeden Preis. Sein letzter großer Moment, vielleicht sein größter, kam Ende Juli vergangenen Jahres beim zweiten Versuch der Republikaner, Obamacare abzuschaffen, nur wenige Tage nach seiner Grundsatzrede. Trump hatte grade noch per Telefon auf McCain eingeredet, nun geht der Senator in den Senatssaal und macht den Stimmenzähler mit erhobener Hand auf sich aufmerksam. Der republikanische Mehrheitsführer Mitch McConnell steht regungslos mit verschränkten Armen zwei Meter vor ihm. Sekundenlang starrt er McCain an. McCain senkt den Daumen, dreht sich um und geht. Es ist die entscheidende Stimme. Obamacare bleibt.

"An einer gemeinsamen Antwort auf ein landesweites Problem oder eine Bedrohung zu arbeiten, sind die stolzesten Momente meiner Karriere und die befriedigendsten", hatte er bei seiner Rede gesagt. Ein Seitenhieb auf Trump fehlt darin ebenfalls nicht. "Wir verstecken uns nicht hinter Mauern, wir durchbrechen sie." Er wolle so schnell wie möglich nach dem Ende seiner Behandlung wieder zurückkehren, ließ er die anderen Senatoren wissen. Das konnte er nicht mehr. Am 25. August ist John McCain an seiner Krebserkrankung gestorben. Trump solle zur seiner Beerdigung nicht kommen, sagte McCain vor seinem Tod. Barack Obama schon.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema