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Graf Lambsdorff führt die Liberalen in die Europawahl Die FDP spielt mit einem Mythos

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Alexander Graf Lambsdorff ist nicht unbedingt ein auffälliger Typ.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Name Graf Lambsdorff bringt Synapsen zum Funken. Die Menschen kennen zwar nicht den neuen Spitzenkandidaten der FDP, aber dessen Onkel Otto. Im Europawahlkampf könnte das ein Vorteil sein - obwohl der "eiserne Graf" überhaupt nicht zum Wunschimage der Partei passt.

Ska wer? Rebecca was? Gabi wie? Die potenziellen Spitzenkandidaten der Grünen für die Europawahl kennen nur die wenigsten. Gleiches gilt für die designierte Kandidatin der Linken. Die FDP umgeht dieses Dilemma geschickt. Der Name Graf Lambsdorff lässt selbst bei jüngeren Semestern die Synapsen funken.

Zwar kennt auch kaum jemand Alexander Graf Lambsdorff, den die Liberalen am Wochenende zu ihrem Spitzenkandidaten gekürt haben, seinen Onkel Otto dagegen schon. Mit ihrer Wahl lässt sich die FDP auf ein Spiel mit einem Mythos ein. Otto Graf Lambsdorff steht für vieles, was die FDP dieser Tage mit aller Macht von sich weist. Trotzdem könnten der neue Spitzenkandidat und seine Partei von der Aura des großen Namen profitieren.

Der verurteilte Wirtschaftsminister

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Der "eiserne Graf" - Otto Lambsdorff.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Tochter des "Spiegel"-Herausgebers Franziska Augstein schrieb nach dem Tod Otto Lambsdorff 2009 in einem Nachruf: "Der Marktgraf war wesentlich daran beteiligt, dass die FDP zur Partei der Besserverdienenden wurde." Eine Behauptung, für die es etliche Belege gibt. Der alte Lambsdorff stammte aus einem alten baltischen Adelshaus. Nach einem Jurastudium schlug er eine Karriere in einem Bankhaus ein. In der Politik machte er sich in der FDP als eiserner Wirtschaftsliberaler einen Namen. Seinen Posten als Wirtschaftsminister musste er aufgeben, weil er wegen Steuerhinterziehung im Zuge der Flick-Affäre zu einer Geldstrafe in Höhe von 180.000 Mark verurteilt wurde.

Auch beim Thema Bürgerrechte, mit dem die Liberalen angesichts der NSA-Affäre besonders gern werben, entspricht Otto Lambsdorff nicht dem Wunschimage der Liberalen von heute. Die Versuche von Parteikollegen, sich gegen das südafrikanische Apartheitsregime zu stemmen, tat er einst als unrealistisch ab. "One man - one vote" gelte dort nunmal nicht, sagte er. Ähnlich weit entfernt von der Strategie der Liberalen dieser Tage ist Otto Lambsdorffs Wirken in Koalitionsfragen. Während sich die Liberalen mittlerweile langsam wieder neuen Optionen und damit auch der SPD öffnen, brachte er durch sein "Lambsdorff-Papier" Anfang der 80er-Jahre die damalige sozialliberale Koalition zum Bruch.

Doch mit dem Wirken bekannter Politiker vergangener Tage und der Erinnerung an sie ist es so eine Sache. Sind sie eine längere Zeit nicht mehr in Amt und Verantwortung verbreitet sich oft ein verklärtes Bild. Das prominenteste Beispiel dafür ist der frühere SPD-Kanzler Helmut Schmidt. Zu Amtszeiten heftig umstritten, hat er heute geradezu einen Popstar-Status inne. Ganz so weit geht es bei Otto Lambsdorff nicht, doch heute denken die Menschen nicht mehr zu allererst an den "eisernen Grafen", wie Augstein ihn nannte. Er erinnert vielmehr an Zeiten, in denen es der FDP besser ging. Und an Zeiten, in denen die Partei wirklich etwas bewegte. Dazu mischt sich vage der Gedanke an einen eigenwilligen, aber vor allem eigenständigen Kopf.

Ein Diplomat durch und durch

Alexander Graf Lambsdorff muss also kaum fürchten, dass ihn die Menschen auch mit seinem Onkel in Verbindung bringen. Im Gegenteil. Er ist nicht besonders auffällig: Er schloss sein Studium der Europäischen Geschichte in den USA ab, arbeitete jahrelang im Auswärtigen Amt und der deutschen Botschaft in Washington. Im EU-Parlament sitzt er in außenpolitischen Ausschüssen. Er ist Diplomat durch und durch. Das machte er auch bei seiner Rede auf dem Parteitag in Bonn deutlich. Zwar setzt auch er auf die Kräfte der Märkte und warnt davor, die Agenda 2010 zurückzudrehen. Doch verteidigt er auch die Hilfen für Griechenland und sagt Sätze wie: "Die Banken müssen in Zukunft selber dafür sorgen, dass bei einer Pleite nicht ganze Volkswirtschaften kaputt gehen."

Im Gegensatz zu Guido Westerwelle ist der junge Lambsdorff geradezu ein Leisetreter. Sein Auftritt passt eher zum zurückhaltenden Agieren des früheren Parteichefs Philipp Rösler. Doch er ist mit seinen 47 Jahren zu alt für die medienwirksame Boygroup-Schublade. Zudem kommt er viel zu kultiviert daher, um an Politiker vom Schlage Rainer Brüderles zu erinnern. Kurzum: Lambsdorff scheint nicht unbedingt dafür gemacht, für Aufsehen zu sorgen, geschweige denn zu polarisieren.

Damit hat er viel gemein mit den Skas, Rebeccas und Gabis der Grünen und Linken und überhaupt mit den meisten deutschen Europapolitikern. Einen Namen zu haben, der bei den Wählern die Synapsen zum Funken bringt, muss angesichts des für gewöhnlich mauen Interesses an der Europawahl ein Wettbewerbsvorteil sein. Ob das reicht, um das Getöse der AfD und anderer eurokritischer Parteien zu übertönen, ist eine andere Frage.

Quelle: n-tv.de

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