Politik

Streitloser Wettstreit in Berlin Europas Freunde der Würmer

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Zwei von ihnen werden Spitzenkandidaten der europäischen Grünen bei der Europawahl: José Bové, Fransziska Keller, Rebecca Harms und Monica Frassoni.

(Foto: Christoph Herwartz / n-tv.de)

Vor der Europawahl soll europaweit diskutiert werden. Vier Politiker tun das und ziehen gemeinsam quer über den Kontinent. Am Ende werden zwei von ihnen die Gesichter der europäischen grünen Partei. Das Problem ist: Alle haben die gleiche Meinung.

Wenn in den USA Präsidentschaftskandidaten gesucht werden, ziehen die Parteien monatelang durch das ganze Land. Zu Tausenden strömen Demokraten und Republikaner in die Hallen und feuern in den "Primary Debates" ihren Favoriten an. Die Kandidaten schalten Werbespots und fahren Kampagnen, um von ihrer Partei ins Rennen ums höchste Staatsamt geschickt zu werden. Die Kontrahenten bekämpfen sich so energisch, dass man sich in Deutschland regelmäßig wundert, dass die danach doch wieder gemeinsam Wahlkampf machen können.

Nach diesem Vorbild wollten sich die europäischen Grünen auf die Europawahl vorbereiten. An einem Samstagnachmittag in Berlin-Friedrichshain lassen sich dann aber kaum Parallelen zum Spektakel in den USA erkennen. Gut 50 Stühle stehen in einem Saal im fünften Stock eines Bürogebäudes. Nach und nach füllt sich der Raum mit Menschen, am Ende sind es vielleicht 150 Grüne, die auf Stühlen und an Stehtischen die Debatte verfolgen. Die Moderatorin deutet es als gutes Zeichen, dass es so voll ist. Man könnte auch sagen: Der Ort ist ein Zeichen dafür, dass nicht einmal die Grünen selbst glauben, dass sie mit so einer Veranstaltung viel Interesse erregen können.

Dabei geht es um eine Wahl mit 400 Millionen Stimmberechtigten, in der über wichtige Themen entschieden wird: Bildet die EU eine Freihandelszone mit den USA? Wie verdaut sie die Euro-Krise? Schützt sie ihre Bürger vor Ausspähungen durch Geheimdienste? Und schreibt sie ihren Mitgliedstaaten weiter die Vorratsdatenspeicherung vor? Und nicht nur das: Zum ersten Mal hat das Europaparlament den entscheidenden Einfluss darauf, wer Präsident der Europäischen Kommission wird und damit für fünf Jahre den Kontinent gestaltet. Gleichzeitig stehen Richtungsentscheidungen an: Wandern wieder mehr Kompetenzen zu den Nationalstaaten zurück oder entwickelt sich die EU zu einem Super-Staat, vielleicht sogar mit einheitlichen Sozialgesetzen?

Die Kontrahenten applaudieren sich gegenseitig

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Eine leidenschaftliche Debatte kam bei der Green Primary Debate in Berlin nicht auf.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das ist eine Menge Stoff, über den sich streiten ließe. Auf dem Podium sitzen Rebecca Harms und Franziska Keller aus Deutschland sowie Monica Frassoni aus Italien. Es fehlt José Bové aus Frankreich, der wegen einer Krankheit nicht kommen kann. Zusammen waren sie schon in Athen, Köln, Göteborg und Madrid. Nach Berlin folgen noch Termine in Prag, London, Rom, Paris und Brüssel. Die Debatten werden ins Internet übertragen. Dort können auch alle EU-Bürger darüber abstimmen, welche zwei dieser vier Kandidaten die Grünen in den Europawahlkampf führen sollen. Das Verfahren hat seine Schwächen und wurde viel kritisiert, aber es ist zumindest der Versuch, vor der europaweiten Wahl eine europaweite Debatte zu führen.

Eine echte Diskussion kommt an diesem Samstagnachmittag allerdings nicht auf. Die Kandidatinnen stellen sich vor und betonen ihre Erfahrung und wie engagiert sie sich in Brüssel für die grünen Themen einsetzen. Sie wollen etwas gegen Überwachung tun, für Flüchtlinge und Jobs schaffen. "Jugendarbeitslosigkeit ist ein richtig großes Problem", sagt Harms. "Wenn wir den Friedensnobelpreis entgegen nehmen, müssen wir auch was für den Frieden tun", sagt Keller. "Europa muss zu einem Sozialraum werden", sagt Frassoni. Niemand würde es merken, wenn man die Zitate vertauschen würde. Nach jedem Statement kommt Applaus und auch die Frauen auf dem Podium beklatschen sich gegenseitig.

"Wir sind natürlich die Freunde der Würmer"

Gibt es inhaltlich überhaupt einen Unterschied zwischen den Kandidaten? In einer Pause fällt Rebecca Harms zunächst gar kein Beispiel ein. Sie habe das Handelsabkommen mit den USA früher abgelehnt als die anderen, sagt sie schließlich. Jetzt sind aber wieder alle auf dem gleichen Kurs. "Es ist ja gerade das Problem dieser Primaries, dass alle Kandidaten dasselbe Programm vertreten." Auch sie ist nicht glücklich mit dem streitlosen Wettstreit.

Für etwas Leben sorgt nur eine missratene Metapher von Franziska Keller. Es geht um die Frage, ob Großbritannien in der EU bleiben sollte. Keller will sagen, dass ein Staat entweder ganz oder gar nicht in der EU sein kann. "Man kann sich nicht die Rosinen rauspicken", sagt sie. Dann will sie den Gedanken weiterführen. "Gibt es ein Gegenteil von Rosinenpicken?", fragt sie und überlegt etwas. "Es gibt auch die Würmer, und die muss man auch mitnehmen." Sie kommt vom Thema ab: "Wir als Grüne sind natürlich die Freunde der Würmer." Sie merkt, dass das nun eine Persiflage auf ihre eigene Partei ist und setzt lieber noch einen drauf: "Wenn einen die Würmer stören, muss man sie umsiedeln."

Franziska Keller will mit ihrer frischen Art und ihrer Jugendlichkeit punkten. Neben ihr wirken Monica Frassoni und Rebecca Harms tatsächlich etwas grau. Dafür bringen sie ihre lange Erfahrung in Brüssel ein. Am Ende werden es diese Eigenschaften sein, die bei den Wählern den Ausschlag geben. Die Grünen werden bald sagen können, dass sie die ersten europaweit basisdemokratisch nominierten Spitzenkandidaten haben. Dass sie auch eine europaweite Diskussion angestoßen haben, sollten sie besser nicht behaupten.

Quelle: n-tv.de

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