Politik

Frankreichs Sünden und Kaiser Bokassas Erbe Die zentralafrikanische Tragödie

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In der Zentralafrikanischen Republik regiert die Gewalt.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

In der Zentralafrikanischen Republik herrscht das Chaos. Übergangspräsidentin Samba-Panza ruft zum Ende der Gewalt auf. Die alte Kolonialmacht Frankreich ist mit Truppen vor Ort. Sie ist an der Tragödie nicht unschuldig.

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Präsidentin eines zerrütteten Landes: Catherine Samba-Panza.

(Foto: AP)

Ein Hauch von Feierlichkeit weht durch das Parlamentsgebäude von Bangui, obwohl innerhalb und außerhalb der zent ralafrikanischen Hauptstadt Gewalt herrscht. Die dortige Bürgermeisterin Catherine Samba-Panza wird zur Übergangspräsidentin des vom Bürgerkrieg zerrissenen Landes gewählt - von den Abgeordneten eines Übergangsparlaments. Der viel Würde ausstrahlenden 59-Jährigen kommt nun die schier unlösbare Aufgabe zu, das Land zu befrieden. Ob ihr flammender Appell an die Konfliktparteien erhört wird, ist unklar. Denn Samba-Panza wird es alleine nicht schaffen, das bettelarme Land auf politisch auf Kurs zu bringen - von der Schaffung demokratischer Strukturen ganz zu schweigen. Dennoch hält Frankreichs Außenminister Laurent Fabius große Stücke auf Samba-Panza. Grund sind sicherlich auch die derzeit fehlenden Alternativen zu ihr.

Die Zentralafrikanische Republik ist seit 54 Jahren unabhängig. 1960, im sogenannten "Afrikanischen Jahr" nabelte sie sich neben anderen Ländern von ihrer Kolonialmacht - in diesem Fall von der französischen - ab. Im Gegensatz zu Großbritannien behält Frankreich in seinen ehemaligen Kolonien überwiegend großen Einfluss. So auch in Zentralafrika, daher es ist nur logisch, dass Paris bei der Befriedung des maroden Staates eine wichtige Rolle zukommt.

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Französische Soldaten in Bangui.

(Foto: REUTERS)

1600 französische Soldaten sind bereits in der Zentralafrikanischen Republik, um gemeinsam mit von der Afrikanischen Union (AU) entsandten Truppen für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Allerdings reichen die Einsatzkräfte nicht aus, zumal die Franzosen derzeit auch mit der Befriedung Malis beschäftigt sind. Die AU ist noch zu schwach, so ist die Europäische Union gefordert. Von 500 zusätzlichen Soldaten ist die Rede, angedacht sind eigentlich 1000. Unklar ist, ob die deutsch-französische Brigade zum Einsatz kommt. Deutschland will die EU-Truppe logistisch und finanziell unterstützen, Bundeswehrsoldaten sollen in Zentralafrika nicht zum Einsatz kommen.

Frankreich steht derzeit auch für seine Sünden in der Vergangenheit gerade. Nach der Entlassung Zentralafrikas mit seinen wichtigen Gold- und Diamantenvorkommen in die formale Unabhängigkeit stützen die Verantwortlichen in Paris brutale Potentaten. Unrühmliches Beispiel ist Schreckensherrscher Jean-Bédel Bokassa, der seinen Cousin David Dacko 1966 aus dem Präsidentenamt putscht. Fremdenlegionäre unterstützen Bokassa Ende der 1960er Jahre bei dessen Kampf gegen Gesundheitsminister Colonel Alexandre Banza.

Für kurze Zeit ein Kaiserreich

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Jean-Bédel Bokassa nach seiner Krönung zum zentralafrikanischen Kaiser.

(Foto: picture-alliance / dpa/epa)

Frankreich duldet auch, dass sich der Despot 197 2 zum Präsidenten auf Lebenszeit und Ende 1976 sogar zum Kaiser ausrufen lässt. Das kommt Paris sehr teuer, denn für die Kaiserkrönung verpulvert Bokassa rund 20 Millionen US-Dollar. Zum großen Teil fließt dafür Geld, das eigentlich zur Entwicklungshilfe bestimmt ist. Mit dem Kaiser, der insgesamt 17 Frauen hat und Dutzende Nachkommen - angegeben werden 37 bis 54 - zeugt, werden Geschäfte gemacht. So wird Frankreichs Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing zu gemeinsamen Jagdausflügen eingeladen. Aus Frankreich werden Waffen nach Zentralafrika geliefert, die Bokassa gegen seine Gegner einsetzt. Im Gegenzug erhält Paris aus dem Kaiserreich Uran für sein ambitioniertes nukleares Waffenprogramm. Obwohl die Tage Bokassas als Pseudo-Adliger und zentralafrikanischer Diktator schnell gezählt sind, Paris senkt Ende der 1970er Jahre den Daumen, bleiben seine Verbindungen zur französischen Armee eng. So eng, dass er für kurze Zeit sogar nach Frankreich ins Exil gehen und mit seinem riesigen Anhang im westlich von Paris gelegenen Schloss Hardricourt residieren kann - eine Pension inbegriffen.

Die linksliberale "Libération" geht mit der französischen Afrika-Politik hart ins Gericht: "Diese gescheiterten Staaten des französischsprachigen Afrikas sind auch das Ergebnis der 'Françafrique', die die Korruption gefördert hat", schreibt das Blatt unlängst. Auch Giscard d’Estaings sozialistischer Nachfolger François Mitterrand löst die Verbindungen zu den korrupten afrikanischen Eliten nicht. Das Ergebnis ist, dass Frankreich bei Konflikten in seinen ehemaligen Kolonien bis in die Gegenwart Feuerwehr spielt - so in der Elfenbeinküste, im Tschad, in Mali und in der Zentralafrikanischen Republik.

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François Bozizé

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Nicht, dass es in Zentralafrika keine Versu che gegeben hätte, halbwegs demokratische Strukturen zu schaffen. In den 1990er Jahren wird Ange-Félix Patassé durch eine Wahl Staatschef. Patassé, ein ehemaliger Bokassa-Anhänger, führt das Land kurze Zeit durch ein für dortige Verhältnisse ruhiges Fahrwasser. Doch 1997 ist Schluss mit dieser trügerischen Ruhe. Putschversuche erschüttern wieder das Land, und 2003 wird dem Präsidenten ein Auslandsaufenthalt in Niger zum Verhängnis. François Bozizé, der unter Bokassa ebenfalls Karriere gemacht und Patassé lange Zeit unterstützt hat, ergreift gewaltsam die Macht in Bangui. Sowohl Frankreich als auch die internationale Gemeinschaft bleiben untätig. Der Putsch wird geduldet, Bozizés Herrschaft wenig später sogar legalisiert. Denn es brennt in der Nachbarschaft: Im Sudan tobt der Darfur-Konflikt, auch der Tschad, dort mischt Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi kräftig mit, kommt nicht zur Ruhe. Paris unterstützt Bozizé sogar - aus Angst, der Konflikt könnte sich nach Zentralafrika ausbreiten.

Kämpfe auch in den Nachbarstaaten

Seit 2012 tobt ein gnadenloser Religionskrieg in Zentralafrika. Christliche und muslimische Rebellen kämpfen um die Vorherrschaft. Rund ein Fünftel der fast fünf Millionen Einwohner des Landes, das flächenmäßig doppelt so groß wie die Bundesrepublik Deutschland ist, befindet sich auf der Flucht. Michel Djotodia, vor nicht einmal einem Jahr durch einen Putsch an die Macht gelangt, hinterlässt nach seinem Rücktritt Krieg und unbeschreibliches Chaos. Die ihn unterstützenden muslimische Sénéka-Milizen liefern sich erbitterte Kämpfe mit den christlichen Balaka-Milizen. Dazu kommt die komplizierte Bevölkerungsstruktur mit zahlreichen Stämmen. Der zentralafrikanische Staat ist schwach, die Armee so gut wie nicht einsatzfähig - ein klassisches Machtvakuum, das die Zentralafrikanische Republik an den Rand des Abgrunds treibt. Leidtragende sind die Zivilisten, sie sind Opfer von Mordaktionen und Plünderungen durch die Milizen. Zehntausende flüchten zum Flughafen von Bangui, auch im übrigen Land herrschen Unruhen. Humanitäre Hilfe ist dringend nötig. Viel Geld wird dafür aus Europa nach Zentralafrika fließen müssen.

Auch in der engeren Umgebung der Zentralafrikanischen Republik herrscht Unruhe. In vier Nachbarstaaten - Südsudan, Sudan, Kongo-Kinshasa und Tschad - wird gekämpft. Nur in Kongo-Brazzaville und Kamerun herrschen politisch halbwegs stabile Verhältnisse. Militärisches Eingreifen von außen allein wird nicht ausreichen. Folgen muss die Suche nach einer nachhaltigen politischen Lösung. Sonst könnte die Regierungszeit der auf Ausgleich bedachten Christin Catherine Samba-Panza nur eine kurze Episode bleiben.

Die Europäer sind allein damit überfordert. Notwendig ist ein stärkeres Engagement der afrikanischen Staaten und ihrer Dachorganisation, der Afrikanischen Union. Das setzt aber stabile politische, ökonomische und soziale Verhältnisse in diesen Ländern voraus. Dazu gehört die Bekämpfung der in weiten Teilen des Schwarzen Kontinents grassierenden Korruption und der Zugang Afrikas zu einem von Fairness bestimmten internationalen Handel. So lange das nicht gewährleistet ist, ist Europa aus seiner Verantwortung nicht entlassen. Jedenfalls beginnt man in Frankreich endlich, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen und die alte postkoloniale Politik auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen.

Quelle: ntv.de