Politik
Mittwoch, 04. September 2013

SS-Massaker in Frankreich: Der letzte Tag von Oradour

Von Diana Sierpinski

Über viele Jahrzehnte lehnten die Bewohner von Oradour jeden offiziellen Kontakt zu Deutschland ab. Jetzt besucht Bundespräsident Joachim Gauck jenen Ort, der in Frankreich ein Inbegriff der Nazi-Gräuel ist. Am 10. Juni 1944 marschierten etwa 130 SS-Soldaten in das kleine Dorf und metzelten 642 unschuldige Kinder, Frauen und Männer nieder.

Bis zu jenem heißen Junitag ist Oradour-sur-Glane ein idyllischer, von den Kriegswirren verschonter Flecken im Südwesten Frankreichs. Ein kleines, verschlafenes Dorf, ein "bourg", wie die Franzosen sagen. Eine Trambahn verbindet die 800-Seelen-Gemeinde mit dem 23 Kilometer entfernten Limoges. Es gibt eine Kirche, eine Handvoll Geschäfte, ein paar Handwerksbetriebe und einen Marktplatz. Im Zentrum steht ein Freiheitsbaum. Neben der fast hundertjährigen Eiche befindet sich das "Café du Chêne". Der Wirt hat Tische vor die Tür gestellt. Schließlich ist Sommer.

Eine Gedenktafel, deren Text lautet: "Gedenkstätte: Eine Gruppe von Männern wurde hier von den Deutschen massakriert und verbrannt. Besinnt euch!"
Eine Gedenktafel, deren Text lautet: "Gedenkstätte: Eine Gruppe von Männern wurde hier von den Deutschen massakriert und verbrannt. Besinnt euch!"(Foto: picture alliance / dpa)

Deutsche Soldaten haben die Einwohner von Oradour während des Krieges nicht zu Gesicht bekommen. Doch das sollte sich an jenem Samstag im Juni 1944 ändern. Es ist kurz vor zwei Uhr nachmittags, als das Grauen über das Dorf hereinbricht. Etwa 130 Soldaten der SS-Panzerdivision "Das Reich" marschieren in Oradour ein, andere sperren die Wege ab. Der Bürgermeister wird dazu aufgefordert, alle Einwohner auf dem Marktplatz antreten zu lassen. Um 14.45 Uhr beginnt SS-Obersturmbannführer Adolf Diekmann seine kurze Ansprache an die Bevölkerung. Es gäbe Waffen- und  Munitionsverstecke im Dorf. Jeder, der eine Waffe besitze, solle vortreten. Nur ein Bauer reagiert. Er habe ein Jagdgewehr. Die SS-Männer winken ab.

Frauen und Kinder werden daraufhin in die Kirche geführt, die knapp 200 Männer in fünf Scheunen zusammengepfercht. Unter ihnen auch Robert Hébras, gerade 19 Jahre alt, Kraftfahrzeugmechaniker und leidenschaftlicher Fußballspieler. "Wir hatten seltsamerweise keine Angst", beschreibt Hébras später die Stimmung in der Scheune. Er selbst habe mit seinem Freund über Fußball geplaudert. Eine Stunde vergeht, bis eine laute Explosion die Stille des lauen Sommernachmittags zerreißt. Es ist das Signal für die Soldaten, mit ihren Maschinengewehren auf die eingesperrten Menschen zu feuern. "Die Hölle brach aus", sagt Hébras, der das Massaker wie durch ein Wunder überlebt. Die Ku­geln ver­letzen ihn am Bein und an der Hand. Er stürzt, andere Männer fallen auf ihn. Dann verebbt die Salve. SS-Männer steigen über die zerschossenen Leiber und erledigen jene mit Kopfschüssen, die noch Lebenszeichen von sich geben. Am Ende werfen die SS-Soldaten Stroh über die Toten und zünden sie an. Wer nicht mordet, der plündert oder steckt Häuser in Brand.

Kein Erbarmen mit Kindern und Frauen

Das Versagen der Justiz

Einer der Hauptverantwortlichen für das Massaker, SS-Gruppenführer Heinz Lammerding, war in Bordeaux in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Trotzdem konnte er sich in Düsseldorf eine neue Existenz als erfolgreicher Bauunternehmer aufbauen, der auch mit der Landesregierung Geschäfte machte. Er musste sich bis zu seinem Tod 1971 nicht für seine Taten verantworten.

1983 wird Obersturmführer Heinz Barth der Prozess gemacht und zu lebenslanger Haft verurteilt. Wegen seines schlechten Gesundheitszustandes darf er 15 Jahre später das Gefängnis verlassen. Doch von Reue keine Spur: Weil er wegen der Kriegsverbrechen seine Kriegsopferrente zurückzahlen sollte, geht Barth im Jahr 2000 vor Gericht. Das Skandal-Urteil: Er durfte die bis 1998 monatlich ausgezahlten 800 Mark behalten.

Seit 2011 ermittelt die Dortmunder Zentralstelle für die Bearbeitung von NS-Massenverbrechen gegen sechs mutmaßliche Täter, die alle weit über 80 sind. Drei von ihnen seien nicht mehr vernehmungsfähig, sagt der Dortmunder Staatsanwalt Andreas Brendel. Bei den übrigen sei die Beweislage dürftig.

Als einzige Frau entkommt Marguerite Rouffanche den Nazi-Schergen. Zusammen mit 247 Frauen und 206 Kinder wird die damals 47-Jährige in die Kirche gesperrt. Sie muss mit ansehen, wie SS-Soldaten eine Kiste ins Kirchenschiff tragen, die wenig später explodiert. Anschließend öffnen die Soldaten die Türen und schießen wild umher. Frauen und Kinder werden gnadenlos niedergeschossen, manche mit Granaten beworfen. Rouffanche kann sich in die Sakristei flüchten, wo ihre Tochter auf einer Treppenstufe neben ihr tödlich getroffen wird. Sie selbst überlebt, weil sie sich tot stellt. Schließlich brennt das Gotteshaus. Die Opfer werden unter dem zusammenstürzenden Dach begraben. Rouffanche rettet sich durch einen Sprung aus dem Fenster und überlebt schwer verletzt. An jenem Tag verliert sie ihren Mann, ihren Sohn, ihre zwei Töchter und einen sieben Monate alten Enkel. Neben Rouffanche und Hébras überleben nur vier weitere Männer und ein Kind den blutigen Massenmord.

Insgesamt sterben an jenem schrecklichen Sommertag 642 unschuldige Kinder, Frauen und Männer. Ein ganzes Dorf wird in wenigen Stunden ausgelöscht. Seitdem steht in Oradour die Zeit still. Die Überreste des zerstörten Dorfes sind als einzigartiges Mahnmal erhalten. Nichts wurde verändert. Zwischen den Ruinen stehen rostende Autowracks, angelehnte Fahrräder und verkohlte Kinderwagen. Im Kirchenraum liegt immer noch die Glocke, die zu einer unförmigen Metallmasse geschmolzen ist.

Die Gründe für den Massenmord wurden nie ganz geklärt, vermutlich war es eine willkürliche Strafaktion, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Kurz zuvor waren die Alliierten in der Normandie gelandet, der Widerstand gegen die deutschen Besatzer wuchs.

Rouffanche starb, 90-jährig, 1988. Hébras, der sich unmittelbar nach dem Massenmord für kurze Zeit der Resistance angeschlossen hatte, führt heute Besucher durch die Ruinen, hält Vorträge vor Schulklassen und setzt sich für die dauerhafte Versöhnung zwischen Franzosen und Deutschen ein. Sein Lebenswerk im Kampf gegen das Vergessen wird im Film "Une vie avec Oradour" gewürdigt. Auf der Leinwand sieht man Robert Hébras und Jean-Marcel Darthout, wie sie durch die Trümmer ihres Heimatdorfes gehen. Sie sind die beiden letzten Überlebenden des Massakers, das in Frankreich das Symbol für den Schrecken der Besatzungszeit und die Barbarei der Nationalsozialisten ist und das nie in Vergessenheit geraten darf.

Quelle: n-tv.de