Politik

Ist das Angebot am 1. August wirklich groß genug? Die Legende vom Kitaplatz-Wunder

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Mit offensichtlichem Stolz hat Ministerin Schröder ihre Statistiken zum Ausbau des Kita-Platz-Angebotes in Berlin vorgestellt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bald haben Kleinkinder einen rechtlichen Anspruch auf einen Platz in einer Kindertagesstätte. Lange galt dieses Versprechen als uneinlösbar, weil es einfach zu wenig Plätze gab. Jetzt heißt es überraschend: Sie sind im Übermaß da. Kann das stimmen?

Endlich hatte Familienministerin Kristina Schröder einen Grund, ein Lächeln aufzusetzen. Als die CDU-Politikerin Mitte Juli neue Zahlen zum Stand des Kitaplatzausbaus vorstellte, wusste sie mit guten Nachrichten zu überraschen: Laut Schröder stehen demnächst 813.000 Kita-Plätze für Kleinkinder zur Verfügung, 30.000 mehr als veranschlagt. Eine Klagewelle, das sagte sie selbstbewusst, werde es darum nicht geben. Und jetzt, zwei Wochen später, gibt ihr auch noch die auflagenstärkste Tageszeitung Deutschlands recht. Unter dem Titel "Die große Kinderüberraschung" hat die "Bild" eine Umfrage unter 27 größeren Städten in Deutschland veröffentlicht. Nur in Köln, Düsseldorf, Dresden und Wiesbaden ziehen Eltern demnach vor Gericht.

Ist also alles bestens, wenn am 1. August der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz in Deutschland für alle unter Dreijährigen in Kraft tritt? Kann Ministerin Schröder nach unzähligen Rückschlägen in der Familienpolitik ihren ersten großen Erfolg feiern?

Die Zahlen sind völlig unrealistisch

Noch vor kaum einem halben Jahr waren sich Experten sicher: Der Kitaausbau geht zu langsam voran. Das Statistische Bundesamt meldete zum Stichtag 1. März 2013 knapp 600.000 Kita-Plätze. Und jetzt? Nach nur ein paar Wochen sollen es 200.000 mehr sein? Und das ausgerechnet, kurz bevor der Rechtsanspruch in Kraft tritt?

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Eine Aufsichtsperson auf drei Kinder - in Deutschland ist das der Ausnahmefall.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) in München hat den Ausbau der Kitaplätze von 2007 an beobachtet. "Es war ein rasanter linearer Anstieg von 2007 bis 2013", sagt der Leiter der Kinderabteilung Bernhard Kalicki. "Aber, dass wir jetzt sprunghaft im letzten Halbjahr dieses Wunder hinbekommen und den Rechtsanspruch flächendeckend erfüllen können, scheint mir völlig unrealistisch."

Kalicki zufolge hat Ministerin Schröder mit Datenmaterial von "eigener Qualität" gearbeitet. Als am zuverlässigsten beschreibt er die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Schröder dagegen habe sich ausschließlich auf die Meldungen der Länder verlassen. Und das Verhalten von Hamburg, Bremen und Co. vergleicht der Experte gern mit dem eines Kindes, das man einige Monate vor der Zeugnisvergabe fragt, ob es den Sprung in die nächste Klasse packt. "Es wird kurz überlegen und dann sagen: Klar schaffe ich das."

Kalicki ist sich sicher: "Verlässliche Zahlen werden erst wieder im März 2014 erhoben." Dabei handelt es sich um die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Die Prognose des Wissenschaftlers angesichts der Erfahrungen der vergangenen Jahre: "Wir haben noch nicht ausreichend Plätze, der Ausbau muss weitergehen."

Die Klagewelle ist gewiss

Und selbst, wenn vertrauensvolle Statistiken tatsächlich ausreichend Plätze ausweisen sollten, bedeutet das noch lange nicht, dass die Plätze wirklich reichen. Das Bundesfamilienministerium rechnet derzeit mit 780.000 notwendigen Kita-Plätzen, weil es davon ausgeht, dass knapp 40 Prozent der Kinder einen Platz in Anspruch nehmen werden. Das Ministerium berücksichtigt dabei aber keine regionalen Unterschiede. In Großstädten ist der Bedarf deutlich größer als auf dem Land. Am Ende, davon sind Experten überzeugt, könnte eine Überversorgung in der Provinz und eine Unterversorgung in den Metropolen stehen. Hinzu kommt, dass die schiere Zahl 780.000 nichts darüber aussagt, ob die Plätze auch bedarfsgerecht sind. Entscheidend sind hier zum Beispiel die Öffnungszeiten von Kitas. In der Statistik spielen die aber keine Rolle.

Dass also auch die vermeintlich abgewendete Klagewelle aufschlägt, erscheint gewiss. Dass sie noch nicht aufgeschlagen ist, hat vor allem einen Grund: Es gibt noch überhaupt keine Grundlage. "Der Rechtsanspruch tritt ja erst am 1. August in Kraft", sagt Professor Kalicki. "Anhand der jetzt verfügbaren Daten kann man noch überhaupt nicht absehen, ob da eine Welle hochkommt."

Kindeswohlgefährdende Bedingungen

Die Bilanz des Kitaplatz-Ausbaus fällt insgesamt also übler aus, als Ministerin Schröder und die "Bild"-Zeitung postulieren. Viel übler. Denn noch ein weiterer Aspekt ist entscheidend für die Bewertung des Ausbaus. Die Qualität der Kitaplätze, die Ministerin Schröder zusammen mit den Ländern und Kommunen in den vergangenen Jahren geschaffen hat.

Laut Kalicki bleibt das Qualitätsniveau bestenfalls erhalten. Und das heißt: "Wir haben relativ wenige wirklich gute bis ausgezeichnete Einrichtungen. Dafür haben wir gut zehn Prozent mit unzureichender Qualität. Das ist unbefriedigend." Kalicki beruft sich bei dieser Einschätzung auf die sogenannte NUBBEK-Studie, das Ergebnis eines großangelegten Forschungsprojektes mehrerer Institute zur Bildung und Betreuung in Deutschland, die Ende September erscheint. Und die wirkt angesichts älterer Publikationen auch noch ausgesprochen optimistisch.

Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge fehlt angesichts immer mehr Kita-Plätzen vor allem eines: Erzieher. Derzeit muss sich ein Betreuer im Schnitt um 4,5 Kinder kümmern. Den empfohlenen Betreuungsschlüssel von drei Kindern pro Erzieher erreicht kein Bundesland.

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO), die in Deutschland 2300 Kindertagesstätten führt, kommt nach einer Befragung von Mitarbeitern zu dem Schluss: Mit der steigenden Zahl der Kitaplätze verschlechtert sich der Betreuungsschlüssel weiter. Der AWO zufolge kommen darum immer häufiger geringqualifizierte Aushilfen zum Einsatz. Auch die Fläche, die den Kindern in den Einrichtungen zum Toben und Lernen zur Verfügung steht, schrumpft pro Kopf. Ein besonders drastisches Bild zeichnet eine Erzieherin der AWO, die im Bericht zur Umfrage zu Wort kommt. Sie sagt: "Wir arbeiten hier ständig hart an der Grenze zu kindeswohlgefährdenden Bedingungen."

Quelle: ntv.de