Politik

Kampf gegen Corona Ein Impf-Chaos sieht anders aus

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Impfstart in Deutschland war am 27. Dezember.

(Foto: imago images/Future Image)

Die Impf-Kritik an der Regierung reißt nicht ab. Es geht nicht schnell genug voran, an vielen Stellen ruckelt es noch. Doch spielt sich in den Pflegeheimen wirklich ein "Impf-Chaos" ab?

Kerstin Jähne hat ihre Pflegeeinrichtung gut auf diesen Tag vorbereitet. Nach einem Schreiben des Berliner Senats im November hat die Leiterin der "Residenz Dahlem" alles getan, um schnell an einen der ersehnten Impf-Termine zu kommen: Pünktlich hat sie die Anzahl der benötigten Impfdosen für Bewohner und Mitarbeiter dem Senat übermittelt, alle Einwilligungserklärungen unterschrieben eingesammelt und eine Impfstation in ihren Räumlichkeiten eingerichtet. Am 31. Dezember und 1. Januar war es dann so weit: Zwei mobile Impfteams haben über zwei Tage verteilt 106 von insgesamt 122 Bewohnern und Mitarbeitern der Pflegeeinrichtung geimpft.

Die erste Impf-Runde sei gut gelaufen, sagt Jähne. Dafür sei aber eine gute Vorbereitung vonseiten der Pflegeeinrichtungen notwendig. Neben den unterschriebenen Einwilligungserklärungen muss der Ablauf an den Impftagen genau durchgeplant werden. Angefangen mit der Reihenfolge, in der die Bewohner geimpft werden, angepasst an deren Tagesrhythmus und ihre körperliche und mentale Verfassung. Für eine Impfdosis müssen fünf Bewohner gemeinsam in einen Wartebereich gebracht werden, zwei können gleichzeitig geimpft werden. Vorher führt ein Arzt noch die Anamnese durch, währenddessen kann die Impfdosis vorbereitet werden. Für den Fall eines allergischen Schocks muss eine Notfallliege bereitstehen und ein Ruhebereich eingerichtet werden, in dem sich die Bewohner nach der Impfung 30 Minuten erholen können, auch um eventuelle Reaktionen zu beobachten.

Doch so reibungslos klappt es nicht immer. Die Bundesregierung steht wegen des teilweise holprig angelaufenen Impfstarts stark in der Kritik. Zuerst sprachen einzelne Wissenschaftler von einem "groben Versagen", dann trat die SPD noch einmal kräftig nach und verlangte in einem vierseitigen Fragenkatalog Antworten von der CDU. Das "Impf-Debakel": Die EU habe falsch eingekauft und Gesundheitsminister Jens Spahn nicht schnell genug ausreichend Impfdosen für Deutschland organisiert, lautet der Vorwurf. In den Pflegeeinrichtungen könne deshalb nicht so schnell geimpft werden wie erhofft, jede Impfverzögerung gefährde Menschenleben.

Einwilligungserklärungen sorgen für Verzögerungen

Auch bei Jähne verlief nicht alles nach Plan. "Kurz vor dem Impf-Termin hat uns der Senat mitgeteilt, dass Mitarbeiter doch nicht geimpft werden können", sagt Jähne. Stattdessen habe sie Codes zugeschickt bekommen, mit denen sich die Pflegekräfte selbst einen Termin in einem Berliner Impfzentrum buchen sollten. Das sei eine Zumutung, findet die Heimleiterin. "Die Freizeit meiner Pflegekräfte ist ohnehin schon knapp", sagt Jähne. Und die müssten sie dann für eine Fahrt zum Impfzentrum opfern. Das verringere auch die Impfbereitschaft. Am Ende hatte sie Glück: Nach der Impfung der Bewohner waren noch Impfdosen übrig, die an ein paar Pflegekräfte verteilt wurden. Für alle hat es aber nicht gereicht.

Trotzdem: Von einem "Impf-Chaos", wie es derzeit heißt, könne nicht die Rede sein, sagt Jähne. Das bestätigt auch Peter Müller. Er ist Pressesprecher der Victor's Group, die mit 130 Einrichtungen in 15 Bundesländern eines der größten Pflegeheimunternehmen Deutschlands ist. In etwa 25 Prozent aller Standorte wurde bereits geimpft oder liegen Impftermine vor. "Es läuft noch nicht alles rund, aber das ist ganz normal, weil das Prozedere eben neu ist", sagt Müller. Schwierigkeiten machen zum Beispiel die Einwilligungserklärungen. Bei demenzkranken Heimbewohnern werden diese von verfügungsberechtigten Verwandten unterschrieben. Das kann dauern. Doch ohne die Unterschriften können die Bewohner nicht geimpft werden und das Heim kann nicht die benötigte Anzahl von Impfdosen an das Gesundheitsamt übermitteln.

Sind die bürokratischen Hürden aber erst einmal überwunden, verliefen die Impfungen weitestgehend problemlos. Dass die Impfdosen am Anfang noch knapp sind, sei von Anfang an klar gewesen, sagt Müller. Eine Priorisierung nach Alter fände deswegen in den Heimen aber nicht statt. Ist das mobile Impfteam vor Ort, werden alle Heimbewohner, die es wünschen, geimpft, Mitarbeiter inklusive. Zwischen den Bundesländern gebe es dabei keine nennenswerten Unterschiede. Dass es in manchen schneller vorangeht als in anderen, liegt nach Müllers Einschätzung eher an der Größe der jeweiligen Bundesländer und die damit verbundenen logistischen Herausforderungen. Er ist dennoch zuversichtlich, dass bis Ende Januar alle impfbereiten Bewohner der 130 Einrichtungen die erste Impfung bekommen haben.

Logistische Herausforderungen gibt es auch in Berlin. Mit dem heutigen Stand wurden 21.955 Menschen geimpft, die meisten davon (14.247) in Pflegeheimen. Ungefähr 90 Prozent der Bewohnenden in Berliner Pflegeheimen, die einverstanden waren, wurden somit geimpft. Das sei eine hervorragende Leistung, sagt Gabriele Schlimper, Chefin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin. Sie vertritt viele Pflegeheime und Pflegedienste und kennt die Hürden. Es könnte alles ein wenig schneller gehen, wenn auch die Bevollmächtigten sich eher um die Einverständniserklärungen kümmern würden. Dennoch laufe es gut genug, dass nun auch ambulant geimpft werden könne.

*Datenschutz

"Hoffnung größer als Furcht vor dem Chaos"

Seit Anfang der Woche können sich in Berlin und in Brandenburg auch über 80-Jährige, die zu Hause wohnen, impfen lassen. Rund 2500 Senioren wurden in Berlin zuerst schriftlich eingeladen, kostenlos mit einem Taxi in ein Impfzentrum zu fahren. Doch das bringt völlig andere Herausforderungen mit sich. Online oder telefonisch müssen sie vorher einen Termin machen. "Für viele alleine kaum zu schaffen", sagt Schlimper. Die meisten sind auf die Unterstützung von Angehörigen angewiesen. Die Bestellung der Taxis läuft zwar gut an. "Unklar ist, was mit den älteren Menschen passiert, die zu Hause leben und zu schwach oder zu krank sind, um selbstständig mit dem Taxi fahren zu können", kritisiert Schlimper. Hier müsse noch nachgebessert werden.

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Doch selbst wenn von der Termin-Vergabe bis hin zur Anfahrt alles geklappt hat: Angehörige dürfen die über 80-Jährigen nicht ins Impfzentrum begleiten. "Der Impfstoff ist derzeit zu knapp, um mobile Impfteams auch in private Häuser zu schicken", sagt Schlimper. Sie hofft deshalb auf einen schnellen Start des Moderna-Impfstoffs, der nun auch die Zulassung der europäischen Aufsichtsbehörde hat. Der Moderna-Stoff braucht anders als das Biontech-Mittel keine aufwändige Kühlung und kann auch in Arztpraxen gelagert und so einfacher verteilt werden.

Reibungslos läuft es derzeit in Deutschland also sicher noch nicht. Nur meckern ist aber auch keine Lösung, findet Schlimper. Pressesprecher Müller sagt, der Wirbel, der um das Impfen gemacht werde, sei ihm zu dramatisch. Seine Heimbewohner haben teilweise noch den Krieg miterlebt, die freuen sich zwar auf den Impfstoff, bleiben aber dennoch entspannt. "Die Hoffnung auf den Impfstoff ist größer als die Furcht vor dem Chaos."

Quelle: ntv.de