Politik

Als Göring vor Gericht stand Die Nazi-Kriegsverbrecher in Nürnberg

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Er sei der Einzige, der "groß genug" sei, verurteilt zu werden, so Göring vor Gericht.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Es ist fast eine Art Familientreffen, das vor 70 Jahren in den Trümmern Nürnbergs stattfindet: Die alten Nazi-Größen Göring, Speer und Heß und die Spitzen der Wehrmacht sitzen auf der Anklagebank. Manche feixend, andere trotzig - und fast alle unbelehrbar.

Wäre es nach dem englischen Premier Winston Churchill gegangen, hätte es diesen Prozess nie gegeben. Erschießen solle man die "Hitler-Bande", so wirbt er lange vor Kriegsende, alles andere führe nur ins "Wirrwarr eines rechtstaatlichen Verfahrens". Den harten Kern der Nazis will er zu weltweit Geächteten erklären, die bei einer Identifizierung "ohne Überweisung an eine höhere Gewalt" erschossen werden sollten.

Doch Churchill setzt sich nicht durch und so kommt es schon kurz nach Kriegsende am 20. November 1945 zu einem bis dahin einzigartigen Mammutprozess: Im völlig zerstörten Nürnberg müssen sich die überlebenden Nazi-Größen aus Politik, Militär und Wirtschaft vor Gericht für die Verbrechen des Hitler-Regimes verantworten.

Unter den Angeklagten sind führende Politiker wie Reichsmarschall Hermann Göring, Hitlers Architekt und "Lieblingsnazi der Alliierten", Albert Speer, sowie Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß. Auch führende Militärs wie der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Wilhelm Keitel und Großadmiral Karl Dönitz, sitzen auf der Anklagebank, ebenso Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht und der berüchtigte Generalgouverneur für Polen, Hans Frank.

Die Vorwürfe, die die Staatsanwälte der Alliierten gegen die 24 Angeklagten erheben, lauten: gemeinsame Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Auch mehrere Institutionen sind angeklagt, unter anderem die SS und SA, die Gestapo sowie Generalstab und Oberkommando der Wehrmacht. Nicht nur das ist ein Novum, auch das Gericht an sich ist schon etwas Besonderes: Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass Sieger den Besiegten eines Staates den Prozess machen. Und es wird das Vorbild für den Jahrzehnte später geschaffenen Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.

Das internationale Militärtribunal in Nürnberg, das aus französischen, englischen, US-amerikanischen und sowjetischen Richtern und Anklägern besteht, findet 1945 vor einer imposanten Kulisse statt. Die Amerikaner lassen eigens den Gerichtssaal 600 vergrößern und mit allen technischen Errungenschaften der Zeit ausstatten. Es gibt eine Simultandolmetscher-Anlage, Radioreporter können live aus dem Saal berichten, das Verfahren wird auf Schallplatten aufgezeichnet. Die Kameramänner sollen unter Bedingungen wie in Hollywood-Studios filmen, weshalb die Techniker riesige Scheinwerfer installieren, die die Angeklagten blenden.

Angst vor Anschlägen

Auch die Sicherheitsvorkehrungen sind gigantisch. Hunderte Soldaten bewachen den Gerichtssaal und filzen jeden Besucher. Noch immer grassiert die Angst vor Anschlägen durch versprengte Nazis oder vor Befreiungsversuchen. Und es gibt noch eine andere Sorge: Dass sich die Angeklagten durch Selbstmord der Gerechtigkeit entziehen könnten - wie der Reichsleiter der NSDAP, Robert Ley, der sich noch vor Prozessbeginn in seiner Zelle erhängt. Fortan steht vor jeder Zelle ein Wächter und kontrolliert, ob die Inhaftierten noch leben.

Am 20. November führen die alliierten Soldaten die Angeklagten ins grelle Licht des Gerichtssaals, wo sie sich auf zwei Anklagebänken drängeln. Die Anzüge sitzen schlecht, Hermann Göring - im Gefängnis dünner geworden und von seiner Tablettensucht geheilt - muss auf seine Fantasieuniform und die Orden verzichten. Doch er ist nicht unterzukriegen, feixend grüßt er die Reporter, während die ehemaligen Militärs gewohnt zackig auftreten.

Für den US-amerikanischen Chefankläger Robert H. Jackson ist der Prozess die große Stunde des Völkerrechts. "Die Untaten, die wir zu verurteilen und zu bestrafen suchen, waren so ausgeklügelt, so böse und von so verwüstender Wirkung, dass die menschliche Zivilisation es nicht dulden kann, sie unbeachtet zu lassen, sie würde sonst eine Wiederholung solchen Unheils nicht überleben", sagt er in seiner Eröffnungsrede, die manche Beobachter zu Tränen rührt. "Dass vier große Nationen nicht Rache üben, sondern ihre gefangenen Feinde freiwillig dem Richterspruch des Gesetzes übergeben, ist eines der bedeutsamsten Zugeständnisse, das die Macht jemals der Vernunft eingeräumt hat."

Nur durch Bestrafung jener Einzelpersonen, die solche Verbrechen begingen, könne der Bestimmung des Völkerrechts Geltung verschafft werden. Für Jackson geht es dabei um nichts weniger als die Neuordnung der Welt nach den Grundsätzen des Rechts - wobei er besonders einen Straftatbestand hervorhebt, den die Welt bis dahin nicht kannte: "Die Einleitung eines unrechtmäßigen Krieges".

In den 218 Verhandlungstagen wird Jackson dafür sorgen, dass die Gräuel des unrechtmäßigen Krieges ans Licht der Weltöffentlichkeit kommen. Besonders eindrücklich wird für alle Anwesenden der 29. November, als die Anklage den Film "Die Konzentrationslager der Nazis" zeigt. Viele im Gerichtssaal weinen, selbst die Angeklagten zeigen sich beklommen nach den Bildern von Auschwitz. "Es war ein so angenehmer Nachmittag, bis man diesen Film zeigte", klagt Göring nachher.

Auch die weiteren Prozesstage bis zur Urteilsfindung werden für die Angeklagten nicht gerade angenehm. Kunstraub, Massenerschießungen, Experimente an Menschen - viele Nazi-Verbrechen kommen zur Sprache, Hunderte Anklagedokumente werden verlesen, 300.000 Versicherungen an Eides statt zusammengetragen. 240 Zeugen - sowohl Opfer des Holocaust als auch Handlanger des Regimes wie der Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz, Rudolf Höß, - treten vor Gericht auf und berichten über die Gräuel. Es gibt auch einen Überraschungsgast: Generalfeldmarschall Friedrich Paulus, der vor der Roten Armee in Stalingrad kapituliert hatte und bei dessen Auftritt Göring "Verräter" murmelt.

"Tragischer deutscher Idealismus"

Doch so erdrückend die Zeugnisse für die Verbrechen sind, für die Angeklagten ist der Prozess reine Siegerjustiz, bei der das Urteil ohnehin feststeht - eine Einschätzung, die auch Jahrzehnte später noch immer viele Deutsche teilen. Und sie halten an der Verteidigungslinie fest, auf die sie Göring eingeschworen hatte: Schuld waren vor allem Hitler und Himmler, sie selbst sind fehlgeleitete Opfer. So spricht Keitel von der "missbrauchten soldatischen Treue", Dönitz vom "tragischen deutschen Idealismus". Göring, der immerhin im Juli 1941 Reinhard Heydrich mit der Organisation der sogenannten "Endlösung der Judenfrage" beauftragt hatte, erklärt, dass die Verbrechen verschleiert worden seien und er "diese furchtbaren Massenmorde auf das Schärfste" verurteile. Niemals habe er einen Mord befohlen oder sonstige Grausamkeiten angeordnet.

Die Urteilsfindung fiel den alliierten Richtern sichtlich schwer, vier Wochen ziehen sie sich zur Beratung zurück: Die Franzosen sprechen sich gegen Todesstrafen aus, die sowjetischen Richter wollen am liebsten jeden Angeklagten am Galgen sehen. Die Amerikaner interessiert vor allem um eine Neuordnung der Welt, während es den Europäern besonders um die Sühne der millionenfachen Verbrechen geht. Schließlich, am 1. Oktober verkündet das Militärtribunal das Urteil: Wegen eines "Verbotenen Angriffskriegs, "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" und "Kriegsverbrechen" werden zwölf Angeklagte zum "Tod durch den Strang" verurteilt, sieben zu Haftstrafen im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis und drei Angeklagte werden freigesprochen.

Probleme mit den Galgen

Knapp zwei Wochen später, in der Nacht zum 16. Oktober, geht Henker John C. Woods in einer ehemaligen Turnhalle seinem Handwerk nach. Doch bei der Hinrichtung an den drei eigens errichteten Galgen kommt es zu Problemen. Da die Galgen falsch konstruiert sind, bricht das Genick der Verurteilten nicht, vielmehr werden diese langsam durch den Strick erwürgt. Auch ist die Falltür zu klein, so dass mehrere Verurteilte mit dem Kopf am Rand der Luke aufschlagen und nach dem Tod einen blutigen Anblick bieten.

Nur einer kann sich dem Tod durch den Strang entziehen: Göring zerbeißt wenige Stunden vor der Hinrichtung eine Zyankalikapsel. Seine Leiche wird allerdings nicht, wie er es prophezeit hatte, in einem marmornen Sarg ausgestellt. Vielmehr wird sie - gemeinsam mit den Leichen der Mitverurteilten - verbrannt, die Asche in einen Seitenarm der Isar gestreut. Von den größten Kriegsverbrechern Europas soll keine Spur mehr bleiben.

Quelle: ntv.de