Politik

Vom Kringelverkäufer zum Übertürken "EU hat sich von Erdogan blenden lassen"

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Erdogan bestimmt die Geschicke der Türkei seit mehr als zehn Jahren.

(Foto: REUTERS)

Gezi ist tot, die Ära Erdogan könnte noch ein weiteres Jahrzehnt dauern. Çiğdem Akyol, die gerade ein Buch über die "Generation Erdogan" geschrieben hat, spricht mit n-tv.de  über Wesen und Vision des "mächtigsten Türken seit Atatürk".

n-tv.de: Die Polizei hat kürzlich den Gedenkmarsch für ein 15 Jahre altes Gezi-Opfer mit Tränengas und Wasserwerfern aufgelöst. Wie unbeschwert kann man als Mensch, der für Demokratie und Rechtstaat eintritt, in der Türkei noch leben?

Çiğdem Akyol: Als Mensch, der sich demokratische Verhältnisse wünscht, hat man es in der Türkei sehr schwer, vor allem, wenn man auf die Straße geht. Man muss damit rechnen, dass man Tränengas abbekommt oder mit Wasserwerfen beschossen wird.

Und das zusammengestutzte Demonstrationsrecht ist nur einer von vielen Einschnitten.

In Deutschland bekommt man ja vor allem die Internetzensur mit - die Sperren von Youtube und Twitter. Auch die türkische Presse ist einer strengen Zensur ausgesetzt. Die meisten Zeitungen gehören zu Mischunternehmen, zu denen gehören auch Baufirmen, Lebensmittelhändler und Möbelgiganten. Diese Unternehmen sind größtenteils abhängig von der Regierung. Regierungskritische Journalisten werden gefeuert. Wovon man in Deutschland weniger erfährt, sind die Eingriffe in das Privatleben, zum Beispiel das Alkoholverbot ab einer gewissen Uhrzeit. Die demokratischen Grundrechte werden Schritt für Schritt abgeschafft, Eingriffe in das Privatleben nehmen zu - und mit all diesen Entwicklungen wird jetzt eine ganze Generation groß.

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Çiğdem Akyol, Jahrgang 78, berichtet für namhafte deutsche Medien über die Türkei. Die Autorin, die in Istanbul lebt, hat gerade ihr Buch "Generation Erdogan" veröffentlicht.

Gibt es überhaupt noch eine nennenswerte Opposition, geschweige denn eine starke Zivilgesellschaft?

Die Opposition ist sehr schwach. Sie besteht aus drei Parteien, der CHP (Sozialdemokraten), der MHP (Nationalisten) und der HDP (Kurden). Die ersten beiden machen seit einem Jahrzehnt nichts anderes, als sich an Recep Tayyip Erdogan abzuarbeiten. Sie zeigen keine Alternativen auf. Die Kurden haben keine Chancen, weil sie die Zehn-Prozent-Hürde nicht überspringen können. Bisher fehlt auch eine starke charismatische Person, die Erdogan ablösen könnte. Die Zivilgesellschaft, die 2013 bei den Gezi-Protesten zu Hunderttausenden auf der Straße gewesen ist, hat sich viel mehr ins Private zurückgezogen. Ich sehe keine neue große Protestbewegung auf uns zukommen.

Jahrelang hat die EU Erdogan hofiert. War nicht schon sehr früh klar, in welche Richtung er das Land lenkt?

Die Performance, die er dieser Tage hinlegt, ist sicher keine Überraschung. Er hat immer die Macht gewollt. Die EU hat sich von Erdogan mit den schönen Wirtschaftszahlen blenden lassen. Und dadurch, dass man plötzlich auch in der Türkei einen Ansprechpartner auf Augenhöhe hatte, der sich ganz offensiv um die Beziehungen zu Westeuropa bemühte. Man wollte die Kehrseite nicht sehen.

Hätten die Gezi-Proteste das Wesen des Systems Erdogan nicht unübersehbar offengelegt, wäre es womöglich noch immer so. In einer Passage Ihres Buches schreiben Sie: Erdogan hätte als mächtigster Türke seit Atatürk als großer Modernisierung in die Geschichte eingehen können.

Das wird er wahrscheinlich immer noch - jetzt aber im negativen Sinne.

Wann endet die Ära Erdogan?

2023 feiert die Republik ihr 100-jähriges Bestehen. Bis dahin will Erdogan die Türkei in seinem Sinne umgestalten. Vom selben Thron, auf dem einst Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk saß, will er auf seine Gesellschaft herabschauen. Diesen Wunsch hat Erdogan ganz ausdrücklich so geäußert.

Wunsch und Wirklichkeit sind nicht immer deckungsgleich. Erdogan will die Verfassung ändern und die Türkei in eine Präsidialrepublik verwandeln. Dafür braucht seine AK-Partei bei den Parlamentswahlen im Sommer eine Zwei-Drittel-Mehrheit.

Bisher hat Erdogan bei jeder Wahl die Zwei-Drittel-Mehrheit verfehlt. Es ist also unwahrscheinlich, dass es diesmal klappt. Die AKP wird womöglich aber wieder mehr als 50 Prozent holen und kann so weiterhin allein regieren.

Könnte es diesmal nicht doch anders kommen? Hat Erdogan bei seinen Anhängern nicht auch Kredit verspielt? Er pflegte stets sein Image als Mann aus einfachen Verhältnissen. Jetzt lebt er in einem Palast mit mehr als 1000 Zimmern.

Der Bau des Palastes hat mehrere Gründe. Der kleine Sesamkringel-Verkäufer, der Erdogan einst war, hat jetzt Macht und Geld. Das genießt er. Und er genießt, dass er das jetzt all seinen Gegnern zeigen kann. Seinen Anhängern sagt er: Diesen Palast habe ich für euch gebaut. Das türkische Volk braucht so einen Palast. Er spielt mit dem Selbstbewusstsein, das er den Massen gibt. Er zeigt: Einer von euch hat es geschafft, in so einen Palast zu ziehen und suggeriert: Ihr könnt das auch.

Das Volk hat ja jetzt schon das Gefühl, an Erdogans Aufstieg teilgehabt zu haben.

Ja. Erdogan hat dem Land Stabilität gebracht. Vor seiner Ära gab es ständig Neuwahlen. Hinzu kommt der wirtschaftliche Aufschwung vor allem für die Mittelschicht. Mittlerweile kann sich aber auch die Unterschicht endlich etwas leisten. Für seine Anhänger ist Erdogan der Vater der Nation.

Mit Çiğdem Akyol sprach Issio Ehrich

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Quelle: ntv.de