Politik

Steinbrücks merkwürdiger Tag in Leipzig Die Rückkehr von Erdbeer-Peer

Die SPD feiert ihren 150. Geburtstag wie einen Staatsakt. Aber wo ist Peer Steinbrück? Lange scheint es so, als wolle die Partei ihren Kanzlerkandidaten verstecken. Dass am Ende doch alles ganz anders kommt, liegt auch ein bisschen an einem riesigen Erdbeerkuchen.

Und plötzlich menschelt es. "Sie waren immer wie ein Fels in der Brandung. Können Sie bitte so bleiben?", fragt die Dame mit den grauen Haaren und der geballten Lebenserfahrung. Peer Steinbrück, der am Nachmittag des 150. Geburtstags seiner SPD auf einer Bierbank auf dem Leipziger Marktplatz sitzt, ist sprachlos. Einige Sekunden vergehen: "Dann bleiben wir doch dabei", bringt der SPD-Kanzlerkandidat nur heraus.

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Auf dem Bürgerfest der SPD plaudert Schlagersänger Roland Kaiser mit Peer Steinbrück.

(Foto: dpa)

Viel Zeit zum Durchatmen hat er nicht. Der Nächste steht schon Schlange. "Bekommt man hier ein Autogramm vom zukünftigen Kanzler", fragt ein Mann mit bayerischem Akzent. Steinbrück macht alles mit. Egal, ob Händeschütteln, Fotos, Unterschriften oder kurze Wortwechsel. Zwei Studenten laden ihn zum Wohnzimmergespräch ein, woraufhin er sich die Handynummer notiert. Doch seine Assistentin drängelt schon. Einige Meter weiter soll er die große SPD-Jubiläumstorte anschneiden. Aber Steinbrück winkt erst einmal ab.

Es sind genau diese Bilder, auf die man in der SPD so lange gewartet hat. Man glaubt es kaum: Steinbrück, dem immer nachgesagt wird, dass er sich schwer tue mit Menschen, wirkt locker und kein bisschen angestrengt. Einige Meter entfernt schaut sein Wahlkampf-Berater Michael Donnermeyer zufrieden. Auf dem Marktplatz der Sachsen-Metropole ist die Welt plötzlich wieder in Ordnung. Wird am Ende, wenn die Deutschen am 22. September wählen, doch noch alles gut?

Dabei war dieser Tag bis dahin so gar nicht nach dem Geschmack des Kanzlerkandidaten verlaufen. Lange schien es so, als wolle die Partei ihn sogar verstecken. Auf den Bildern, die die Fotografen am Morgen vor dem Leipziger Gewandhaus machen, ist Steinbrück nicht zu finden. Als die Staatschefs aus ihren Limousinen steigen, schütteln sie viele Hände. Parteichef Sigmar Gabriel, der Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier, Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz, NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Generalsekretärin Andrea Nahles begrüßen unter anderem Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck. Sogar die Grünen-Spitzenpolitiker Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir zeigen sich kurz auf dem roten Teppich. Die Kameras klicken hundertfach, im Hintergrund spielt eine Drehorgel die Nationalhymne. Von Steinbrück keine Spur.

"Breakdance? Nur mit Merkel!"

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Immerhin: Die Kanzlerin gab ihm die Hand.

(Foto: dpa)

Der offizielle Teil der Feier im Gewandhaus ist mehr eine Gabriel- als eine Steinbrück-Show. Hier, etwa einen Kilometer Luftlinie entfernt von der ehemaligen Gaststätte Pantheon, in der Ferdinand Lassalle an jenem 23. Mai 1863 den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gegründet hatte, feiert die deutsche Sozialdemokratie ihren Geburtstag. Die SPD hat sich herausgeputzt, fast 1600 Gäste sind gekommen. Die Damen in festlichen Kleidern, die Herren im Dreiteiler, meist mit roter Krawatte. Ebenso auffällig sind die vielen grauen und schütteren Häupter auf den Zuschauerrängen des Konzertsaals. Diese Partei ist wirklich alt geworden. In der ersten Reihe, im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit, sitzen die Altkanzler Helmut Schmidt und Gerhard Schröder, Gabriel, Ehrengast Hollande, der Bundespräsident, die Kanzlerin und Bundestagspräsident Norbert Lammert. Einige Plätze weiter und ganz am Rand: Steinbrück.

Darauf beschränkt sich dann auch sein Dasein während des dreistündigen offiziellen Teils. Nur Kraft nennt den Kanzlerkandidaten kurz in ihrer Begrüßung. In den Ansprachen von Gauck und Hollande spielt Steinbrück keine Rolle, selbst auf das Podium tritt er nicht. Die große sozialdemokratische Rede an diesem Tag hält der Vorsitzende. Gabriel sorgt für Lacher ("Ich breakdance hier nur, wenn Frau Merkel mitmacht"), erklärt die Bedeutung seiner Partei ("Die SPD ist seit 150 Jahren das Rückgrat der Demokratie") und verbreitet Pathos ("Jeder Mensch, gleich welcher Herkunft, kann etwas Großes schaffen"). Er zitiert Bertolt Brecht ("Verändere die Welt, denn sie braucht es"), spricht epochale Sätze ("Ein besseres Land kommt nicht von allein") und erhält schließlich den stärksten Applaus.

Und Steinbrück? Sein Name fällt nicht einmal. Kein Mutmachen für den angeschlagenen Kanzlerkandidaten, nicht einmal ein kurzer Gruß. Der Mann, der die Genossen in vier Monaten eigentlich zurück ins Kanzleramt führen soll, findet in Gabriels leidenschaftlichem Rundumschlag schlicht nicht statt.

"Schon wieder ein Foto zum Erpressen"

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Am Ende des Tages verteilte Gabriel den Kuchen.

(Foto: dpa)

Zum zweiten Teil der Feier, dem Bürgerfest, das auf dem Leipziger Marktplatz stattfindet, zieht es zunächst kaum jemanden aus der ersten Riege der Partei. Auch Steinbrück soll hier später an einer Interview-Runde teilnehmen. Aber das Gerücht, dass er doch nicht kommt, hält sich hartnäckig. Hat er etwa Besseres vor? Dort, wo die Menschen mit SPD-Taschen herumlaufen und Air-Hockey spielen, ist der Auflauf noch überschaubar. Eine Band spielt groovigen Jazz gepaart mit Salsa. Einige Rentner stoßen ihre Gläser zusammen. Auf der Bühne spricht eine Moderatorin mit Manuela Schwesig und Klaus Wowereit. Die Sonne scheint, es geht gemächlich zu. Der große Zauber des rauschenden Festes vom Vormittag scheint irgendwo auf dem Weg vom Gewandhaus hierher verloren gegangen zu sein. Im Jahr 2013 spricht die SPD viel über Wohnzimmergespräche, aber kann sie auch noch Marktplatz?

Und ganz plötzlich ist er da. Auf einer Bank vor der Bühne sitzt Steinbrück, die schwarz-weiß gestreifte Krawatte akkurat geknotet, neben ein paar Bier trinkenden Genossen. Der Kandidat zum Anfassen. Die Menschen, die ihn umringen, sind stolz wie Bolle über die krakeligen Gemälde, die der Kanzlerkandidat ihnen auf verschiedenste Unterlagen kritzelt. "Schon wieder ein Foto, mit dem ich erpresst werden kann", sagt er, als eine Frau sich gemeinsam mit ihm ablichten will. Die Menge lacht. Es kann so einfach sein.

Die Assistentin hat schließlich Erfolg. Merkels Herausforderer folgt ihr in Richtung Bühne. Was ist ein Geburtstag schon ohne anständigen Kuchen? Steinbrück zieht ein Messer durch eine riesige Erdbeertorte, auf die mit Sahne eine 150 gemalt wurde, und verteilt dann die Stücke. Im Hintergrund zeigt eine Leinwand zufrieden mampfende Leipziger. Es ist voll geworden. Kanzlerkandidat und Kuchen - das zieht offenbar.

Steinbrück steht jetzt neben Roland Kaiser auf der Bühne. Er und die SPD - warum eigentlich? - will die Moderatorin vom Schlagerstar wissen. "Es ist nicht schädlich, Farbe zu bekennen. Ich polarisiere lieber, als das ich einfach nur nett bin", sagt Kaiser und schaut zu Steinbrück. Der grinst und ist sichtlich froh, endlich wieder im Mittelpunkt zu stehen. Woher er denn die Kraft nehme in diesen Tagen? "Ach das ist ein Halbtagsjob", entgegnet der 67-Jährige trocken und die Menschen auf dem Marktplatz lachen. Er schlafe immer gut, dazu lenke er sich mit Schach und Billard ab. Sagt Steinbrück, während Gabriel unten vor der Bühne Kuchenteller verteilt. Erst jetzt ist es seine Show, die Rollen sind klar verteilt.

Quelle: n-tv.de

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