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Kinder, die zu Rechtsterroristen wurden Die Familientragödien der NSU-Terroristen

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Böhnhardt und Mundlos auf einem Fahndungsbild von 1998.

picture alliance / dpa

Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt führten mutmaßlich die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds aus. Die Vernehmungen ihrer Angehörigen im Münchner NSU-Prozess lassen ahnen, wie schwierig auch der Umgang der Familien mit den Taten der Söhne ist.

Was waren die mutmaßlichen NSU-Terroristen für Menschen, aus was für Familien kamen sie? Allzuviel hat die Öffentlichkeit von deren Eltern bisher nicht erfahren. Der Vater von Uwe Mundlos, Siegfried Mundlos, gab allerdings bereits vor dem Thüringer Untersuchungsausschuss Auskunft, ebenso wie die Mutter von Uwe Böhnhardt. Brigitte Böhnhardt wird heute auch vor dem Oberlandesgericht in München sprechen. Die Aussagen vor Gericht liefern dabei Einblicke in das Leben zweier Familien, die mehr als nur ihre Söhne verloren haben.

Mundlos gilt als intellektueller Kopf der Zelle. Sein Vater lehrte Informatik an der Jenaer Fachhochschule und versuchte lange erfolglos, das Abdriften seines Sohnes in die rechtsextreme Szene aufzuhalten. Er nahm Kontakt zu anderen Eltern aus dessen braunem Freundeskreis auf, traf sich mit Polizisten. Doch die jungen Neonazis lachten darüber nur. Siegfried Mundlos ist zu dieser Zeit, Anfang der 1990er Jahre, arbeitslos, wie so viele in Jena-Winzerla. Zur Familie gehören noch Mundlos' Mutter, die als Verkäuferin arbeitet, und sein zwei Jahre älterer Bruder, der seit seiner Geburt spastisch gelähmt ist.

Frühere Nachbarn erinnern sich, wie Uwe Mundlos seinen Bruder fürsorglich im Rollstuhl durch das Wohngebiet schiebt. Gleichzeitig liest er alles, was er über die Zeit des Zweiten Weltkrieges finden kann. Aus einer Anti-DDR-Haltung wird immer mehr eine rechtsextreme Gesinnung. Erst recht, als die DDR zusammenbricht. Ein letztes Mal folgt er dem Wunsch der Eltern und unternimmt einen Versuch, doch noch das Abitur zu machen. Er meldet sich auf dem Ilmenau-Kolleg an, doch zu diesem Zeitpunkt ist er in der rechten Szene bereits fest verankert. Andere Meinungen lässt er kaum noch gelten. Gesund, klug und gebildet und trotzdem kehrt er im Januar 1998 der Familie und einem normalen Leben den Rücken. Von seinem Vater verabschiedete er sich am Telefon. "Vati, auf Wiedersehen, du siehst mich nie wieder."

Anders als Uwe Böhnhardt meldet sich Uwe Mundlos in all den Jahren des Untergrunddaseins nie bei seiner Familie. Selbst als die Beziehung zu Zschäpe scheitert und sie sich ausgerechnet Böhnhardt zuwendet, hält Mundlos an der Dreierkonstellation fest. Mundlos' Vater meint, sein Sohn sei aus "falsch verstandener Freundschaft" mit Böhnhardt geflohen, weil dem möglicherweise eine Gefängnisstrafe drohte. Böhnhardt sei für Mundlos ein Vorbild gewesen. "Mein Sohn war sehr naiv, fühlte sich geschmeichelt, als Freund von Böhnhardt zu gelten." Die Hilflosigkeit gegenüber der Entwicklung des Sohnes, das Nichtverstehen spricht aus diesen Beschreibungen. Auch das Bedürfnis, jemanden verantwortlich zu machen.

Auf der schiefen Bahn

Ähnlich erging es Böhnhardts Familie. Auch Brigitte Böhnhardt kämpft um ihren Sohn, um ihr Wunschkind, das zunächst so unkompliziert ins Leben startet. Doch dann kommen gleich mehrere Dinge zusammen. 1988 stirbt Uwes älterer Bruder unter noch immer ungeklärten Umständen. Die Familie vermutet, dass er beim Klettern verunglückt ist, Unbekannte legen den fast 18-jährigen Peter tot vor die Haustür. "Uwe hat das sehr getroffen, danach begannen die ersten Probleme mit ihm in der Schule", erzählte Brigitte Böhnhardt in einer Vernehmung den Ermittlern des BKA. Uwe kommt das große Vorbild abhanden und kurz darauf mit der DDR auch noch das Land seiner Kindheit. Er kann in der Schule immer schlechter folgen, fällt stattdessen als Kleinkrimineller auf. 1994 bringt er das erste Mal Uwe Mundlos mit nach Hause, man diskutiert über rechtsextreme Positionen, redet, streitet.

Doch weder die Mutter, die als Sonderschullehrerin im Umgang mit schwierigen Kindern geübt ist, noch der eher stille Vater können den Sohn erreichen. Sie nehmen die Hilfe der Behörden in Anspruch, Uwe Böhnhardt lebt eine Weile in einem Kinderheim. Bis er auch dort nicht länger bleiben kann. Gegen die rechtsextremen Überzeugungen kommt die Familie nicht an. Mundlos sei ihm total überlegen gewesen; Uwe Böhnhardt habe geglaubt, was Mundlos ihm gesagt hat, davon sind die Böhnhardts überzeugt.

Doch Brigitte Böhnhardt und ihr Mann geben nicht auf. Noch als ihr Sohn nach der Durchsuchung der Familiengarage bereits untergetaucht ist, versuchen die Böhnhardts den Kontakt aufrechtzuerhalten. Über Zettel im Briefkasten werden sie informiert, wenn sie den Sohn treffen können. Auch Zschäpe und Mundlos sind dann dabei. Bis zum Frühjahr 2002 kommt es immer wieder zu Begegnungen, bei denen sie das Trio davon zu überzeugen versuchen, sich zu stellen. Nach Ansicht von Ermittlern sollen die Böhnhardts die NSU-Terroristen auch mit Geld unterstützt haben.

Am 5. November 2011 hat der Kampf ein Ende, das Telefon klingelt und Beate Zschäpe sagt: "Der Uwe kommt nicht mehr." Uwe Mundlos hat Uwe Böhnhardt und dann sich selbst erschossen. Nach all den Jahren wird es keine Wiederannäherung mehr geben, kein Verstehen, kein Umdenken. Es bleiben Trauer, Versagensgefühle und Schuld. Auch die Eltern von Uwe Mundlos und die Mutter von Beate Zschäpe sollen noch in diesem Monat vor Gericht aussagen.

Quelle: n-tv.de

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